Pulse of Europe aus Aachen zu Gast in Stolberg

„Pulse of Europe“ : Das Jahr 2019 ist ein Schicksalsjahr

Bei ihren Kundgebungen setzen die Organisatoren von Pulse of Europe auf ein freundliches und respektvolles Miteinander. „Wir sind eine Bürgerbewegung, die nicht gegen etwas ist, sondern für etwas“, erläutert Joachim Sina das Konzept.

Das Zusammenkommen in positiver Atmosphäre habe die Menschen angesprochen, wie der Mitinitiator der Aachener Gruppe weiß. Diese positive Stimmung wollen die Europabefürworter nun auch in Stolberg verbreiten: Sie sind zu Gast beim Neujahrsempfang der Stadt im Zinkhütter Hof.

Den Besuch bezeichnet Sina durchaus als Experiment. „Bei Festveranstaltungen sind die Leute es gewöhnt, nur zuzuhören und auf ihren Plätzen zu sitzen“, sagt er, „wir versuchen das zu durchbrechen.“ Die Idee sei, die Menschen wie bei den Kundgebungen auf dem Aachener Katschhof zu animieren, sich spontan zu ihrer Sicht auf Europa zu äußern.

Einzige Bedingung dabei: die Redezeit der einzelnen Teilnehmer beträgt maximal drei Minuten. Bei den Veranstaltungen in Aachen gilt außerdem das Konzept des offenen Mikros, jeder darf also mitmachen – außer Berufspolitiker, „die haben Sprechverbot“, sagt Sina. Eine Wechselwirkung mit der Politik gibt es aber natürlich trotzdem. Beispielsweise haben sich schon neue Parteien gegründet, die die Initiative als Vorbild nennen. Dazu gehört die Partei VOLT, die auch in Aachen vertreten ist. Außerdem würden etablierte Parteien Europa wieder in ihren Wahlkampf integrieren.

Hauptziel erreicht

Doch natürlich geht es hauptsächlich um die Bürger. „Ein wichtiges Ziel war, dass Europa überhaupt wieder ein Thema wird“, erklärt Sina. Das habe man erreicht. Vor einigen Jahren sei es ein Unthema gewesen, über das man nicht sprach, wenn dann fast ausschließlich negativ. „Mittlerweile ist Europa wieder ein durchaus positives Thema, das in die Köpfe der Menschen gerückt ist, sowohl rational, aber vor allem auch emotional“, behauptet der Organisator.

Das haben die Kundgebungen in besonderem Maße geschafft. Im Grunde laufen diese immer nach dem gleichen Muster ab. Zu Beginn ertönt der Pulsschlag, nach den Redebeiträgen schließt die Veranstaltung mit der Europahymne, die von allen zusammen gesungen wird – stehend im Kreis, gemeinsam Hand in Hand. „Das ist immer ein Gänsehautmoment, das unterschätzt man total“, schwärmt Sina.

Die Kundgebungen in Aachen besuchten zu Hochzeiten mehrere Tausend Menschen. Im Moment ist Winterpause, im Frühjahr geht es dann wieder los. Ein genauer Termin steht noch nicht fest, aber man plane für das Jahr 2019 besonderes Programm.

„Jetzt zur Europawahl ist die Lage wirklich ernst, dieses Jahr geht es um alles oder nichts“, sagt Sina. Überall gebe es nationalistische Abspaltungstendenzen und es bestehe die Gefahr, dass es eine europafeindliche Mehrheit ins EU-Parlament schaffe. „So könnten sie Europa von innen heraus kaputt machen“, fürchtet Sina.

Damit es so weit nicht kommt, wolle man alle Kräfte mobilisieren. Auch eine Social-Media-Kampagne ist geplant. „Im Grunde werben wir für die Wahl wie eine Partei, aber unsere Botschaft ist überparteilich: Europa ist wichtig!“ So wolle man auch unentschlossene Wähler oder solche, denen der letzte Impuls fehlt, dazu animieren, europafreundlich zu wählen. Dazu sollen die letzten Wochen vor der Wahl besonders effektiv genutzt werden, wie Sina berichtet: „Der Plan ist, dann wieder in den wöchentlichen Rhythmus zu fallen, wie es ganz am Anfang der Fall war.“

Herausragender Erfolg

Damals, am ersten Sonntag im März 2017, hatte es die erste Kundgebung auf der Terrasse vom Ratskeller gegeben. „Wir waren total überrascht, dass wirklich rund 300 Leute gekommen sind – trotz schlechtem Wetter und ohne zu wissen, was sie erwartet“, erinnert sich Sina. Als 22. Stadt hatte sich Aachen beteiligt, relativ schnell waren es 100 Städte in ganz Deutschland. Im Sommer 2017 war man bereits bei über 2000 Teilnehmern, „den Katschhof haben wir irgendwann richtig voll gekriegt“, sagt Sina nicht ohne Stolz. Gemeinsam mit Manfred Kutsch und einem Team von etwa 10 bis 15 Leuten kümmert er sich seitdem ehrenamtlich um die Organisation.

Joachim Sina kümmert sich in Aachen um die Organisation von Pulse of Europe. Er ist seit der ersten Stunde in Aachen dabei. Foto: Andreas Steindl

Immer öfter wird die Initiative seitdem auch außerhalb von Aachen eingeladen. Nach Stolberg hat zum Beispiel auch Alsdorf Interesse für den Neujahrsempfang angekündigt. Auch mit Schulen gibt es Kooperationen. „Das liegt uns besonders am Herzen, denn die Schüler sind die Wähler der Zukunft“, sagt Sina. In diesem Bereich würde er gerne noch mehr machen, doch dafür fehle leider auch oft Zeit und Geld. „Jeder von uns macht das ehrenamtlich in der Freizeit“, gibt der gebürtige Aachener zu bedenken. Finanziert werde die Initiative ausschließlich durch Spenden.

Überlegungen, die Kundgebungen auf die Städteregion auszuweiten, habe es auch gegeben, da immer wieder Menschen aus der Region in Aachen teilnehmen. „Wir sind da sehr offen für“, bekräftigt Sina. Doch dazu brauche es Menschen, die sich in ihren Orten selbst engagieren. Die Aachener Gruppe unterstütze sehr gerne, könne aber nicht selbst in anderen Orten Veranstaltungen organisieren.

Bisher sind sie sehr zufrieden mit der Beteiligung und dem Verlauf in den knapp zwei Jahren seit Entstehung. Die Teilnehmer würden es genießen, sich endlich zu Themen äußern zu können, die ihnen am Herzen liegen und sich mit anderen darüber auszutauschen. Aber Sina will die Stimmung nicht vorschnell beurteilen: „Bilanz ziehen werden wir erst nach der Europawahl, denn das wird eine Schicksalwahl.“

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