Machbarkeitsstudie in Stolberg zum Busnetz der Zukunft angelaufen

Machbarkeitsstudie : Stolberg sucht das Busnetz der Zukunft

Der öffentliche Personennahverkehr in Stolberg soll in Zukunft auf den Bedarf der Bürger abgestimmt werden. Zu diesem Zweck ist nun eine Machbarkeitsstudie angelaufen. Auch Eschweiler srebt eine Verbesserung an.

Eschweiler überlegt noch, das zu tun, was die Kupferstadt bereits in Auftrag gegeben hat, sagt Stolbergs Klimaschutzmanager Georg Trocha. Eine Machbarkeitsstudie untersucht in der Kupferstadt das bestehende System des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) unter dem Aspekt der Klimafreundlichkeit und hinterfragt, ob das bestehende Angebot von Buslinien der Nachfrage gerecht wird. Ziel ist ein attraktives, pünktliches, flexibles, umweltfreundliches und bezahlbares ÖPNV-Angebot, wie Bürgermeister Patrick Haas betont: „Die Mobilitätsangebote in Stolberg müssen noch stärker auf die Bedürfnisse der Bürger abgestimmt sein.“

„Stolberg ist besonders anders“

Das ist eine Herausforderung, gestehen Herbert Eidam und David Philipps vom Kölner Planungsbüro VIA, die im Juli die Vorarbeiten für ihre Studie aufgenommen haben. „Stolberg ist besonders anders“; sagt Eidam im Vergleich zu Brühl, Euskirchen oder Wermelskirchen, wo die Verkehrsplaner das Nahverkehrsangebot zeitgemäß umgekrempelt haben.

Das liegt einmal mehr an der Topografie Stolbergs mit seiner Tallage und den vielen Dörfern mit individuellen Ansprüchen an Verkehrsverbindungen untereinander und auch nach Eschweiler, Langerwehe, Würselen und Aachen. Das liegt aber auch an der Historie des ÖPNV in der Kupferstadt.

In den 1990er Jahre wurde im damaligen Kreisgebiet ein Stadtbussystem diskutiert, das Ortsteile untereinander und mit dem Stadtzentrum verbindet sowie einen Anschluss an überregionale Buslinien herstellt. Anders als beispielsweise Eschweiler, wo Stadtbuslinien eingeführt wurden, lehnte Stolberg 1995 dieses Hüsler-Konzept mit seinen Ringbuslinien ab: Stattdessen wollten mehrheitlich SPD und UWG seinerzeit Mehrkosten für die Stadt durch die Straffung des altehrwürdigen Liniensystems der Aseag vermeiden. Stolberg überarbeitete lediglich sein bestehendes Liniennetz.

Studium der Mitnahme-Fahrpläne im Rathaus: David Philipps (l.) und Herbert Eidam vom Planungsbüro VIA führen die Machbarkeitsstudie durch. Foto: Jürgen Lange

Mit dem Start der Euregiobahn 2001 folgte ein Streichkonzert bei den Bussen. Einerseits sollte paralleler Busverkehr zum Zug vermieden werden, andererseits sollte die  Umlage, die die Stadt für die Leistungen des ÖPNV bezahlen muss, um eine halbe Million Euro reduziert werden. Im Laufe der folgenden Jahre wurden weitere Leistungen auf schwach ausgelasteten Linien zurückgenommen. 2018 lag Stolbergs ÖPNV-Umlage bei 3.047.000 Euro; für dieses Jahr sind  3.347.000 Euro angesetzt.

Trendwende mit City-Tarif

Heute aber arbeitet die Kupferstadt längst an einer Trendwende. Das 2018 beschlossene klimafreundliche Mobilitätskonzept gibt den Weg vor. Die Infrastruktur für Elektromobilität, Fuß- und Radverkehr sowie Umsteigepunkte auf Bus und Bahn werden ausgebaut. „Die nun anlaufende ÖPNV-Machbarkeitsstudie ist eine Sofortmaßahme im Rahmen dieses Konzeptes“, betont Tobias Röhm. „Bei der Erarbeitung neuer Leitlinien setzen wir neben den Fachleuten wieder auf die Anregungen und Wünsche der Bürger“, unterstreicht der Technische Beigeordnete die Möglichkeiten zur Mitsprache.

Neben den öffentlichen Sitzungen des Ausschusses für Stadtentwicklung, Verkehr und Umwelt sind eine Bürgeranhörung im Rahmen der Bestandsanalyse und eine Online-Befragung (unter www.stolberg.de unter „Stadt“ dann „aktuelle Meldungen“) Bestandteil des Konzeptes. „Bisher haben sich schon über 100, vor allem jüngere Menschen, an der Online-Umfrage beteiligt“, sagt Pressesprecher Tobias Schneider.

„In den vergangenen Monaten hat Stolberg bereits an wichtigen Stellschrauben gedreht, um den ÖPNV attraktiver zu machen“; sagt Herbert Eidam. Ein Meilenstein war dabei die Einführung des City-Tarifs in Höhe von 1,80 Euro zum 1. November 2016 für den innerstädtischen Bereich von Atsch bis Vicht Kirche und von Büsbach bis Donnerberg.

25 Prozent mehr Fahrgäste wurden (zurück) auf den Bus geholt. Dank der Resonanz kommt die Stadt anstelle der prognostizierten Subvention von 60.000 Stolberg Euro mit 14.000 Euro aus. Der vom AVV 2013 eingeführte Flugs-Tarif hatte für viele Stolberger eine Preissteigerung von bis zu 70 Prozent zur Folge; viele verzichteten auf Busfahrten. Allerdings gibt es für die Ortschaften im Süden und Osten des Stadtgebietes noch keinen „Stolberg-Tarif“: Das wäre ein möglicher Ansatz, blickt Eidam in die Zukunft.

Zwei andere Beispiele sind die in diesem Juni wochentags neu eingeführten Linien 38 und 58. Erstere verbindet die Alt- und Innenstadt mit dem Hauptbahnhof, um dort die Anschlüsse auf die RE-Linien nach Köln zu optimieren. Letztere verbindet den Ausflugsort Zweifall mit dem Nahversorgungszentrum Breinig.

Komplizierte Struktur

Andererseits ist die Struktur des Busnetzes mit zwar wechselnden Liniennummern, aber lang durchgehende Strecken kompliziert. „Es ist für Kunden schwierig nachzuvollziehen, anfällig für Verspätungen, aber es bietet die Möglichkeit, ohne Umsteigen zu entfernteren Zielen zu gelangen“, bewerten Eidam und Philipps.

Andererseits bilde die innerstädtische Achse der Euregiobahn, die ab Herbst 2020 regulär bis Breinig verlängert wird, ein ideales Rückgrat für den ÖPNV. „Wo hat man sonst schon eine Gleisstrecke, die parallel zur Innenstadt verläuft?“, meint Eidem. Schön wäre es, die Taktzeiten weiter zu verdichten.Für die Verkehrsingenieure der VIA führt der Weg zu maßgeschneiderten Lösungen für Stolberg erst einmal über eine genaue Analyse des Bestandes und der Nahverkehrspläne von Städteregion und Nahverkehr Rheinland, über die Stärken und Schwächen bestehender Linienverbindungen und des gesamtes Systems hin zu den Potenzialen: von Verbesserungsmöglichkeiten und Verknüpfungspunkten über alternative Modelle wie den Netliner in Monschau oder anderen Angebotsvarianten bis hin zu Tarifen und Desgin.

In enger Abstimmung mit den Lenkungsgruppen aus Fraktionen und Verwaltung wird ein Jahr vergehen, bis ein neues und klimafreundliches Leitbild mit unterschiedlichen Ausbaustufen für den ÖPNV in Stolberg definiert werden können. Im Spätsommer 2020 soll ein Vorentwurf eines neuen Linienplans vorgelegt werden können.

Weitere Details, wie die konkreten Wege der Buslinien, Haltestellen und Fahrpläne würden dann in einer nächsten Stufe ebenso erarbeitet wie eine Abstimmung mit Verknüpfungspunkten des Radewegenetzes.

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