Stolberg: Mannesmann-Mulag: Seltenes Schmuckstück für Oldtimerfans

Stolberg: Mannesmann-Mulag: Seltenes Schmuckstück für Oldtimerfans

Sorgfältig streicht Waldemar Wolf mit dem gelben Lappen über das glänzende Metall. Jede Schraube, jede Windung muss mit dem Öl zur Konservierung eingerieben werden. Denn das, was sich hier zwischen Werkzeug und Gabelstapler verbirgt, hat einen Wert, der sich in Zahlen nicht ausdrücken lässt.

Mitten im Depot des Zinkhütter Hofs steht er: Ein in Aachen gebauter „Mannesmann-Mulag“, Baujahr 1910. Oder besser noch: Das, was von ihm übrig geblieben ist.

Die Gebrauchsspuren sind unverkennbar. Weiße Striemen zeugen von einer langen und ereignisreichen Geschichte. Die Ladefläche, das Führerhaus und der Motor sind im Laufe eines Jahrhunderts abhanden gekommen. Der Rest aber, versichert Museumsleiter Sebastian Wenzler, der sei in all seiner Imposanz erhalten. Die Bremse, der Kettenantrieb, die Vollgummireifen — „für Technikfreaks ist noch alles dran.“ 4,2 Tonnen Gewicht hatte der Lkw einst auf dem Buckel. Und das ohne Ladung.

Die Bedeutung des historischen Lastwagens zeichnet sich vor allem durch eins aus: seine Seltenheit. Nur noch fünf bis sechs Exemplare gibt es laut Wenzler, drei davon seien in Aachen in privater Hand. Das Museum Zinkhütter Hof besitzt sein Fragment seit etwas über einem Jahrzehnt. Der Mulag ist „ein echtes regionales Produkt“. Der Automobilhersteller Mannesmann-Mulag wurde ursprünglich im Jahre 1900 von Fritz Scheibler als Fritz Scheibler Motorenfabrik AG in Aachen gegründet. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten übernahmen die Brüder Carl und Max Mannesmann 1910 das Unternehmen und führten es ab Ende 1913 als Mannesmann-Mulag weiter.

Anfang des Jahres begann das Museum unter der Leitung von Hausmeister Waldemar Wolf, für „seinen“ Mulag konservatorische Maßnahmen zu ergreifen. Der Wagen wurde komplett gereinigt. Elemente, die seine Funktion verfremdet haben, wurden zurückgebaut. „Es gibt sicherlich Sammler, die versuchen würden, den Originalzustand zu rekonstruieren“, weiß Wenzler. Für das Museum Zinkhütter Hof kam dies jedoch nicht in Frage. Das Gefährt hat im Laufe seiner Geschichte einiges mitgemacht. Und das, findet Wenzler, solle man auch sehen. So wurde der Lkw zwischenzeitlich zu einem Kranwagen umgebaut. Ein Archivfoto belegt, wie der Mulag in dieser Funktion genutzt wurde, um ein Ehrenmal auf einem Friedhof in Hürtgenwald zu errichten. Die Lenkung wurde dafür komplett verdreht. „Für einen Kran ergibt das Sinn, für einen Lastwagen weniger“, betont Wenzler. Mittlerweile blickt die Lenkung wieder in die „richtige“ Richtung.

Einen geeigneten Zeitpunkt, um den Wagen in seiner neuen alten Form der Öffentlichkeit zu präsentieren, hat Wenzler bereits gefunden. Bis zum Oldtimertreffen am 13. September soll der Mulag das Depot verlassen und seinen Platz in der Halle des Zinkhütter Hof einnehmen. Dann reiht er sich ein in die Riege der „rollenden Kulturgüter“, die an diesem Tag auf dem Museumsgelände zur Schau gestellt werden. Das Treffen der historischen „Schätzchen“ hat in Stolberg schon Tradition. Seit 18 Jahren versammelt das Museum Zinkhütter Hof einmal im Jahr die rollenden Zeitzeugen. „Als wir damit angefangen haben, gab es in der ganzen Region nichts zu dem Thema“, sagt Wenzler, selbst stolzer Besitzer eines Citroën Ami 6 aus dem Jahre 1967.

Auch dieses Jahr fällt das Oldtimertreffen mit dem Tag des offenen Denkmals zusammen. Für Wenzler passt dies bestens zusammen, schließlich handele es sich bei Oldtimern um „mobile Denkmäler“. Das Interesse für die alten Gefährte werde zwar immer noch als „exotisch und komisch“ abgetan. Doch für Wenzler liegt der Reiz der alten Autos vor allem in der Geschichte der automobilen Technik. „Das Analoge, Greifbare ist für mich unglaublich faszinierend. Mit überelektronisierten Autos kann ich nichts anfangen.“ Analoge Technik wird es beim Oldtimertreffen genug geben. Dass sich das städtische Programm zum Tag des offenen Denkmals auf den Zinkhütter Hof beschränkt, überrascht Wenzler schon. Schließlich sei das Motto „Handwerk, Technik, Industrie“ ideal. Wenzler: „Stolberg ist eigentlich eine Stadt, die das Thema Industriegeschichte verkörpert. Das kommt an dem Tag sicherlich nicht rüber.“

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