Leoni Kerpen in Stolberg soll 150 von 500 Stellen abbauen

Noch gilt Standortsicherungsvertrag : Leoni Kerpen soll 150 von 500 Stellen abbauen

Noch bis zum 31. Juli 2020 gilt der in der Krise 2013 abgeschlossene Standortsicherungsvertrag für das einstige Kerpen-Werk. Nun will der Konzern Leoni vorzeitig einen neuen Vertrag aushandeln – und 150 Arbeitsplätze am Nachtigällchen abbauen.

Bereits im Frühjahr hatte das MDax notierte Unternehmen wegen steigender Kosten und einem sich trübenden Marktumfeld angekündigt, Profitabilität und Cashflow nachhaltig verbessern und das Unternehmen auf zukunftsfähige und rentable Geschäftsfelder auszurichten. Dazu gehören eine Reduzierung von rund 2000 Stellen weltweit, davon bis zu 500 in Hochlohnländern.

Am 10. Juli folgte die Nachricht, der Nürnberger Konzern bereite sich auf eine Trennung von dem Unternehmensbereich „Wire & Cable Solutions“ (WCS / Draht- und Kabel-Lösungen) durch einen Börsengang, Ver- oder Teilverkauf vor. Der Bereich umfasst alles, was nicht zum Bordnetzbereich (Wiring Systems Division / WSD) für die Automobilindustrie gehört, auf den sich Nürnberg konzentrieren wolle.

Die Produktion in Stolberg zählt aber überwiegend zum Bereich Draht & Kabel. Eine Spezialität von Leoni Kerpen ist im Segment der Kabelstränge und Systemlösungen für Förderanlagen und Raffinerien, aber auch der Solarthermie. Nur sind in diesem Geschäftsfeld kaum Aufträge zu finden. Seit Jahren blockiert vor allem das Iran-Embargo den Bau neuer Anlagen der Öl- und Gasproduktion am Golf. Wenn es Aufträge gibt, sind sie weltweit heiß umkämpft, wobei dabei vor allem der Preis entscheidend ist.

Dagegen soll Stolberg mit seinem Bereich Datacom vom starken Marktumfeld profitieren und eine sehr gute Auftragslage aufweisen. Erst im vergangenen Jahr wurde in den Ausbau der Kapazitäten investiert. Zudem werden einige Produkte für die Automotive-Sparte gefertigt. Je größer die Auslastung der Anlagen sind, um so wirtschaftlicher und kostensparender kann also auch am Nachtigällchen produziert werden.

Bei Leoni Kerpen dreht sich alles um die Produktion von Kabeln. Der Konzern will den Standort einmal mehr restrukturieren. Foto: Jürgen Lange

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass am Stolberger Standort nicht immer alles reibungslos funktionierte. Schwierig war für das Unternehmen beispielsweise das Jahr 2017. Zu Beginn des Monats Mai wurde rückwirkend Kurzarbeit für einen Teil seiner Belegschaft angemeldet. Betroffen davon war der Bereich „Industrial Projects“ – eben die Produktion von Kabeln für große industrielle Anlagen in der Ölbranche. Wenige Investitionen auf diesem Sektor und der Bau weniger neue Anlagen waren der Grund, erklärte die Aktiengesellschaft damals gegenüber unserer Zeitung. Schon vor einigen Jahren hatte sich Leoni Kerpen aus ähnlichen Gründen von Teilen seiner Belegschaft trennen müssen und zeitweise die Kurzarbeit eingeführt. Ein großes Familienfest, das für Ende Juni 2017 zum 100. Geburtstag von Kerpen geplant war, wurde „aufgrund der schlechten Lage“ abgesagt. Doch zurück in die Gegenwart.

Vor wenigen Tagen informierte die Konzern- und Werksleitung Betriebsrat und Gewerkschaft über ihre Restrukturierungspläne. „Einen vorzeitigen neuen Standortsicherungsvertrag wird es mit uns nicht geben“, sagt Martin Peters. „Wir können aber gerne in Kürze über neue Vereinbarungen reden, die ab dem 1. August 2020 greifen könnten“, so der 1. Bevollmächtigte der IG Metall. Immerhin habe das Unternehmen im Ergänzungstarifvertrag 2013 Garantien für den Standort und für mindestens 400 Beschäftigte gegeben. Das kostete damals den Abbau von 104 Arbeitsplätzen, eine Stunde Mehrarbeit ohne Lohnausgleich und eine Reihe weiterer finanzieller Einbußen.

„Nicht einfach zustimmen“

„Uns gegenüber hat die Unternehmensleitung gesagt, dass Leiharbeiter, Altersteilzeit und Pensionierung beim Abbau von 150 Stellen angerechnet werden“, berichtet Martin Peters. Zur Rede stünden nun 84 Kündigungen. Dem werde die IG Metall beileibe nicht einfach zustimmen. „Wir werden genau hinsehen müssen“, kündigt Peters an. Notwendigkeit, Alternativen und sozialverträgliche Regelungen werden nur einige von vielen Themen bei Verhandlungen über die weiteren Rahmenbedingungen sein.

„Die Gespräche werden sicherlich in Bälde anlaufen können“, sagt Peters. Aber zuerst haben die IG Metaller in der Belegschaft am Nachtigällchen das Wort. Kommenden Dienstag werden die Gewerkschafter erst einmal untereinander die Lage sondieren und diskutieren.

Und was sagt das Unternehmen selbst dazu? „Wir können bestätigen, dass Leoni Kerpen beabsichtigt, seinen Standort in Stolberg mit Hilfe einer Restrukturierung zukunftssicher aufzustellen. Erklärtes Ziel der Geschäftsführung ist es, den Standort Stolberg durch strukturelle Anpassungen langfristig zu sichern und weiterzuführen“, erklärt ein Sprecher des Konzerns in Nürnberg auf Anfrage unserer Zeitung.

Ursache für die geplante Maßnahme sei vor allem das anhaltend schwierige Marktumfeld im Öl- und Gasgeschäft sowie anhaltender Preisdruck durch neue Wettbewerber aus Niedriglohnländern. „Die Gespräche zwischen der Geschäftsführung und den Arbeitnehmervertretern haben begonnen. Zu den Inhalten und zum Fortschritt der in Kürze anlaufenden Verhandlungen können wir uns derzeit nicht äußern“, hieß es weiter.

Mehr von Aachener Zeitung