Kriminalitätsstatistik: Leichter Anstieg der Delikte in Stolberg

Kriminalitätsstatistik 2018 : Leichter Anstieg der Delikte in Stolberg

Die beiden Tötungsdelikte, die die Kriminalitätsstatistik für das vergangene Jahr trüben, gelten beide als aufgeklärt und eher skurril.

Im Oktober soll mit einer Brandstiftung ein Mordanschlag auf einen Journalisten und seine Familie in Büsbach verübt worden sein. Der Versuch scheiterte; die Beschuldigten sitzen in Haft. Und der Beziehungsstreit, der im April in Gressenich nach einer Baseballattacke des späteren Opfers in einem Totschlag mittels Messerstich mündete, wurde von der Staatsanwaltschaft als Notwehr eingestuft.

2,75 Prozent mehr Delikte

Gleichwohl sind es nicht diese Kapitaldelikte, die zu einem leichten Anstieg der Kriminalität in der Kupferstadt geführt haben. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Anzahl der Delikte von 3451 um 95 auf 3546 (2,75 %), während die Aufklärungsqoute um fünf Punkte auf 45,75 Prozent zurückging. Mit einer Häufigkeitszahl, die die Anzahl der Delikte auf Einwohner bezieht und somit Städte vergleichbar macht, von 6248 (+126) liegt Stolberg weiter unter dem Landesdurchschnitt von 7160, unter der Städteregion (8120) und erst recht unter Aachen (10.646). „Es ist der beste Wert seit zehn Jahren“, sagte Stephan Wey, der als Leitender Kriminalrat eben die Direktion Kriminalität im Aachener Präsidium leitet: „Es sind kleine Zahlen“ – halt in Relation zu den meisten anderen Kommunen. Andererseits sind die drei Nordeifelkommunen mit einer etwa halb so hohen Häufigkeitszahl im Vergleich zu Stolberg ein Stück heile Welt.

Dass die Kupferstadt ein negativer Ausreißer bei sinkender Kriminalitätsrate auf Behördenebene darstellt, will Polizeipräsident Dirk Weinspach so nicht stehen lassen. „Es gibt immer einen kleinen Ausschlag nach oben oder unten; das hängt auch von den Ermittlungserfolgen ab“: Beispielsweise wenn ein Rauschgiftring hochgenommen wird oder eine professionelle Einbrecherbande unterwegs ist. Und Weinspach ist bewusst, dass es die kleineren Straftaten sind, die das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung beeinflussen.

Bürger sollen Häuser sichern

So stieg die Anzahl der Raubüberfälle auf Geschäfte, Spielhallen und Tankstellen zwar um 33 Prozent, de facto ereigneten sich vier statt drei Taten in 2017. Konkret auf eine Lottoannahme in Oberstolberg im Januar, im April auf eine Spielhalle an der Eschweilerstraße und eine Tankstelle an der Gressenicher Straße sowie eine Tankstelle an der Eschweilerstraße im November, wobei nur eine Tat aufgeklärt wurde. Insgesamt gesehen sanken aber die Raubdelikte von 28 auf 26, davon beim Straßenraub um vier auf zehn Fälle.

Eher minimal angestiegen sind die Körperverletzungsdelikte, wobei die Aufklärungsquote mehr als 83 Prozent rangiert. Da sprechen die Einbrüche eine andere Sprache. Um mehr als ein Drittel stiegen die ungewünschten Besuche in Gaststätten (13) und Wohnungen (133), wobei der Anteil der Tageswohnungseinbrüche um 39 Prozent gestiegen ist: auf 57 Fälle. Die Aufklärungsquoten rangieren zwischen 7,7 und 12,8 Prozent. Allerdings endete ein hoher Anteil der Einbrüche bereits beim Versuch. „Hier macht sich die Arbeit unseres KK Vorbeugung bezahlt“; sagt Weinspach. Die Bürger würden ihre Wohnungen und Häuser zunehmend gegen Einbrüche sichern.

Auf das Kellergeschoss wird aber offensichtlich noch nicht so sehr geachtet: Mit einer Quote von 0,77 Prozent wird kaum ein Einbruch in einen Keller aufgeklärt; ihre Anzahl stieg um 105 Fälle auf 260 Taten (+67,74%). Mit 19 Einbrüchen in Geschäften wurde einer weniger als 2017 erfasst.

Sechs Mal öfter bei insgesamt 32 Fällen griffen Diebe in fremde Stolberger Taschen, wobei ein Fall aufgeklärt wurde. Ladendiebe haben schlechtere Karten. 92,3 Prozent der 143 Taten wurden aufgeklärt.

Ganz im Trend liegt die Kupferstadt übrigens in Fragen der Mobilität. Die Diebstähle von Kraftwagen sank auf 19 (-21%), die an und aus Kfz auf 246 (-3,6%). Gefragt sind dagegen Mopeds (31/+10,7%) und Fahrräder: mit 122 verschwanden zehn Drahtesel mehr (8,9%) als in 2017. Das kann aber für die gebeutelten Eigentümer spürbare finanzielle Schäden haben. „Weil immer mehr hochwertige Fahrräder betroffen sind“, so Dirk Weinspach und auch E-Bikes gefragter denn je sind. „Hier sind die Bürger gefordert“, sagt Weinspach. Sie sollen ihr Hab und Gut besser schützen. Vor allem die teuren Fahrräder. „E-Bikes gehören in eine Garage“, empfiehlt der Polizeipräsident.

Seine Kriminalitätsstatistik weist eine positive Entwicklung bei Betrugsfällen auf. Um 28,2 Prozent auf 438 sanken die Fallzahlen. Noch 15 Betrugsfälle mit rechtswidrig erlangten Zahlungsmitteln (-51,5%) und 160 Fälle (-14%) von erschlichenen Leistungen weist die Statistik auf bei Aufklärungsquoten zwischen 81 und 99 Prozent. Aber Sorgen machen Weinspach und Wey eine Entwicklung, die in der Kriminalitässtatistik für die Städteregion nicht auftauchen können, weil die Taten in der Regel vom Ausland aus begangen werden: Straftaten gegen ältere Mitbürger, der „Enkeltrick“ oder der „falsche Polizist“ sind dabei Stichworte. 95 Prozent der Taten werden per Telefon eingestielt.

1383 Fälle zählte das Aachener Polizeipräsidium vergangenes Jahr, der Schaden summiert sich auf 1,4 Millionen Euro. Und das ist eine recht ansehnliche Beute bei einer zweiprozentigen Erfolgsquote der straff organisierten Banden: denn nach derzeitigen Erkenntnissen scheitern 98 Prozent der Versuche.

„Aber die Dunkelziffer ist hoch“, sagt Wey. „Im Ausland werden regelrechte Callcenter betrieben. Da werden Telefonbücher nach altmodisch klingenden Vornamen durchforstet und die älteren Herrschaften, die nicht schnell genug auflegen, in oft stundenlangen Gesprächen so genötigt und bequatscht, dass sie nicht mehr wissen, wo vorn und hinten ist.“

Wey berichtete von einem aktuellen Fall, in dem ein aufmerksamer Bankmitarbeiter Schlimmeres verhinderte: Als ein 81-jähriger Kunde mehr als 100.000 Euro von seinem Konto abhob und am Tag darauf einen noch höheren Betrag holen wollte, informierte er die Polizei. Die konnte verhindern, dass der Senior die Summe einem Betrüger aushändigte – die ersten gut 100.000 Euro aber waren bereits verschwunden. Angesichts des wachsenden Trends dieser Betrugsmasche sieht die Polizei die Beschäftigten der Geldinstitute zu noch mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität aufgerufen. Aber es sind nicht nur Betrugsfälle, denen Senioren sich ausgesetzt sehen, auch Raub (zum Beispiel nach einem Bankbesuch) und Straftaten in der Pflege stehen sie oft hilflos gegenüber.

„Es sind kleine Zahlen“: Leitender Kriminaldirektor Stephan Wey zur Kriminalität in Stolberg. Foto: Jürgen Lange

Nach Fahndungserfolgen und Prozess im Vorjahr ist die Zahl der registrierten Rauschgiftdelikte um 42,3 Prozent auf 79 (bei einer Aufklärungsquote von fast 90 Prozent) gesunken – und das, obwohl die Polizei aufgrund ihrer Einsätze im Braunkohlegebiet und an der Grenze ihren Kontrolldruck zurückfahren musste. Umgekehrt lässt sich damit die gesunkene Anzahl der Delikte  erklären: Wo keine Rauschgiftdealer gesucht werden, können keine Straftaten in der Statistik auftauchen.

Um 4,7 Prozent auf 812 Fälle gestiegen ist die Anzahl der Delikte, die auf offener Straße begangen werden. Hier ebenso wie bei Einbrüchen, Bedrohungen und Nötigungen spielt auch eine Bande eine Rolle, die ihren Sitz in Eschweiler hat, aber auch in der Kupferstadt Raubzüge unternimmt. Wey: „Bislang wurden 30 Mitglieder identifiziert, 13 sitzen in Haft, 18 sind verurteilt.“ Die Täter – einige davon  Intensivtäter – kamen aus allen sozialen Schichten, teils auch aus Nachbarstädten. „Ihnen ging es weniger um die Beschaffung irgendwelcher Beute, sondern um das Event“, so Wey. Auch wenn die Bande als solche zerschlagen sei, einzelne Mitglieder seien nach wie vor auf der Straße. „Wir bleiben da dran!“

Dran bleibt die Polizei auch am Thema Extremismus. Während die rechte Szene in Stolberg kaum noch eine Rolle spiele, so hat der Staatsschutz zunehmend islamistische Gruppierungen im Auge. Zwar sei die Szene verglichen mit anderen Großstädten überschaubar, aber „auch hier gibt es Gefährder“, sagt Wey auf Nachfrage. Zu weiteren Details schweigt die Polizeiführung aber aus ermittlungstaktischen Gründen.