Mausbach/Gressenich: Multimediale Suche nach den Vorfahren im Dörfer-Archiv

Mausbach/Gressenich: Multimediale Suche nach den Vorfahren im Dörfer-Archiv

Wer den kleinen Raum im Keller des Pfarrjugendheims in Mausbach betritt, taucht bereits nach wenigen Minuten in eine andere Welt ein. Eine Welt, die auf den ersten Blick jedoch nicht so wirklich stimmig erscheint. Warum?

Schwarz-Weiß-Fotografien, die Anfang des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurden, zieren die Wände, und in einer Glasvitrine sind Büsten und Werkzeuge aus der Bergbaugeschichte ausgestellt.

Haben Spaß an der Geschichte der Alt-Gemeinde Gressenich: Bernhard Kreutz, Reiner Sauer und Stephan Kreutz. Foto: Sonja Essers

Dass das kleine Zimmer mit den grünen Stoffvorhängen allerdings keineswegs altmodisch daherkommt, wird erst auf den zweiten Blick deutlich: Auf der anderen Seite des Raumes hängt nämlich eine große Leinwand und auf den Tischen arbeiten Stephan Kreutz, Reiner Sauer und Bernhard Kreutz an modernen Laptops: willkommen im Dörfer-Archiv der Alt-Gemeinde Gressenich.

Archiv weiter ausbauen

Wer glaubt, dass ein Archiv heute vor lauter Material überquillt, der hat sich getäuscht. Digitalisierung lautet das Stichwort, das auch in Mausbach eine immer wichtiger werdende Rolle spielt. Die Mitglieder um ihren Vorsitzenden Stephan Kreutz haben sich zum Ziel gesetzt, sämtliches Material, das in Schränken lagert, zu scannen und in eine Datenbank einzustellen, damit jeder, der daran interessiert ist, auch damit arbeiten kann.

„Auf diese Weise können wir das, was wir haben, sichern und erhalten und unser Archiv weiterausbauen“, sagt Stephan Kreutz. Auch wenn die Schränke in dem kleinen Kellerraum bereits gut gefüllt sind, bedeutet das noch lange nicht, dass die Mitglieder nicht weiterhin Texte, Fotos, Tonbandaufnahmen und Videomaterial sammeln können. Schließlich kennt die digitale Welt kaum Grenzen nach oben. „Es wäre doch schade, wenn das Material verloren ginge“, sagt Kreutz.

Im vergangenen Jahr gründeten die Mitglieder des bisherigen Dorfarchivs Mausbach einen eigenen Verein und benannten diesen in Dörfer-Archiv der Alt-Gemeinde Gressenich um. Der Grund für die Umbenennung ist einleuchtend. Schließlich sammelt der Verein nicht nur Memorabilien aus Mausbach, sondern aus allen fünf Dörfern der ehemaligen Gemeinde Gressenich.

Das heißt, auch Wissenswertes aus Gressenich, Schevenhütte, Vicht und Werth. Die frühere Gemeinde Gressenich, die mit 41,32 Quadratkilometern einmal die größte Gemeinde des Landkreises Aachen war, wurde erst nach einer kommunalen Gebietsform im Jahr 1972 Teil der Stadt Stolberg.

Alles, was also einen Bezug zur Altgemeinde Gressenich hat, wird von den Mitgliedern des Dorf-Archivs leidenschaftlich gesammelt und — wenn möglich - digitalisiert. Diese Möglichkeit nehmen auch immer mehr Bürger in Anspruch, wie Kreutz erzählt.

Jeden ersten Mittwoch im Monat haben Interessierte die Möglichkeit, zwischen 15 und 18 Uhr im Pfarrjugendheim am Markusplatz vorbeizukommen und ihr Material einscannen zu lassen oder selbst zu forschen. „Ein Archiv lebt davon, dass es Material und die damit verbundenen Geschichten bekommt“, sagt er. Ein Geben und Nehmen. „Wir wollen Menschen, die sich für Geschichte begeistern, auch einen Zugang dazu ermöglichen“, sagt Kreutz.

An dieser Stelle kommt das Katalogisierungssystem des Vereins ins Spiel, das in vier Kategorien eingeteilt ist. Zunächst sind da die öffentlich verfügbaren Materialien. Zu ihnen gehört unter anderem eine riesige Sammlung an Fotos.

Darunter seien zahlreiche Exemplare von Entlassfeiern oder Klassentreffen, aber auch Zeichnungen, Malereien, Skizzen, Filme und Pläne. Diesen Teil möchten die Mitglieder noch weiterausbauen und um Fotos von allen Straßenzügen ergänzen. Denn: „Immer wieder kommen Leute zu uns, die wissen möchten, wie ihr Haus oder ihre Straße früher einmal ausgesehen haben“, sagt Stephan Kreutz.

Pässe und Ausweise

Dann gibt es in der Datenbank Hinweise auf andere Archive im Umfeld. In einer weiteren Kategorie sind Pässe und Ausweise aufgeführt. Die vierte Kategorie beinhaltet ganz besonderes Material: einzigartige Bestände, die nur im Mausbacher Archiv vorhanden sind. Dazu gehören Fotokollektionen oder Ansichtskarten, die unter anderem aus Nachlässen stammen. So auch ein Bild vom Stolberger Kaiserplatz aus dem Jahr 1905. „Diese Aufnahme würde man so heute nicht mehr machen können“, sagt Stephan Kreutz.

2000 Dinge wurden bisher von den Vereinsmitgliedern erfasst. Damit ist ihre Arbeit jedoch noch lange nicht beendet. Mehrere Kisten mit Zeitungsartikeln und 30.000 Dias warten noch darauf digitalisiert zu werden. „Wir haben noch jede Menge Material und genug Arbeit für die Zukunft“, sagt Reiner Sauer.

Er muss es wissen, schließlich hat Sauer 20 Jahre Arbeit in ein besonderes Werk gesteckt, das nun erschienen ist. In mühevoller Kleinarbeit hat Sauer ein genealogisches Werk mit dem Titel „Crasciniaci“ verfasst. Was es enthält? 75000 Personen, die in den vergangenen 500 Jahren in der Gemeinde gelebt haben oder heute noch leben.

Wer im Archiv nach seinen Vorfahren sucht, könnte aufgrund der ausgearbeiteten Digitalisierung also nicht nur auf alte Bilder treffen, sondern auch auf Pässe, Führerscheine, Ton- oder Videoaufnahmen. „Wir wollen auch die Lebensgeschichten von Familien festhalten. Das gehört zu unseren Aufgaben“, sagt Sauer, der in dem Katalogisierungssystem Bilder und genealogische Daten mit nur wenigen Mausklicks überein bringen kann. So sollen auch junge Menschen für das Thema Geschichte interessiert werden.

Und das soll nur der Anfang sein. Langfristig möchte der Verein auch mit den Stolberger Schulen zusammenarbeiten, um das Archiv so zu einem außerschulischen Lernort zu etablieren. „Wir stehen am Anfang von einem langen Weg und sind noch lange nicht fertig“, freuen sich die Mitglieder auf eine arbeitsreiche Zukunft.