Stolberg: Roman „Roxy“: Reise in die Zeit von Miniröcken und Kofferradios

Stolberg : Roman „Roxy“: Reise in die Zeit von Miniröcken und Kofferradios

Wer glaubt, eigentlich seien alle Liebesgeschichten in ihren erdenklichen Varianten bereits geschrieben, kann sich mit dem neuen Roman von Dietmar Sous vom Gegenteil überzeugen. In „Roxy“ nimmt die Liebesgeschichte einen Verlauf, der sehr speziell ist, ohne abstrus zu sein.

Mitte der 1970er Jahre: Der junge Paul, „Roxy“ genannt, ist ein Analphabet aus dem Arbeitermilieu. Aus Hörfunksendungen häuft er ein enormes Wissen an, so dass es ihm gelingt, den Analphabetismus selbstbewusst zu überspielen. „Er ist ein großer Bluffer“, beschreibt Sous. „Roxy“ verliebt sich in Sonja, eine Tochter aus gutem und reichem Hause.

Aus dem Klassenunterschied, „Roxys“ Erfahrungen als Hilfsarbeiter, der Tatsache, dass der 18-­Jäh­rige es versäumt, den Kriegsdienst zu verweigern und als Deserteur gesucht wird, bevor er als Zivildienstleistender im Krankenhaus landet, erwächst ein Buch, das sehr viel mehr ist als „nur“ ein origineller Liebesroman.

Dem Stolberger Autor gelingt mit literarischer Leichtigkeit etwas sehr Seltenes: Sous liefert mit „Ro­xy“ einen sozialkritischen Roman ab, hebt dabei aber nicht einmal den moralischen Zeigefinger, sondern unterhält den Leser durchgängig. Zahnlos ist die Sozialkritik nicht, dennoch prangert Sous nicht an, sondern amüsiert; radikal sind lediglich die Emotionen des „Roxy-Music“-Fans Paul.

Sein Desinteresse an der ihn umgebenden scheinbar heilen Welt ist fatalistisch, seine Liebe zu Sonja bedingungslos. Dietmar Sous erzählt die Geschichte einer wahren Liebe mit tiefgründiger Romantik und doch fernab jedes Klischees.

Die Handlung des Buchs überrascht mit witzigen wie tragischen Wendungen und fesselt kurzweilig im Stile eines Roadmovies. Sie ist mit illustren Randfiguren gespickt, mit viel Humor und bisweilen auch Melancholie eng und authentisch verwoben mit der Zeit, in der Frauen Miniröcke trugen, Männer Zigaretten der Marke „Güldenring“ rauchten, und die Musik aus dem Kofferradio kam.

In gewisser Weise ist „Roxy“ auch ein Heimatroman, denn „beim Schreiben habe ich immer Stolberg und Aachen vor Augen“, erklärt Dietmar Sous. Streng an die lokalen Gegebenheiten halte er sich aber nicht. „Wenn der Tivoli strategisch besser in der Innenstadt liegt, dann positioniere ich ihn halt dorthin.“

Leser aus der Region werden bei der Lektüre von „Roxy“ immer wieder auch auf Vertrautes treffen, sich zum Beispiel an eigene Besuche in einer Kupferstädter Gaststätte oder in einem Aachener Programmkino erinnern.

Mit seinem neuen Roman „Roxy“ ist es Dietmar Sous einmal mehr gelungen, die großen literarischen Themen Liebe, Tod, Gesellschaft und Individuum in einem amüsanten, spannenden und vertrauten Kosmos aus Ort, Zeit, schrägen Charakteren und einer organisch gewachsenen Handlung zu vereinen.

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