Stolberg: „NS-Opfern ihre Namen zurückgeben“

Stolberg: „NS-Opfern ihre Namen zurückgeben“

Friedrich Gruschei, Udo Beitzel, Ralf Dallmann, Thomas Jülicher und Karen Lange-Rehberg sind der harte Kern der Gruppe Z. Ihnen ist es zu verdanken, dass sich auch die Stadt Stolberg ab dem 18. Dezember im Gesamtkunstwerk Europas mit Stolpersteinen wiederfindet. Was es mit diesen Steinen auf sich hat, erläuterten sie Marie-Luise Otten.

Gruppe Z: Wer ist das?

Gruppe: Die Gruppe Z ist Anfang der 90er Jahre aus der bis dahin in Stolberg schon lange bestehenden Friedensinitiative entstanden, die damals beschlossen hatte, sich umzubenennen. Bis 2013 hieß sie wie zur Zeit ihrer Entstehung „Gruppe Z: Zukunft ohne Fremdenhass, Faschismus und Krieg“. Seit 2013 haben wir noch angehängt: „gegen das Vergessen“. Wir sind ein überparteilicher, überkonfessioneller Zusammenschluss von Antifaschisten und Kriegsgegnern in Stolberg.

Wie sind Sie zur Gruppe gekommen und welche Motive verfolgen Sie?

Gruppe: Den Zugang fanden wir alle zu unterschiedlichen Zeiten. Unsere Ziele sind es, zu verhindern, dass die Naziparolen sich verbreiten. Wir treten in vielfältiger Weise dem Gedankengut, der Propaganda und dem Auftreten der Neofaschisten entgegen. Wir wollen aufzeigen, wohin es führen kann, wenn wir das nicht tun. Uns liegt an einer friedlichen und demokratischen Welt. Daher müssen die Menschen aufgeklärt, die Geschichte wachgehalten und die traumatischen Erlebnisse aufgearbeitet werden. Der Schwur von Buchenwald „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ ist für uns Gesetz. Denn es gibt bald keine Zeitzeugen mehr, die diese Gräueltaten überlebt haben und davon berichten können.

Wann entstand die Idee mit den Stolpersteinen und für wen stehen sie?

Gruppe: Diese Idee stammt von dem Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der 1992 begann, diese kleinen Gedenktafeln ins Trottoir zu verlegen. Er wollte damit an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

In welchem Kontext stehen die Stolpersteine?

Gruppe: Die Stolpersteine sollen als Europas Gesamtkunstwerk verstanden werden, und Stolberg gehört zu den letzten Städten, in denen die Steine verlegt werden. Mittlerweile gibt es über 53 000 Steine nicht nur in Deutschland, sondern auch in 18 weiteren europäischen Ländern. Demnigs Intention ist es, den NS-Opfern ihre Namen zurückzugeben. Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu verstehen, soll symbolische Verbeugung vor den Opfern sein.

Wie lange ist die Idee herangereift bis zur Durchführung in Stolberg?

Gruppe: Wir haben vor sechs Jahren einen Antrag an die Stadt gestellt. Mit Sponsoren im Gepäck wollte sie ihre Zustimmung geben. Da wir aber zu viel andere Projekte anstehen hatten, legten wir die Idee erst einmal auf Eis. Im vergangenen Jahr, August 2014, setzten wir uns dann mit dem Künstler Gunter Demnig in Verbindung und haben jetzt den Termin für den 18. Dezember gefunden.

Für wen stehen die Steine in Stolberg? Wo werden Sie verlegt? Wer führt es aus?

Gruppe: Je sechs Stolpersteine werden zur Erinnerung an die jüdischen Familien Salomon und Zinader im Steinweg 56 und 57 verlegt. Gunter Demnig ist grundsätzlich bei der Erstverlegung dabei, so auch nächste Woche. Wir schätzen uns glücklich, dass auch unser Bürgermeister Dr. Tim Grüttemeier seine Unterstützung bei der Stolpersteinverlegung zugesagt hat.

Aus welchem Material bestehen die Steine?

Gruppe: Bei den Steinen handelt es sich um 10 x 10 cm große Betonblöcke mit einer Messingplatte darauf, wo der Name des Opfers, das Geburtsjahr, oft Deportationsjahr und Todesort benannt sind.

Wer finanziert diese Idee? Sponsoren?

Gruppe: Die Finanzierung erfolgt komplett durch Sponsoren und eigene finanzielle Mittel.

Sind die Steine diebstahlgeschützt?

Gruppe: Es gab Orte, wo sie entwendet wurden. Da sie bündig in den Bürgersteig einbetoniert werden, ist ein Entheben schwierig.

Was ist mit den Gegnern dieses Projektes?

Gruppe: Vor fünf Jahren gab es Leute, die vereinzelt Kritik geäußert haben. Doch sie sind eine Minderheit, die jetzt still geworden ist und diese dezentralen Mahnmale für sinnvoll erachtet.

Findet das Thema noch in den Schulen Beachtung? Oder durch die Steine wieder?

Gruppe: Ja, mit mehr Interesse als vorher. Neben der Kogelshäuser Schule, die das Thema im Geschichtsunterricht behandelt hat, beteiligt sich das Goethe-Gymnasium inhaltlich und musikalisch bei der Verlegung. Hier wurde das Thema im Religionsunterricht besprochen. Die Jugendwerkstatt der Jugendberufshilfe hat im Deutschunterricht die Gestaltung der Ausstellung vorbereitet, und auch die Gesamtschule Laurensberg hat sich im Rahmen ihres Projektes „Schule gegen Rassismus“ mit dem Thema auseinander gesetzt. Wir stellen Material zur Verfügung und arbeiten an Projekttagen mit.

Was ist das für Material?

Gruppe: Wir haben Broschüren erstellt. Hierzu zählt das Schwarzbuch „Gegen das Vergessen“. Es ist ein Buch der Trauer, des Mitgefühls mit Gedenkblättern für 252 Menschen, die Leiden und Tod erfahren haben. Zu den jüngsten Erscheinungen gehört ein Tondokument auf zwei Audio-CDs: Zwei Stolberger als „Moorsoldaten“ im KZ - Arnold Janz und Josef Henges berichten. Diese beiden Stolberger KPD-Mitglieder im Widerstand gegen das NS-Regime erzählen von ihrem Leidensweg, der sie in die Konzentrationslager im Emsland führte. Die Publikation „…..nach Auschwitz verzogen“ wurde jetzt zum dritten Male wieder aufgelegt, und dann gibt es aktuell noch das Begleitheft zur Ausstellung.

Sie sprachen von einer Ausstellung. Wo findet diese statt?

Gruppe: Die Ausstellung zur Erinnerung an die jüdischen Familien Salomon und Zinader ist im Foyer des Rathauses von Montag, 14. bis Freitag 18. Dezember zu sehen, eröffnet wird sie am Montag um 18 Uhr.

Sehen Sie Parallelen zu den Flüchtlingen heutzutage?

Gruppe: Auch verschiedene Juden haben es in ihrer Verfolgungszeit gewagt, mit Booten nach Amerika zu kommen. Leider wurde ihnen die Einreise verwehrt. Sie kamen zurück nach Europa. Viele wurden festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Das Geld für die Abschottung war da, aber nicht für die Rettung der Menschen. Ebenso ist bekannt, dass Juden, die in die Niederlande flüchten wollten, fünf Kilometer hinter der Grenze wieder zurück geschickt wurden, um dann dem Feind in die Hände zu fallen.

Was haben Sie sonst noch für Pläne?

Gruppe: Im November 2016 wollen wir weitere zwölf Stolpersteine für jüdische Familien in Mausbach und Gressenich verlegen. Das Schwarzbuch soll überarbeitet werden, und wir wollen das Internierungslager Mechelen/Malines besuchen.

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