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Eine Kirche, zwei Religionen: Koptische Gemeinde hat in St. Franziskus ein Zuhause gefunden

Eine Kirche, zwei Religionen : Koptische Gemeinde hat in St. Franziskus ein Zuhause gefunden

„Ein Kopte ohne Kirche ist wie ein Vogel ohne Nest“, sagt Kamal Abadir. Er ist Ingenieur und Diakon in der Aachener Gemeinde der koptisch-orthodoxen Kirche St. Damiana. Ende Januar hat die Gemeinde in der Pfarrkirche St. Franziskus in der Velau ein Zuhause gefunden. Seitdem teilt man sich das Gotteshaus mit den Katholiken.

Ein Projekt, das in ganz Deutschland Seinesgleichen sucht. Höchste Zeit also, um einmal nachzufragen, wie sich die Gläubigen in der Kupferstadt eingelebt haben. Wie werden die Gottesdienste angenommen? Und welche Pläne sollen in Zukunft umgesetzt werden? Schließlich soll St. Franziskus das zentrale Gotteshaus für die Kopten in der Region und über die Grenzen nach Belgien und Holland hinaus werden. Einen Erwerb des Gotteshauses schließe man nicht aus. Momentan befinde man sich diesbezüglich in Verhandlungen, verrät Abadir.

Diakon Kamal Abadir mit dem frisch gebackenen Brot, das im Gottesdienst verteilt wird. Foto: Sonja Essers

Jeden ersten und dritten Sonntag feiert die Gemeinde ihren Gottesdienst. Dafür reist ein Priester aus Frankfurt an. In ihrer Heimat Ägypten stellen die Kopten die größte christliche Gemeinschaft. Darüber, wie viele Gläubige es gibt, herrscht Uneinigkeit. Die Zahlen schwanken in Ägypten zwischen sieben und zehn Millionen. Eine halbe Million soll in anderen Ländern leben, in Deutschland soll es rund 6000 Kopten geben.

Düsseldorf und Brüssel

Wer zur koptischen Gemeinde gehöre, wisse, dass man bis zum nächsten Gottesdienst in der Regel einige Kilometer zurücklegen müsse. Bevor die Aachener Gemeinde, die zur süddeutschen Diözese gehört, sich in Stolberg niederließ, war man zu Gast in der Kapelle des Aachener Lourdesheims. Davor besuchte Abadir die Gottesdienste meist in Düsseldorf. Im benachbarten Belgien sei die nächste Gemeinde in Brüssel. So sei es kein Wunder, dass nicht nur Gläubige aus der Städteregion und aus dem Kreis Düren, sondern auch aus den Niederlanden und Belgien die Gottesdienste in St. Franziskus besuchen.

Was auffällt: An diesem Sonntag besuchen besonders viele junge Familien den Gottesdienst. Bis zu 150 Besucher seien es. An diesem Sonntag sind es rund 50 Menschen, die zu Gast sind — darunter auch etliche Kinder. Man versuche, sie in die Gemeindearbeit zu integrieren — und zwar schon von klein auf. Aus diesem Grund habe man auch die Sonntagsschule ins Leben gerufen. So würde bereits der Nachwuchs an den Glauben herangeführt.

Abadir, der Mitbegründer der Gemeinde ist, kann sich allerdings auch noch an andere Zeiten erinnern. „Am Anfang habe ich mich um alles alleine gekümmert. Mittlerweile engagieren sich immer mehr Menschen. Als ich zum Beispiel gefragt habe, wer sich um die Sonntagsschule kümmern möchte, haben sich gleich mehrere direkt gemeldet“, sagt er und lacht. Die Kirche sei für Kopten wie ein zweites Zuhause. „Deshalb wollen die Kopten auch immer in der Nähe von ihrer Kirche wohnen“, so Abadir. Eine Tendenz, die man nun auch in Stolberg erkennen könne. „Einige Familien sind auf der Suche nach einer Wohnung in der Nähe. Wir fühlen uns in Stolberg sehr wohl“, sagt der Diakon.

Rund drei Stunden dauert in der Regel ein Gottesdienst (siehe Infobox). Im Vergleich zur Liturgie in der Katholischen Kirche sei dieser ausgeschmückter. Bedeutet: Es gibt gleich mehrere Lesungen — und das in drei Sprachen: deutsch, koptisch und arabisch. So wolle man alle Gottesdienstbesucher erreichen. Schließlich gebe es Kinder und Jugendliche, die kein arabisch verstehen würden. Das Koptische wolle man zudem weiter sprechen, damit die Sprache nicht verloren gehe, sagt Abadir.

Weihrauch und Triangel

Lesungen sind jedoch nicht die einzigen Texte, die vorgetragen werden. Hinzu kommen das Evangelium und eine rund 15-minütige Predigt. Immer wieder kommt auch der Weihrauch zum Einsatz. Ein wenig anders als in der Katholischen Kirche ist auch die musikalische Begleitung. Traditionelle Instrumente wie Triangel und Zimbel — kleine Becken — kommen zum Einsatz. Zudem kommt der Priester im Laufe des Gottesdienstes auch immer wieder zu den Gläubigen und segnet sie. Ein weiterer Unterschied: Im Altarraum halten sich nur Männer auf. Die Frauen müssen zudem ihre Haare mit einem Tuch bedecken.

Ein wichtiger Teil des Gottesdienstes ist auch die Zubereitung und Verteilung von Brot und Wein. Eine Hostie gibt es allerdings in der koptisch-orthodoxen Kirche nicht. Frisch gebackenes Brot, verziert mit bestimmten Symbolen, wird gereicht. Darauf zu sehen sind ein großes Kreuz, das für Jesus steht, und zwölf kleinere Kreuze, die die Apostel darstellen sollen. Wer Brot und Wein empfangen möchte, darf ab Mitternacht weder essen noch trinken. Auch das Thema Fasten spielt bei den Kopten eine wichtige Rolle. An rund 200 Tagen im Jahr wird vegan gefastet. Beispielsweise zum Marienfest, vor dem Weihnachtsfest, das übrigens am 6. Januar gefeiert wird, und auch vor Ostern.

In der Heimat unterdrückt

In der Predigt wird in der Regel über aktuelle Themen gesprochen. Was hat die koptische Gemeinde in Stolberg in dieser Woche besonders beschäftigt? Die Vorfälle in der Provinz Minya, die rund 250 Kilometer südlich von Kairo liegt. Einige Gemeindemitglieder, die den Gottesdienst an diesem Tag besuchen, haben dort noch Familie und Freunde und berichten, wie diese von Islamisten unterdrückt werden. Berichten zufolge hatten diese gleich mehrere Häuser von Kopten gestürmt und diese angezündet, weil sie vermutet hatten, dass in den Räumen christliche Gottesdienste stattgefunden hätten.

Einige Gemeindemitglieder, die den Gottesdienst in Stolberg besuchten, befürchten nun, dass sich die Situation vor Ort weiter zuspitze. Unter der Oberfläche brodle es bereits, sagt ein Mann, der seinen Namen allerdings nicht in der Zeitung lesen möchte.

Und was sagen Bistum und die Stolberger Gemeinde zu dem geplanten Kauf des Gotteshauses? Das Bistum bestätigte am Montag auf Nachfrage, dass es Verhandlungen zwischen der koptischen Gemeinde und der Gemeinde St. Lucia, zu der die Kirche St. Franziskus gehört, gebe. Pfarrer Hans-Rolf Funken erklärte, dass man sich in Gesprächen befinde und es bereits Vorschläge gebe. Wichtig sei jedoch, dass auch bei einem Kauf weiterhin Versammlungsräume für die Mitglieder der Gemeinde St. Franziskus zur Verfügung stehen würden.

Abadir und die Gemeindemitglieder sind froh, dass sie einen Ort haben, an dem sie ihren Glauben ausleben dürfen. „Auch wenn wir erst einmal nur Gast sind“, sagt er. Sicherer als in der Heimat sei es allemal.