Vortrag von Herbert Ruland : Kuriose Begebenheiten spannend geschildert

Vortrag von Herbert Ruland : Kuriose Begebenheiten spannend geschildert

Der in der autonomen deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens lebende Historiker Dr. Herbert Ruland hat sich intensiv mit der Situation der im Dreiländereck lebenden Menschen während des Ersten Weltkrieges beschäftigt.

Seine umfangreichen Recherchen, die auch die Ereignisse nach Ende des Ersten Weltkriegs berücksichtigen, hat Ruland im vergangenen Jahr in Buchform wiedergeben. Einblicke in sein Manuskript und seine Forschungsarbeit vermittelte er jetzt den Besuchern, die kürzlich im Saal des Kupferhofes Rosental eine Vortragsveranstaltung des Stolberger Heimat- und Geschichtsvereines besuchten.

Im Mittelpunkt dieses Vortrags stand die Situation im damaligen Neutral-Moresnet sowie im Eupener und Aachener Umland: Neutral-Moresnet war ein völkerrechtliches Kuriosum. Der nur wenige tausend Einwohner zählende Zwergstaat - wirtschaftlich war er von großem Interesse wegen seiner reichen Zinkerzvorkommen - hat bis 1918 bestanden.

„Somit war die heutige Euregio damals ein Vierländerstaat", versicherte Ruland, der seinen Vortag mit zahlreichen historischen Fotos untermauert hatte, die er in einer kleinen Power-Point-Präsentation den Besuchern zeigte. Wie eingangs erwähnt stand bei Rulands das Leben der „einfachen Menschen“ im Vordergrund.

Gemeinsam gefeiert

Ein Leben, das laut Ruland bis 1914 von gegenseitiger Freundschaft und verwandtschaftlicher Beziehungen über die Grenzen hinweg geprägt war. Man feierte, wie der Historiker versicherte, dörfliche Feste und Ereignisse gemeinsam, pflegte einen Dialekt, der sich nur durch leichte Färbungen unterschied sowie bewirtschaftete und besaß Land, das beidseitig der Grenzen lag. „Für die Menschen existierten die Grenzen nur auf dem Papier“, so Ruland, der die Verbundenheit der Menschen im damaligen Vierländerland dadurch untermauerte, dass er historische Postkarten zeigte, deren Aufschriften die freundschaftliche Situation in der Grenzregion wiedergaben.

Als große Zäsur für das zuvor gepflegte menschliche Zusammenleben in der Grenzregion, bezeichnete der 67-jährige Historiker den Einmarsch deutscher Truppen im August 1914 in Belgien. Neutral-Moresnet wurde vom damaligen Deutschen Reich annektiert und die beim Einmarsch der deutschen Truppen begangenen Gräueltaten an der Zivilbevölkerung, führten, wie Ruland versicherte, zu einer empfindlichen und nachhaltigen Störung des deutsch-belgischen Verhältnisses.

Gebiet abgegeben

Die politische Situation und das Leben der Bevölkerung in der Grenzregion änderte sich abermals, als Deutschland den Ersten Weltkrieg verlor und 1919 im Vertrag von Versailles, das Gebiet um Eupen, Moresnet und Malmedy an Belgien abgeben musste. Zuvor hatte Ruland den Rückmarsch deutscher Truppen durch Ostbelgien und Aachen geschildert und per Bild vorgestellt. „Eine demoralisierte Truppe, die in der Auflösung begriffen war“, so der Historiker, der in seinen nachfolgenden Äußerungen auch auf das Schicksal der Familie Rossaint einging, die 1921 aus dem nun belgischen Lontzen nach Stolberg zog, weil sie die deutsche Staatsbürgerschaft nicht aufgeben wollten. Aus dieser, danach in der Velau ansässigen Familie, stammt auch der bekannte Widerstandskämpfer Dr. Joseph Cornelius Rossaint, der 1937 im so genannten Berliner Katholikenprozess als Geistlicher der Hauptangeklagte war.

Rossaint überlebte die anschließende Haft und wurde nach einem engagierten Leben als Nazigegner und gesellschaftspolitischer Aktivist 1991 auf dem Friedhof Bergstraße in seiner Wahlheimat Stolberg begraben. Die Besucher waren vom Vortrag begeistert. Denn der in Düren geborene Historiker ist nicht nur ein gefragter Buchautor, sondern auch ein guter Erzähler. Seine lebendige, authentische und nicht gekünstelte Sprache, kam bei den Vortagsgästen sehr gut an. Nach dem Selbstverständnis der Deutsch-Belgier heute gefragt, meinte der Referent: „Wir sind Europäer und fühlen uns in Belgien sehr wohl. Unsere deutschsprachige Gemeinschaft besitzt sehr weitreichende Rechte, die mitunter über das hinausgehen, was ein deutsches Bundesland für sich regeln und entscheiden darf.“

(dö)