Stolberg: Rollentausch bei Problemkindern

Stolberg: Rollentausch bei Problemkindern

Jungen standen eigentlich immer an erster Stelle. Roland Herzig weiß das ganz genau, schließlich kann er auf eine langjährige Erfahrung zurückgreifen. Jetzt aber muss sich der Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) der Stadt Stolberg auf eine ganz andere Entwicklung einstellen.

Denn die Mädchen laufen den Jungen mittlerweile den Rang ab. Und das stellt die Mitarbeiter des städtischen Jugendamtes vor ganz neue Herausforderungen.

„Die Rolle der Mädchen in der Gesellschaft hat sich generell gewandelt”, weiß Herzig. Und dieser Wandel geht einher mit der Entstehung bislang nicht bekannter Problemfelder. Vor allem die Gruppe der 13- bis 17-Jährigen ist davon betroffen. Allein in Stolberg zählt das Jugendamt derzeit rund 20 von ihnen, die immer wieder auffallen und in Obhut genommen werden müssen.

Roland Herzig spricht von „einer deutlichen Steigerung”, und will das nicht nur auf die Quantität bezogen wissen. Auch die Qualität der Auffälligkeiten ist eine neue. „Wir stellen ein erhöhtes Potenzial an Gewalt fest”, so der ASD-Leiter.

Für Willi Seyffarth ist die Entwicklung eine Konsequenz aus den gesellschaftlichen Veränderungen. „Die Eltern werden immer erziehungsschwächer, deshalb sind die Kinder früher und zunehmend auf sich alleine gestellt”, so der Jugendamtsleiter. „Weil die Eltern oftmals hochgradig überfordert sind und die erforderliche Versorgung und Fürsorge nicht leisten können, beginnen die Kinder sehr früh, wie Erwachsene zu leben.”

Zu diesem Leben können Alkohol- und Drogenkonsum und Gewaltanwendung gehören. Auffällig häufig findet das verfrühte Erwachsenwerden wider Willen aber auch Ausdruck in Schwangerschaften. „Eine frühe Partnerschaft ist ein Ersatz für das Elternhaus”, erklärt Roland Herzig. Allerdings geht eben diese Partnerschaft im Falle einer Schwangerschaft häufig zu Bruch. „90 Prozent der jungen Mütter sind alleinerziehend, weil ihre Väter zu jung sind oder sich ihrer Verantwortung nicht stellen”, so der ASD-Leiter. Auch Willi Seyffarth kann bestätigen: „Die Väter fallen fast immer aus.”