Politik: Teilhabe für Menschen mit Behinderung

Politische Teilhabe: Menschen mit Behinderung sollen in der Politik mitmischen

Der Zukunftsworkshop „Mehr Partizipation wagen!“ bringt Menschen mit Behinderung, Vereine und Politiker zusammen. Nach zwei Tagen Austausch und Diskussion im Ökumenischen Gemeindezentrum in Stolberg sind konkrete Ergebnisse entstanden: ein Stammtisch, ein Wegweiser und mehr Inklusion im Jugendparlament.

Für Menschen mit Behinderung wird es an manch einer Stelle in Stolberg herausfordernd. So lässt es sich zum Beispiel nur schwer mit einem Rollstuhl über das ruckelige Kopfsteinpflaster in der Altstadt fahren. Für Menschen mit geistiger Behinderung könnte es hingegen schwierig werden, die Inhalte auf der Webseite der Stadt zu verstehen.

Hier und da hakt es noch in der Kupferstadt, wenn es um Barrierefreiheit geht. Zwar arbeitet die Verwaltung schon eng mit behinderten Menschen zusammen daran, diese Schwachstellen zu beheben. Künftig sollen Menschen mit Behinderung aber noch mehr politisch mitmischen können.

Aus diesem Grund trafen sich diese Woche rund 25 Personen im Ökumenischen Gemeindezentrum: darunter Menschen mit Behinderung, Vereine und Politiker. Über zwei Tage erarbeiteten sie gemeinsam unter dem Titel „Mehr Partizipation wagen“ ein Konzept für die Zukunft.  Initiiert und begleitet wurde dieser Workshop von der Lag Selbsthilfe NRW, die aktuell in mehreren Städten unterwegs sind.

Nach einer Untersuchung im Jahr 2013 gebe es nämlich in mehr als der Hälfte der Kommunen keine Interessenvertretung für Menschen mit Behinderung, erklärt Britta Möwes, Referentin des Projekts. Und nur 20 Prozent der NRW-Städte hatten 2013 überhaupt eine Satzung, die die Belange Behinderter berücksichtigen.

Ein paar Jahre später sieht es in vielen Kommunen schon besser aus. In Stolberg gab es vor einigen Jahren bereits einen Behindertenbeirat. Ab 2015 wurde dieser von dem ersten kommunalen Inklusionsbeauftragten in der Städteregion, Lukas Franzen, abgelöst. Im Ausschuss für Soziales und Generationengerechtigkeit bringt er unter anderem alle Themen ein, die Menschen mit Behinderung betreffen. Anfangs des Jahres stellte er einen Aktionsplan vor, der 24 Projekte enthält.

Nun soll es noch weitergehen: Als ein Ergebnis des Workshops soll im nächsten halben ein Stammtisch ins Leben gerufen werden, der konkrete Ideen erarbeitet, die im Ausschuss weiter diskutiert werden. Sowohl Menschen mit Behinderung als auch Vereine sollen dort regelmäßig zusammenkommen und sich austauschen. „Es soll ein möglichst niedrigschwelliges Angebot sein, an dem sich jeder beteiligen kann“, erklärt Lukas Franzen. „Oft ist es schwierig Menschen mit Behinderung zu erreichen, weil sie Ängste haben.“ Beim Stammtisch soll aber keiner befürchten müssen, etwas Falsches zu sagen oder etwas nicht zu verstehen.

Mehr Anwendung von leichter Sprache

Daher möchte Franzen auch an einer weiteren Sache arbeiten, die ihm erst durch den Workshop bewusst geworden ist: die sogenannte leichte Sprache soll künftig in der Stadt mehr Anwendung finden. Bei leichter Sprache wird alles etwas einfacher ausgedrückt – in kurzen Sätzen, ohne Fremdworte und manchmal auch mit Bildern, die veranschaulichen.

Der Workshop wurde zum Beispiel von der Simultan-Dolmetscherin Julia Degenhardt begleitet, die eine von Vieren in ganz Deutschland ist. Über Kopfhörer konnten die Teilnehmer die Diskussion übersetzt in leichte Sprache mitverfolgen. Künftig könnte auch die Webseite der Stadt in einer einfachen Version bestehen, ebenso wie eine Art Wegweiser, der bald entwickelt werden soll. Darin werden jegliche Angebote, etwa von Vereinen und Stadt, für Menschen mit Behinderung gebündelt und im Netz als PDF-Datei oder im öffentlichen Raum als Heft bereitgestellt.

Weiteres Ergebnis der zwei Tage im Ökumenischen Gemeindezentrum ist die Beteiligung im Jugendparlament. Dieses möchte sich inklusiver aufstellen und Projekte in Kooperation mit der Förderschule angehen. Ziel ist es, die Stolberger mehr über das Thema Partizipation aufzuklären, die über Integration weit hinausgeht. „Teilhabe beginnt da, wo Menschen Ideen einbringen können, Gehör finden und zusammen arbeiten“, erklärt Möwes von der Lag Selbsthilfe NRW. Der Workshop ist ein gutes Beispiel dafür.

Insgesamt kamen 25 Teilnehmer zusammen, darunter örtliche Vertreter der Caritas, Awo, Kokobe, von Tabalingo und dem Verein Arbeit und Bildung. Auch das Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben Köln sowie die Schwerbehindertenvertretung und lokale Politiker beteiligten sich.

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