Pfarrkirche St. Lucia in Stolberg erhält eine neue Turmuhr

Knifflige Montage : St. Lucia erhält eine neue Turmuhr

Ralf Janke und Michael Reiser sind durchaus Luftakrobaten. Wenn das auch nicht ihre eigentliche Profession ist. Die beiden Mitarbeiter der Turmuhren-Manufaktur Hörz aus dem bayerischen Biberach haben knapp 20 Meter hoch am Glockenträger der Pfarrkirche St. Lucia ihre liebe Mühe die Arbeiten durchführen zu können.

Beim windigen Wetter schaukelt der Korb am Seil des Autokrans zeitweise ganz ordentlich und muss vorsichtig an den Turm herangeführt werden, damit Janke und Reiser überhaupt Halt und Pack-an bekommen, um mit Hammer, Bohrer und Schraubenschlüssel aus dem Korb heraus hantieren zu können.

Banik-Ladewig betreut Projekt

„Ganz schön windig da oben“, kommentieren sie bei ihren kurzen Kranaufenthalten am Boden, um neues Werkzeug und Gerät für die Arbeit an der Turmuhr aufnehmen zu können. Seit Donnerstag hat St. Lucia wieder von weitem erkennbare Turmuhren. Vom nächsten Donnerstag an sollen sie auch wieder die Zeit minutengenau anzeigen.

Die Vorgeschichte ist lang und aktuell auch nicht ganz nachvollziehbar. Gewiss ist aber, dass das bisherige „mechanische Turmuhrenwerk aus dem Hause der Fa. Friedrich E. Korfhage stammt, die seit 1995 nicht mehr als Turmuhrenfirma besteht“, berichtet Helga Banik-Ladewig. Sie betreut in der Rendantur von Helmut Gottfried das Projekt Turmuhr. „Auch das Alter der Uhr ist nicht genau bekannt“, sagt Banik-Ladewig, nur dass das Baujahr zwischen 1935 und 1965 liegen muss.

Nur zwei Ziffernblätter

Die Konstruktion aus Zahnrädern ist zwar ein Traum für jeden Feinmechaniker, aber längst nicht mehr up to date in Bedienung und Wartung. Im Turm mussten Korrekturen per Hand vorgenommen werden, wenn die Uhr aufgrund wechselnder Temperaturen nicht mehr genau ging oder die Zeit umgestellt werden musste.

Zudem sind schon längst die Stundenziffern auf den beiden Ziffernblättern nicht mehr erkennbar. „Man war früher sehr sparsam“, schmunzelt Helga Banik-Ladewig. „Der Turm von St. Lucia hat nur zwei Uhren – zur Burg und zur Altstadt hin.“ Auf den beiden anderen, nur wenig einsehbaren Turmseiten hatten die Vorfahren auf solch kostspielige Anlagen verzichtet.

Lange für das Vorhaben gespart

Dass der Zahn der Zeit an den Zeitanzeigern genagt hat, hat Pastor Hans-Rolf Funken schon seit geraumer Zeit gewurmt, erzählt Helmut Gottfried. Schon seit langem hat Pastor zu verschiedenen Anlässen darum gebeten, anstelle von Präsenten für eine neue Uhr zu spenden. Nach langem Sparen und „dank einiger großzügiger Zuwendungen können wir das Projekt nun stemmen“, dankt auch Gottfried für die Unterstützung. Rund 15.000 Euro werden nun in die neue Technik und die begleitenden Arbeiten investiert.

Einige Gewerke sind daran beteiligt. So musste eigens eine neue Stromleitung vom Turm bis in die Sakristei verlegt werden. Denn dort wird das neue digitale Uhrwerk in Form eines eher unscheinbaren Schaltkastens installiert. Am Display lassen sich dann per Knopfdruck alle denkbaren Anforderungen bequem programmieren – von der Zeitumstellung über das Messläuten bis hin zum Stundenschlag.

Pragmatisch hat Helga Banik-Ladewig auch den Montagetag geplant. Da ohnehin ein Autokran eingesetzt werden muss, wird das Naheliegende mit dem Praktischen verbunden. Während die Uhrmonteure hoch oben im Turm mit den Vorbereitungen beschäftigt sind, werden erst einmal die Dachdecker in die Höhe chauffiert. Sie säubern die Regenrinne des Turms, erneuern ein paar schieferne Dachschindel, erkunden Schadstellen und reparieren erst einmal provisorisch das Nötigste.

Derweil legen sich Ralf Janke und Michael Reiser ihr Werkzeug zurecht und packen die mitgebrachten Einzelteile vorsichtig aus. Der neue Zeigerantrieb mit der langen Nabe, der elektrisch angetrieben ist, wird ebenso noch einmal kontrolliert wie die golden leuchtenden Zeiger und die 1,40 Meter messenden Aluminiumblätter mit den zwölf römischen Ziffern.

Doch vor der Montage steht die Demontage der bisherigen Zifferblätter. „Das ist die eigentliche Herausforderung“, sagt Ralf Janke, „denn wir wissen nicht, was uns erwartet“. Eine vorherige Inspektion von außen war nicht wirklich möglich. Nur dass die Ziffernblätter aus Blech von Haken gehalten wurden, war erkennbar, deren Zustand jedoch nicht.

Doch als Janke und Reiser um 10 Uhr – mit einem Gurtsystem zusätzlich am Haken des Krans gesichert – in den Korb steigen, um mit der Demontage zu beginnen, läuft diese – abgesehen vom Wind – reibungsloser als erwartet. Die Zeiger werden abgenommen, und mit Hilfe eines Hammers lassen sich die Haken entfernen. Dann ist Muskelkraft gefragt, um das runde Stahlblech nur notdürftig am Korb abgestützt auf den Boden zu befördern – zuerst am Luciaweg, dann an der Torburgseite.

Jetzt geht’s für die beiden zuerst wieder nach innen und in den Turm hinauf. Die alten schweren Naben der Zeiger werden demontiert. 13.30 Uhr zeigt die Armbanduhr, als Janke und Reiser mit dem ersten neuen Ziffernblatt wieder in die Höhe gezogen werden. Es wird über die Nabe gezogen. Löcher werden gebohrt und Dübel eingesetzt, um das Blatt mit der Turmwand zu verschrauben. Selbst vom Boden aus ist erkennbar, dass diese Arbeit gar nicht einfach ist. Noch mehr Fingerspitzengefühl ist gefragt bei der Montage der beiden Zeiger, die auf die Antriebsnabe gesetzt und von hinten verschraubt werden müssen. Um 14 Uhr ist das erste Ziffernblatt geschafft: Die Uhr zeigt nun 12. Während am Nachmittag das zweite Seite noch an der Reihe ist, folgt die Inbetriebnahme des Uhrwerks am nächsten Donnerstag.

Kirchenvorstand überlegt noch

Mittlerweile hat Helga Banik-Ladewig die alten Ziffernblätter und Zeiger in die Rendantur geliefert. „Der Kirchenvorstand wird überlegen, ob er sie vielleicht zugunsten einer guten Sache versteigert“, berichtet Helmut Gottfried. Und auch über die Zukunft des alten Uhrwerks muss noch befunden werden. Gerne würde die Pfarrgemeinde es einem Museum anvertrauen. Aber eine Demontage des schweren Geräts und der Transport aus dem Turm sind noch eine neue Herausforderung.

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