Stolberg: Neuer Pontifex soll Brücken bauen können

Stolberg: Neuer Pontifex soll Brücken bauen können

„Das System wird zurzeit gewartet“, lautet der Hinweis beim Versuch, eine Webseite des Bistums aufzurufen. Eine Aktualisierung aus aktuellem Anlass? „Das hat aber mit dem Rücktritt des Papstes nichts zu tun“, versichert Pressesprecherin Claudia Karl. Bereits seit dem 5. Februar dauern die Wartungsarbeiten an und wollen wohl kein Ende finden.

Die Ankündigung des in gut zwei Wochen bevorstehenden Enden des Pontifikats von Benedikt XVI. kommt auch für den Klerus in der Kupferstadt überraschend. Zumindest die Wahl des Termins, seine Entscheidung zu verkünden. „Ich habe mir schon Weihnachten so meine Gedanken gemacht“, gesteht Pastor Ulrich Lühring und denkt an die Bilder, wie Benedikt XVI. auf einem kleinen Podest durch den Petersdom gefahren wird. „Bitte nicht noch einmal“, wird der Seelsorger in Breinig und Dorff an das Ende des Pontifikats von Johannes Paul II. erinnert — und hat die zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen des heiligen Vaters vor Augen. „Die Entscheidung des Papstes ist ein guter Schritt auch für ihn selbst“, ist Lühring überzeugt. Ihm gelte „großer Respekt und großes Verständnis“. Diese Worte werden in diesen Tagen häufig bemüht, „aber sie treffen die Situation noch am besten“, sagt Lühring.

Und wie sieht die Stellenbeschreibung des Nachfolgers für ihn aus? „Ich hoffe, dass es ein Italiener wird, weil in der Kurie aufgeräumt werden muss“, meint Lühring. Und diesen Job könne nur ein Italiener als Kenner der vatikanischen Kreise schaffen. „Anderenfalls verändert sich nichts“, sagt der Breiniger Pfarrer. Papst Benedikt sei ein brillanter Theologe gewesen, aber eben kein Politiker, kein Medienkenner und kein Unternehmer. In einer zunehmend von Medien geprägten heutigen Welt müsse sich aber auch ein Papst gut zurecht finden, um die Botschaft zeitgerecht vermitteln zu können.

„Ein gutes Produkt vermitteln“

Wer glaube, dass mit einem Pontifex aus der dritten Welt liberale Zeiten anbrechen, der mag irren. „Die Afrikaner sind konservativer als wir, auch wenn die im Gottesdienst trommeln“, lautet die Einschätzung von Ulrich Lühring. Auf akademischer, theologischer Ebene sei Papst Benedikt brillant gewesen, aber die Menschen seien so nur schwer zu erreichen. „Es müsste jemand sein, der die Kirche so in die Zukunft führt, dass die Menschen wieder die frohe Botschaft annehmen und ihre Herzen öffnen können“, wünscht sich Pastor Norbert Bolz. Dass die Leute heute ihre Schwierigkeiten damit haben, „sieht man ja sofort“, analysiert der Pastor. Der Seelsorger in Mausbach, Gressenich, Werth und Schevenhütte attestiert ein Vermittlungsproblem. „Wir haben ein gutes Produkt, man muss es nur auch gut unter die Menschen bringen.“

„Wie es der Name schon sagt, muss der Pontifex Brücken bauen, die Trennung zwischen liberalem und konservativem Lager überbrücken“, sagt Monsignore Norbert Glasmacher. Der nächste Papst sollte ein Mann des Gebets, theologisch qualifiziert sein und auf Menschen zugehen können. „Er ist der Heilige Vater für die ganze Welt“, und dort gebe es in unterschiedlichen Ländern individuelle Probleme. „Eine große Herausforderung“, sagt Glasmacher, der Ende Juli mit Jugendlichen aus Stolberg und Düren zur Jugendwallfahrt nach Rom aufbricht — aus finanziellen und Sicherheitsgründen eine alternative Pilgerreise zum Weltjugendtag in Rio de Janeiro.

Ein Treffen mit dem Papst in Rom nach seiner Rückkehr aus Brasilien war im Programm vorgesehen. „Wir müssen sehen, wie uns das nun gelingt“, zeigt sich Glasmacher optimistisch. Als bewegendes Erlebnis beschrieben vor zwei Jahren Nicole Haas und Nino Keilhauer die Begegnung mit Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag in Madrid: „Was dieser Mensch bewirken kann, ist unbeschreiblich. Für uns ist es ein Traum, hier dabei sein zu dürfen...“

„Die Nachricht von seinem Rücktritt hat mich sehr getroffen, er ist für mich ein schwerer Verlust“, sagt der Stolberger Diakonatsbewerber Wolfgang Philipp Weber. Aber die Entscheidung spreche wiedermal für ihn: Benedikt XVI. habe erkannt, dass der richtige Zeitpunkt erreicht ist und ohne viel Trara die passende Konsequenz gezogen. „Das kann nur ein Mensch, der in sich Demut, Weitsicht, Weisheit und Verantwortungsbewusstsein vereint — Werte, die so manchem Politiker, die jetzt über Benedikt XVI. hetzen, in dieser Kombination, schmerzhaft fehlen“, wertet Weber. Der Papst habe vieles bewirkt in der katholischen Kirche — entgegen allen populären und zeitgeistigen Strömungen immer im Sinne des Evangeliums.

„Traurig bin ich, dass nicht nur die Ära Benedikt XVI. zu Ende geht, sondern auch das irdische Dasein von Joseph Ratzinger in seine finale Phase tritt“, sagt das Mitglied des Pfarrgemeinderates St. Lucia. „Mit seiner wunderbaren Art hat er viele Menschen, besonders junge, in seinen Bann gezogen. Als Papst war er vielen ein Splitter im Auge.“ Und als künftigen Papst wünscht Weber sich jemanden, der wie Benedikt XVI. „oberflächlichen, populistischen Strömungen des Zeitgeistes widersteht und wie er ebenfalls fest verwurzelt ist im Glauben.“ Aus welchem Land oder Kontinent der neue Papst kommt, sei relativ egal.

„Ich bin nicht schockiert, sondern finde den Schritt des Papstes richtig. Jeder hat das Recht dazu, zurückzutreten, wenn er die schwere Last des Amtes nicht mehr tragen will. Auch der Papst!“, sagt Pfarrer Dawit Mesghinna von der Gemeinde St. Franziskus in Stolberg. „Benedikt XVI. hat immer an seine Kirche gedacht, ohne Ansehen der Person. Und eine klare Sicht bewiesen. Wir brauchen jetzt einen neuen Papst, der eine feste Hand hat. Die ist in der gegenwärtigen Zeit schon sehr nötig. Die katholische Kirche muss eine klare Orientierung haben, sonst bricht alles auseinander. Aber da vertraue ich voll auf den Heiligen Geist. Er wird seine Arbeit schon machen und für den richtigen Papst zum richtigen Zeitpunkt sorgen.“

Der protestantische Pfarrer Andreas Hinze aus Stolberg findet den Schritt des Papstes „sehr mutig und zutiefst menschlich“. Benedikt XVI. habe den Rücktritt aus großer Verantwortung heraus getan. Hinze: „Er wird in Gesprächen mit Gott zu der Entscheidung gekommen sein, dass er diesen Schritt vollziehen muss.“ Das Oberhaupt einer großen Kirche zu sein, erfordere die volle Kraft. Offenbar sei der Papst zu der Erkenntnis gekommen, dass er diese Kraft nicht mehr aufbringen kann. Im Verhältnis zur protestantischen Kirche habe Ratzinger trotz seiner eher konservativen Einstellung „einige sehr positive Signale gesetzt“. Hinze erinnert da an den Besuch des Papstes im Erfurter Kloster und seine Äußerungen zu Luther. Auf Ortsebene wie in Stolberg gebe es längst „ein hervorragendes Miteinander zwischen Katholiken und Protestanten“, betont Hinze. Dies sei sicher nicht möglich, wenn die Annäherung nicht von „höherer Stelle“ etwa vom Bistum mitgetragen werde. Auch wenn die Katholiken für den ökumenischen Gottesdienst an Pfingstmontag immer noch eine Genehmigung ihres Bistums einholen müssten. Hinze: „Das ist inzwischen aber nur noch Formsache.“ Auch bei konfessionsgemischten Eheschließungen gebe es keine Probleme mehr. Hinze: „Da hat sich in den vergangenen Jahren einfach viel getan.“

Turgay Sacu, Vorsitzender der türkisch-islamischen Gemeinde Ditib, zeigte ebenfalls Verständnis für den Schritt des Papstes. „Seine Gesundheit wird diese Entscheidung beeinflusst haben.“ Sacu äußerte am Mittwoch die Hoffnung, dass der kommende Papst sich verstärkt für ein friedliches Miteinander der Religionen einsetze.

Das bedeutende Osterfest, darin sind sich die Stolberger einig, das wird mit dem neuen Pontifex gefeiert werden können.

Mehr von Aachener Zeitung