Stolberg: Missbrauchsfälle: „Ich möchte den Opfern ein Gesicht geben“

Stolberg : Missbrauchsfälle: „Ich möchte den Opfern ein Gesicht geben“

Siegfried Huber hört gerne die düsteren Lieder von Ludwig Hirsch, so taucht er häufig ab in eine andere Welt ohne Gewalt, ohne Zurückweisung. Dann sitzt er in seinem kleinen Wohnzimmer in Stolberg, schließt die Augen, und lässt sich auf dem Klangteppich davon treiben.

Hubers wahre Geschichte ist die Geschichte eines unfassbaren Missbrauchs in einem Kinderheim in den 60er Jahren. Den schweren sexuellen Missbrauch hat er schriftlich, er hat ebenfalls schriftlich, dass der Staat bei ihm nicht das Opferentschädigungsgesetz anwenden wird. Juristisch ist der Fall erledigt, aber Siegfried Huber will trotzdem seine Geschichte erzählen. „Ich möchte kein Mitleid, aber ich möchte den Opfern ein Gesicht geben. Zu meinem Schmerz gehört nämlich auch, zu erleben, wie der Staat mit uns Opfern bis heute umgeht.“

Huber hat einen Großteil seiner Jugend in Heimen verbracht, er leidet immer noch darunter. „Meine Kindheit kann ich mit keinem Geld der Welt zurückbekommen.“ Die ersten fünf Jahre lebte er in einem Säuglings- und Kinderheim. „Enge Berührungen oder Zärtlichkeiten mussten vermieden werden, um jede Infektionsgefahr zu umgehen“, erinnert er sich an die ersten Jahre nach der Geburt. In seiner eigenen zerrütteten Familie, von exzessivem Alkoholkonsum geprägt, war kein Platz für ihn.

... dann ging es nach Dormagen

Huber kam erst vor der Einschulung zurück, die Familie lebte damals in Bonn. „Es begann eine Zeit voller Prügel und Demütigungen“, sagt er. 1963 kam er ins Raphaelshaus. Das Kinderheim existiert seit 1902 in Dormagen. Das damalige Ziel laut Satzung: „die schwere Erziehungsarbeit an der gefährdeten und verwahrlosten Jugend“. Träger der Einrichtung ist bis heute der Katholische Erziehungsverein für die Rheinprovinz e.V. (KEV).

Die Hiltruper Missionsschwestern halfen dem Erziehungsverein mit ihrem sozialen und christlichen Engagement, so war es verabredet. Geleitet wurde das Haus bis zum Jahr 1987 von Prälaten oder Pfarrern, erst danach gab es den ersten weltlichen Verantwortlichen. Heute ist das Raphaelshaus ein Jugendhilfezentrum.

Der zehnjährige Siegfried Huber kam in eine Gruppe mit bis zu 80 Plätzen. Die Gruppe „Sturmschar“ war in einem großen Saal untergebracht. „Eine reine Verwahrstelle.“ Tägliche Züchtigungen und tyrannische Strafen prägten den Alltag, sagt er.

Die Kinder seien manchmal tagelang ans Bett gefesselt worden. „Schläge mit der Hand ins Gesicht oder mit dem Rohrstock gab es ständig.“ Gut aushalten ließ sich der schnell nachlassende Schmerz, wenn „nur“ das Ohr verdreht wurde, sagt Huber. „Ohrfeigen hallten länger nach.“ Als Strafe bei schweren Vergehen sei der Kopf in die Toilette gesteckt worden. „Ständig bekamen wir zu hören, wie wertlos und verkommen wir doch sind.“

Am Ende einer Sportstunde habe ein Erzieher den damals Zwölfjährigen in den Geräteraum abgedrängt, abgeschlossen und ihn vergewaltigt, so hat es Huber aufgeschrieben. Kein Einzelfall, der Missbrauch ging immer weiter, hat er notiert. Nach mehr als vier Jahren verließ er die Einrichtung, nahm eine Bäckerlehre in Cochem auf. Auch dort sei es zu sexuellen Übergriffen durch seinen Meister gekommen, sagt er. Der Ausbilder hat das in einem Gerichtsverfahren deutlich zurückgewiesen.

Vor ein paar Jahren lernte Huber den heutigen stellvertretenden Einrichtungsleiter Daniel Mastalerz kennen. Huber hatte Anfang 2012 im Gästebuch des Raphaelshauses sein Martyrium geschildert und war daraufhin eingeladen worden. Missbrauchsvorwürfe sind für die Einrichtung nicht neu.

In dem Haus soll es etwa zwischen 1966 und 1970 regelmäßigen Missbrauch gegeben haben, mehrere Jungen sollen von einem Betreuer vergewaltigt worden sein. Mehrere ehemalige Heiminsassen haben darüber berichtet.

Der ehemalige Leiter des Raphaelshauses, Hans Scholten, hat vor ein paar Jahren 300 ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner befragt. Besonders geschmerzt habe „die Züchtigung“, war der Tenor der Antworten. „Wir wurden verwaltet und nicht erzogen.“ Es gibt zudem Beschreibungen von gewalttätigen Nonnen.

Die Einrichtung hat diese dunklen Kapitel schonungslos aufgearbeitet. Etwa ein Dutzend Missbrauchsfälle sind bekannt. Oft seien die Hinweise nur Indizien, aber auch die ergeben ein deutliches Bild, sagt Mastalerz. „Die Anzahl und der Inhalt vieler Berichte hat mich sehr überzeugt, dass es sexuellen Missbrauch gegeben haben muss.“

Einige Opfer wurden entschädigt, der Versuch, die Hiltruper Missionsschwestern in Regress zu nehmen, sei gescheitert. Das Raphaelshaus nahm in diesen Fällen Kontakt zu den Missionsschwestern auf, um eine Beteiligung zu vereinbaren. „Uns ging es weniger darum, das Geld wieder zu erhalten, wir wollten die Forderung vielmehr nutzen, damit sie einer Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht aus dem Wege gehen können.“

Die Einrichtung hat versucht, die ehemaligen Heimkinder zu unterstützen. „Viele von ihnen sind wirklich zerstört worden“, sagt der Pädagoge heute. Als er Siegfried Huber in dem großen neugotischen Gebäude kennenlernte, habe er dessen unfassbare Leiderfahrung gespürt, sagt er.

Huber hat seine erste Rückkehr an den Ort seines Martyriums abgebrochen, als er an der Kleiderkammer vorbei kam und die alten Erinnerungen hochkamen. In dem kleinen Raum hätte es von der Ordensschwester regelmäßig mit einem Kleiderbügel „Schläge auf die Geschlechtsteile“ gegeben. Die gefolterten Kinder hätten anschließend den Rest der Nacht wimmernd in Dunkelheit verbringen müssen.

„Runder Tisch“ im Februar 2009

Mit der „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ hat sich auch der Bundestag beschäftigt. Ein „Runder Tisch“ konstituierte sich am 17. Februar 2009 unter dem Vorsitz der damaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer. Im Abschlussbericht ist festgehalten: „Es erhärtet sich der Eindruck, dass das ‚System Heimerziehung‘ große Mängel sowohl in fachlicher wie auch in aufsichtlicher Hinsicht aufwies.

Zu bedauern ist vor allem, dass verantwortliche Stellen offensichtlich nicht mit dem notwendigen Nachdruck selbst auf bekannte Missstände reagiert haben.“ Huber bekam, wie viele seiner ehemaligen Mitleidenden, 10.000 Euro aus einem Materialfonds des Runden Tisches. Entschädigt wurde er darüber hinaus pauschal als „Rentenersatzleistung“ für die Heimzeit. Jahrelang waren die Heimkinder unentgeltlich bei der Feldarbeit eingesetzt worden.

Die Bischofskonferenz im Erzbistum Köln empfahl ebenfalls eine Entschädigung. So kam es 2013. In der Übereinkunft mit dem Raphaelshaus wird festgehalten, dass er viele „demütigende Körperstrafen und entwürdigende Handlungen erlebt hat, unter anderem sexuellen Missbrauch.

Diese Handlungen haben zu lebenslangen Beeinträchtigungen der körperlichen und psychischen Gesundheit geführt.“ Hubers Lebensqualität sei sehr beeinträchtigt worden. Für die „Leiderfahrung“ wurde ihm die Höchstsumme von 10.000 Euro aus dem Heimfonds zugeteilt. Gleichwohl erfolge die Zahlung ohne Anerkennung einer rechtlichen Verpflichtung und soll als „Geste für erlittenes Unrecht dienen“, so steht es in dem Papier, mit dem auch Stillschweigen vereinbart wurde.

Huber hat versucht, Rentenansprüche nach dem Opferentschädigungsgesetz geltend zu machen. Anspruch auf Versorgung oder Rente hat demnach, „wer durch einen vorsätzlichen, rechtswidrigen, tätlichen Angriff an der Gesundheit geschädigt ist“, so steht es im Gesetz. Das Opferentschädigungsgesetz wurde 1985 geändert, die alte auf Huber zutreffende Form, setzt voraus, dass Opfer einen Grad der Behinderung von 50 Prozent aufgrund der Gewalttaten nachweisen.

Bei Huber wurde zwar als Schädigungsfolge eine „posttraumatische Belastungsstörung“ festgestellt, der Grad der Schädigungsfolge aber niedriger eingestuft.

Eine psychiatrische Gutachterin attestierte Huber eine „Tendenz zum sozialen Rückzug, zum Urmisstrauen aufgrund fehlender stabiler Beziehungserfahrungen, leicht depressive Züge und eine gewisse emotionale Instabilität“. Es scheine danach möglich, dass der Kläger sexuell missbräuchlichen Handlungen neben den Körperverletzungen und Züchtigungen ausgesetzt gewesen sei. Die Gutachterin machte aber auch widersprüchliche und variable Aussagen Hubers aus.

Wie kann man Missbrauch, der Jahrzehnte lang zurückliegt, in ein paar Stunden dokumentieren? Das war die Hürde, die hätte vor Gericht übersprungen werden müssen. Sie ist hoch, bundesweit werden nur selten die Ansprüche anerkannt. Nur selten gelingt es den Opfern schlüssig zu belegen, dass ihre Schädigungen tatsächlich von den Qualen in den Heimen herrühren.

Daniel Mastalerz war als Zeuge in dem Verfahren geladen. Er setzte sich für Huber ein. „Es gibt die Conclusio, dass es auch bei ihm einen Missbrauch gegeben haben kann.“ Belege dafür gibt es nicht — wie fast immer in solchen Prozessen. Zeugen und mögliche Täter sind bereits gestorben. In dem Verfahren ging es am Rande auch um die Frage, warum Huber seine Ansprüche erst 2013, also mehr als 40 Jahre nach seiner Heimzeit angemeldet habe. Hubers Erklärung klingt plausibel. Seine Kinder hatten nach Jugendbildern gefragt, der Vater erkundigte sich im Raphaelshaus.

Bilder bekam er nicht, dafür seine Personalakte. Als Jugendlicher hatte er in Dormagen gelitten, als Erwachsener bekam er noch einmal schriftlich, was für ein verkommener, wertloser Mensch er doch sei, der nur lüge und betrüge. Diese Zeilen waren diesmal der Anlass, sich zu wehren. „Ich habe endlich dafür Kraft gefunden“, sagt er.

Rentner mit geringen Ansprüchen

Huber wurde vor Gericht von seinem Anwalt Ralf Hövelmann aus Alsdorf vertreten. Der Jurist hegt keine Zweifel an der Leidensgeschichte seines Mandanten. Hövelmann bescheinigt dem Gericht aber auch, dass es sehr sorgfältig gearbeitet habe. Das Landessozialgericht hat für die nächste Instanz die beantragte Prozesskostenbeihilfe wegen der geringen Erfolgsaussicht abgelehnt. Und damit war das Verfahren beendet. Im Namen des Volkes bekommt Huber keine Entschädigung.

Seit ein paar Wochen ist Huber nun Rentner mit geringen Ansprüchen. Ohnehin hatte die Bundesagentur für Arbeit zuletzt festgehalten, dass er täglich nicht länger als drei Stunden arbeiten könne. Das Berufsleben ist beendet, die Suche nach Antworten wird es nie sein. „Warum bin ich so?“ Die Alpträume schrecken ihn immer noch auf, sagt er. „Ich werde diese Bilder nicht mehr los.“ Er beschreibt sich als beziehungsunfähig, verweist auf drei gescheiterte Ehen. „Nähe kann ich nicht ertragen, dann baue ich eine Mauer auf.

Dabei ist das einzige, was ich immer wollte, dass mich mal jemand gerne hat.“ Huber hat zwei Söhne in den letzten Jahrzehnten alleine aufgezogen, einer wohnt noch bei ihm. „Beides sind rechtschaffene Jungens, auf die ich sehr stolz bin. Ohne sie hätte ich längst aufgegeben.“ Das sei seine große Lebensleistung, sagt er. Er hat ihnen etwas gegeben, was er selbst nie erlebt hat: Familie und Zuneigung. „Ich habe ihnen Werte vermitteln können, die mir nie mitgegeben wurden. Ich möchte meine unerfüllten Träume an sie weitergeben.“

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