Stolberg: Nachwuchsprobleme: Grüne Röcke? „Das reicht nicht mehr!”

Stolberg: Nachwuchsprobleme: Grüne Röcke? „Das reicht nicht mehr!”

Else Wittenbrink lächelt gütig. Sie sitzt im Vereinsheim der Zweifaller St.-Sebastianus-Schützen und erzählt von ihren drei Kindern, neun Enkeln und drei Urenkeln. Sie wirkt zufrieden mit dem, was sie in ihrem Leben vor allem familientechnisch erreicht hat.

Die 79-Jährige hat im vergangenen Monat allerdings noch etwas anderes geschafft: Sie wurde, zum zweiten Mal nach 2007, Schützenkönigin. Mit dem 61. Schuss holte Wittenbrink den Vogel von der Stange und erfüllte sich damit einen Wunsch: „Ich habe mir gesagt, wenn ich mit 80 noch fit bin, trete ich noch mal an.” Gesagt, getan, im kommenden Monat feiert sie Geburtstag und wird zur Königin proklamiert. „Das passt.”

Der Zweifaller Brudermeister Karl-Erich Krings sitzt Wittenbrink gegenüber und sieht nicht ganz so zufrieden aus. „Na klar”, sagt er, „auf der einen Seite ist es schön, wenn wir noch ältere fitte Mitglieder haben, aber . . .” Er beendet den Satz nicht, aber sein Blick zum Boden zeigt, worum es geht und woran es - nicht nur in Zweifall - mangelt: Die Schützenbruderschaften klagen über einen massiven Nachwuchsschwund. Und was sich aus ihrer Sicht genauso dramatisch entwickelt, ist der sogenannte Mittelbau, Mitglieder zwischen 30 und 50, „auch die sind heute schwerer zu finden, weil einfach keine Leute mehr nachkommen”, klagt Krings.

Wie konnte es soweit kommen, dass Vereine, die jahrzehntelang ein ganzes Dorfleben prägten, die Einwohner bei Festen und Umzügen auf die Straßen oder ins Zelt lockten, und nun mehr (St.-Michael-Schützen Donnerberg) oder etwas weniger (Zweifall) in der Versenkung verschwinden?

Krings sagt: „Obwohl wir einen neuen Schießstand haben, gelten wir als uncool, als nicht mehr zeitgemäß.” Stimmt das denn? „Mit dem altbackenen Uniformgehabe kann man heute niemanden mehr vom Computer weglocken, das ist richtig”, sagt Ralf Freialdenhoven, Kassierer der St.-Sebastianus-Schützen in Breinig.

Auch dort merken sie langsam aber sicher, dass die Zeiten mit einer 20-köpfigen oder noch größeren Jugendabteilung fürs Erste vorbei sind. 110 aktive Mitglieder, davon 21 zwischen 18 und 25 - und nur drei, die noch nicht volljährig sind.Freialdenhoven: „Wir müssen uns anpassen, weg von Umzügen und Trachten und hin zu Entertainment für Kinder.” Ausflüge, grillen, lockeres Beisammensein in den Abendstunden, ohne Zwang und direkte Bindung: „So klappt das ganz gut.”

Der Kassierer, der vor ein paar Jahren selbst als „Quereinsteiger” der Bruderschaft beitrat, sagt aber auch: „Breinig hat andere Voraussetzungen, das Leben hier ist dynamischer als in anderen Orten. Beim Vogelschuss schauen auch nach Stunden noch hunderte Breiniger zu, wenn die letzten Kandidaten antreten.” Und doch: „Es gibt natürlich auch Leute, die denken: Grüne Röcke, das sind die Saufkumpanen.”

Ein paar Meter weiter, bei den St.-Hubertus-Schützen in Dorff, wird diese Meinung indirekt bestätigt. „Hier sind in den letzten Jahren einige Familien zugezogen, die denken, Dorff sei eine Schlafstadt. Sie wollen nichts mit Veranstaltungen zu tun haben”, sagt der stellvertretende Brudermeister Franz Carl.

Obwohl die Dorffer Schützen-Kirmes „sehr gut” besucht sei, hat er Angst, dass genau das eines Tages nicht mehr der Fall sein könnte. „Ich bin auch nicht mehr der Jüngste und die Mitarbeit der Jugend bei uns würde ich mit mangelhaft bewerten”, sagt der 71-Jährige, der mehr als die Hälfte seines Lebens Schütze ist, und resümiert: „Dorff ist klein, wir haben nur begrenztes Potenzial. Jugendliche werden irgendwann erwachsen, ziehen weg und verlieren das Interesse.” Aber eines Tages ganz ohne die Schützen, „da wäre hier tote Hose, ganz sicher.”

Stefan Doncks hingegen kann im Moment ruhig schlafen, und warum auch nicht? Von den 60 Aktiven der St.-Sebastianus-Bruderschaft Stolberg Mitte sind rund die Hälfte Jugendliche oder Mitglieder in den 20ern. „Wir sind positiv überrascht”, sagt der Brudermeister. „Wir haben in unserem Aufenthaltsraum ein Rauchverbot, wollen weg vom Kneipenimage. Durch unsere Jugendarbeit haben wir die Chance genutzt, mit der modernen Zeit zu gehen.”

Einer, der mit seinen 21 Jahren wohl noch länger dabei bleibt, ist Phillip Schnelle. „Umzüge, Marschieren und Spazieren machen Spaß”, sagt Breinigs Jungschützenmeister, der mit zwölf die Welt der Bruderschaft für sich entdeckte. „Aber der Sport ist das A und O.”

Sport heißt: Schießen und genau das sei auch so eine Sache, sagt Ralf Freialdenhoven: „Nach den ganzen Amokläufen in den vergangenen Jahren, vor allem dem in Winnenden, sind viele Eltern misstrauisch geworden und wollen ihr Kind nicht an die Waffe lassen.” Das sei der wunde Punkt, dass das Schützenwesen auch von „Waffennarren” (Freialdenhoven) missbraucht werde.

Dabei werde übersehen, „dass Schießsport gut für Kinder mit Konzentrationsproblemen ist”. Schnelles Mutter Monika erinnert sich: „Ich war zunächst dagegen, habe aber das soziale Umfeld gegen den Waffengebrauch abgewogen.” S

ohn Phillip ergänzt: „Die Wettkämpfe, sich voll auf sich selbst zu fokussieren, das ist es doch.” Schülerschützen gebe es aber auch in Breinig keine und das sei, sagen die Breiniger, deshalb so problematisch, weil die Generation um den 21-jährigen Schnelle langsam ins Erwachsenenalter nachrücke und eine kaum zu schließende Lücke hinterlasse.

Eine Frage der Identifikation

Was nun? „Zunächst muss grundsätzlich die Identifikation mit dem jeweiligen Ort wieder hergestellt werden, das hat enorm nachgelassen”, sagt Bezirksbundesmeister Manfred Tings vom Grenzlandschützenbund Aachen-Land Süd, dem auch Breinig, Venwegen und Dorff angehören. „Ob das Ferienfreizeit oder Spielenachmittage sind: Wir müssen ein breiteres Angebot schaffen, weg vom negativ besetzten Begriff des Schießens.” Denn: „Es gibt Vereine, die haben nicht mehr einen Jugendlichen.”

Kampflos wollen sich auch die Zweifaller nicht ihrem Schicksal ergeben. Am 5. August bitten sie zum Vogelschuss für Jugendliche. „Vielleicht kommen zehn und drei bleiben dabei”, hofftt Krings leise.

Else Wittenbrink versteht nicht, warum heute alles anders ist als früher: „Als wir jung waren, gab es als Freizeitgestaltung Kirmes und Schützen, und das war es.” Heute sei das nicht mehr der Fall, und bei diesen Worten wirkt sie nicht mehr ganz so glücklich, die neue Zweifaller Königin.

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