Projekt Generationsbrücke ist auf der Liester gestartet

Generationsbrücke : Der Altersunterschied beträgt 94 Jahre

Senioren und Kindergartenkinder verbringen Zeit miteinander und sollen davon profitieren. Darum geht es in dem Projekt Generationsbrücke auf der Liester in Stolberg.

Konzentriert schaut Lina auf das Blatt Papier, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Mit einem lilafarbenen Buntstift setzt sie an und versucht ihren Namen so perfekt wie möglich zu Papier zu bringen. Dabei erinnert das Schreiben vielmehr an ein Malen der einzelnen Buchstaben. Nach wenigen Sekunden ist es geschafft. Lina ist in großen Druckbuchstaben zu lesen. Fehlt nur noch der Punkt auf dem i.

„Das soll ein Herz sein“, sagt die Kleine wenige Augenblicke später und schaut dabei Hilde Walbeck an. „Das sieht toll aus“, meint daraufhin die Seniorin, und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Wirklich kennen tun sich das kleine Mädchen und die Seniorin nicht – und dennoch haben sie eine Gemeinsamkeit, die sie nun fast ein Jahr miteinander verbinden wird. Lina und Hilde Walbeck nehmen an dem Projekt Generationsbrücke teil. Bei diesem verbringen Kindergartenkinder und Senioren Zeit miteinander. Für sechs Kinder der Kita „Auf der Liester“ und sechs Bewohner des gleichnamigen Seniorenzentrums stand nun das erste Treffen an. Wie Klein und Groß ihre Aufregung überwunden haben? Und welche Rolle Luftballons dabei gespielt haben? Dazu später mehr.

Das Konzept der Generationsbrücke: Das Projekt soll eine Brücke zwischen den Generationen schlagen. Dies soll durch gemeinsames Singen, Spielen, Basteln und Erzählen gelingen. Regelmäßig werden die Kinder die Senioren besuchen – voraussichtlich einmal im Monat. Jedem Kind wird zudem ein entsprechender Partner zugeordnet. An diesem Vormittag müssen die Kleinen herausfinden, mit wem sie ein Tandem bilden.

Zunächst erhalten alle Teilnehmer Namensschilder. Noch sitzen Kinder und Senioren getrennt voneinander. Dann müssen die Kleinen ihre Partner, die auf ihren Namensschilder das gleiche Tierbild haben, finden. „Das ist dein Opa“, sagt Eren zu seinem Freund Hamza. „Trojan, die Frau hat auch eine Katze auf dem Schild“, flüstert die kleine Lina Trojan zu. Nun steht die Begrüßung auf der Tagesordnung. Während Lina forsch auf ihre Partnerin zuläuft, sind andere Kinder ein wenig zurückhaltender. Sie schütteln den Senioren die Hand und stellen sich vor.

Zeit miteinander verbringen: Das tun Kindergartenkinder und Senioren. Gemeinsam malen sie beispielsweise Bilder. Foto: ZVA/Sonja Essers

Bevor es zu dem ersten Treffen kommen konnte, mussten zunächst einmal Senioren gefunden werden, die am Projekt teilnehmen wollten. Ina Brück und Andrea Zimmermann vom Seniorenzentrum sowie Bianka Wilk und Susanne Jahn von der Kita setzten sich daraufhin zusammen und überlegten, welches Kind zu welchem Rentner passen könnte. Im Rahmen eines Info-Nachmittags sprach man mit den Eltern darüber. Ein erstes kurzes Kennenlernen fand kürzlich statt. Nun gab es die erste richtige Zusammenkunft.

„Das Projekt lohnt sich wirklich, weil davon beide Seiten profitieren“, ist sich Susanne Jahn sicher. Bereits zum dritten Mal findet das Projekt statt. In diesem Jahr zum ersten Mal im Neubau direkt neben der Kita. Doch auch als die Besuche noch in der einstigen Einrichtung im Amselweg stattfanden, hatten die Kinder daran großen Gefallen. „Wenn wir dort mit den Kindern spazieren waren, erzählten die Teilnehmer den anderen Kindern von dem Projekt. So wurde das Haus lebendig und auch die anderen Kinder hatten letztlich etwas davon“, sagt Jahn.

Nach der Begrüßung – zu der natürlich auch ein entsprechendes Lied gehört – wird es aktiv. Die Kinder stellen sich vor ihre Partner und werfen sich einen Luftballon zu. Lanna und ihre Partnerin Frau Sielaff sowie Hamza und Herr Metzen entpuppen sich als wahre Profis. Etwas wilder geht es bei Lina zu. „Sie ist ein richtiger Wibbelstätz“, sagt Hilde Walbeck und lacht. „Da haben sich wirklich Zwei gesucht und gefunden“, sich sich Jahn und Brück sicher.

Nachdem sich alle Teilnehmer mit Wasser oder Apfelsaft gestärkt haben, ist eigentlich noch ein Lied geplant. Aber Eren will es genau wissen. „Schlaft ihr auch hier?“, fragt der Kleine in die Runde. „Ja“, sagt Ina Brück. Doch das reicht Eren noch nicht als Antwort aus. „Warum?“, will er wissen. „Weil die Bewohner hier alle Zimmer haben“, fügt Brück hinzu. Mit einem leiden „Ok“ gibt Eren sich zufrieden – zumindest vorläufig. „Bist du auch eine Oma?“, fragt er seine Sitznachbarin Andrea Zimmermann, die die Frage verneint. Eren bohrt nach: „Wann wirst du denn eine Oma?“ Das sorgt für lautes Lachen bei den Senioren. „Ich werde meinen Sohn mal fragen“, sagt schließlich Zimmermann und lacht ebenfalls.

Im Rahmen des Projekts sollen die Kinder spielerisch Themen wie Pflegebedürftigkeit, Demenz oder auch den Tod als Bestandteile des Lebens kennenlernen. Bislang habe es glücklicherweise noch keine traurigen Momente gegeben. Im Gegenteil! Die älteste Teilnehmerin ist vor wenigen Wochen stolze 99 Jahre alt geworden. Das heißt: Zwischen dem Jüngsten und der Ältesten liegt
ein Altersunterschied von stolzen 94 Jahren.

Und dennoch können sich beide Altersgruppen problemlos miteinander beschäftigen – das zeigt auch die nächste Aufgabe. Nun wird es kreativ. Klein und Groß zeichnen gegenseitig die Umrisse ihrer Hände, malen die Bilder dann aus und schenken sie ihrem Tandem-Partner. Trojan hilft seiner Partnerin beim Ausmalen. Ihr Wunsch: rote Fingernägel. Gesagt, getan. Während Lina ihr Bild bunt gestaltet, setzt Hilde Walbeck auf gedeckte Farben. Lina legt der Seniorin einen grünen Stift hin. „Benutz den doch“, sagt die Kleine. „Aber dann habe ich doch grüne Hände“, entgegnet Walbeck.

Nach kurzem Überlegen greift Lina zur Farbe Lila. „Der wäre auch gut“, sagt sie. Die Seniorin beginnt zu lachen. „Morgen haben sie vor lauter Lachen Bauchschmerzen“, sagt Ina Brück. Ähnlich geht es auch den anderen Teilnehmern. Nach einer guten Stunde verabschieden sich Klein und Groß voneinander – mit breiten Lächeln und strahlenden Augen. Im nächsten Monat geht es weiter.