„Zahlen, die Gänsehaut verbreiten“: Neue Zahlen für Seniorenzentrum Auf der Liester machen Sorgen

„Zahlen, die Gänsehaut verbreiten“ : Neue Zahlen für Seniorenzentrum Auf der Liester machen Sorgen

„Es sind bedrückende Zahlen, die Gänsehaut und Horror verbreiten.“ Besser hätte es Axel Conrads (FDP) am Dienstagabend nicht auf den Punkt bringen können. Das Thema, das über eine halbe Stunde lang im Rat vorherrschte: das Seniorenzentrum Auf der Liester.

Geschäftsführerin Gabriele Makola stellte den neuen Wirtschaftsplan für das laufende Jahr vor. Mit überplanmäßigen Haushaltsmitteln in Höhe von 814.000 Euro muss die Einrichtung unterstützt werden, damit sie weiterhin über die Runden kommt. Der Beschluss der Politik war am Ende zwar einstimmig, Kritik gab es allerdings trotzdem – und die war ziemlich deutlich.

Auf wenig Verständnis stieß Makola mit ihren Ausführungen bei Axel Conrads. „Hätte man das nicht bereits vorher absehen können?“, fragte er die Geschäftsführerin. Erst im vergangenen Jahr hatte diese dem Stolberger Stadtrat die Wirtschaftspläne für die kommenden fünf Jahre vorgestellt. Man sei davon ausgegangen, dass diese Zahlen seriös ermittelt worden seien. Hätten diese zum damaligen Zeitpunkt noch nicht vorgelegen oder hätte man sie übersehen, wollte Conrads wissen.

Makola betonte, dass man sich diese Entwicklung nicht gewünscht habe und die Wirtschaftspläne auf der Grundlage der Zahlen zum 31. Oktober des vergangenen Jahres ermittelt worden seien. Die ersten Hochrechnungen im Januar und Februar hätten allerdings gezeigt, dass man einige Zahlen hätte korrigieren müssen. Die Stromkosten seien beispielsweise zu niedrig angesetzt worden, die Kosten für Personaldienstleister hätten nach oben korrigiert werden müssen. Durch die verspätete Inbetriebnahme von zwei neuen Fachbereichen hätten auch die Zahlen der Auslastung korrigiert werden müssen.

Die ambulant betreuten Wohngemeinschatften werden von sechs Menschen bewohnt. Im alten Wirtschaftsplan hatte man mit zwölf Mietern gerechnet. In der Tagespflege sind derzeit sechs Menschen untergebracht. Laut dem alten Wirtschaftsplan sollten es 13 sein. Das Seniorenheim bewohnen derzeit 66 Menschen, mit 78 wurde gerechnet. Lediglich 61 der insgesamt 80 Plätze werden anerkannt. Bedeutet: Nur für diese Plätze können Leistungen beantragt werden – beispielsweise im Rahmen des Wohn- und Teilhabegesetzes. Haben Angehörige nicht genügend Geld, um einen Heimplatz zu finanzieren, können sie einen Zuschuss beantragen. Dieser fließe dann in der Regel direkt an die Einrichtung, erklärt Detlef Funken von der Städteregion auf Nachfrage unserer Zeitung.

Was die Städteregion damit zu tun hat? Ganz einfach: Makola führte an, dass man sich stets bemüht habe, auch die restlichen 19 Plätze in die Bedarfsplanung einzubinden. Das sei bislang allerdings nicht gelungen. Die Entscheidung liege bei der Städteregion, so Makola. Bereits im alten Gebäude am Amselweg 23 bestand die Einrichtung aus 61 anerkannten Plätzen. In der kommunalen Pflegeplanung sei festgelegt worden, dass es keinen anerkannten Mehrbedarf für Stolberg gebe, erklärte Detlef Funken. „Mit dem Betreiber wurde vereinbart, dass die 61 anerkannten Plätze auch auf die neue Einrichtung übertragen werden.“

Die 19 zusätzlichen Plätze seien dennoch gebaut worden, um diese privat zu vermarkten. Regelmäßig würde die kommunale Pflegeplanung angepasst. Sollten dann mehr Plätze anerkannt werden, muss eine Kommune sich erst einmal auf diese bewerben, so Funken weiter. Makola zeigte sich am Dienstagabend dennoch guter Dinge, dass es zum Herbst 2020 mit der Anerkennung der 19 Plätze klappen könnte. Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit der Einrichtung hätte dies allerdings erst ab dem Jahr 2021.

Kritisiert wurde ebenfalls, dass einige Berechnungen anhand von Bauplänen erstellt worden seien. Bei diesem Thema platzte Martin Hennig (CDU) der Kragen. „Ich begreife nicht, was Sie versuchen, uns zu vermitteln“, meinte er, forderte von Makola Lösungsansätze und fügte hinzu, dass man der Einrichtung nicht schon wieder „Geld hinterherwerfen“ könne. An dieser Stelle hakte auch Conrads ein. „Wir sitzen hier, um die Steuergelder der Bürger vernünftig zu verwalten.“

„Bauchschmerzen“

Diesen Einwand verstand auch FDP-Chef Engelhardt, gab allerdings zu Bedenken: „Wir haben wohl alle Bauchschmerzen“, allerdings habe man nur zwei Möglichkeiten. Entweder man mache eine Faust in der Tasche und investiere das Geld, ansonsten werde es wohl noch teurer. Oder: „Wir fahren das Seniorenzentrum gegen die Wand. Das hat wohl hier keiner vor“, meinte Engelhardt und verwies auf Bewohner und Mitarbeiter der Einrichtung.

Ein weiteres Problem, gegen das dringend etwas unternommen werden müsse, sei der Fachkräftemangel. Man könne das Tempo der Belegung nur an die Mitarbeiter vor Ort anpassen, so Makola. Derzeit werden noch weitere sieben Stellen im Pflege- und Sozialdienst benötigt. Berechtigt war da die Frage von Hans Emonds (UWG), ob die Einrichtung auch selbst ausbilde. Vier Ausbildungsplätze gebe es bereits. Drei weitere sollen folgen. Zwei davon werden ab Herbst besetzt sein. Eine Stelle sei damit noch offen, so Makola.

Gegen kurz nach 19 Uhr hatte Gabriele Makola es dann geschafft. Der Rat stimmte einstimmig dafür, die überplanmäßigen Haushaltsmittel zur Verfügung zu stellen. In der nächsten Ratssitzung am Dienstag, 9. Juli, ist Makola erneut im Ratssaal zu Gast. Dann stellt sie der Politik den Jahresabschluss für 2018 vor.

Eine Frage blieb am Dienstag allerdings unbeantwortet. Makola erklärte der Politik, dass die Zusammenarbeit mit der 2. SI Verwaltungsgesellschaft mbH mit Sitz in Bad Langensalza, die das Gebäude am Amselweg Anfang 2015 von der LEG erworben hatte, beendet wurde. Seit dem 1. April dieses Jahres hat ein anderer Dienstleister die Hausverwaltung am Amselweg 23 übernommen. Dort soll nun ebenfalls seniorengerechtes Wohnen entstehen. Bei der 2. SI war am Mittwoch niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

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