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Stolberg: KME: Sensenmann und Kreuze für Arbeitsplatz-Erhalt

Stolberg : KME: Sensenmann und Kreuze für Arbeitsplatz-Erhalt

„Für uns hört sich die Stimmung viel zu sehr nach Totengesang an”, erklären die beiden KME-Geschäftsführer Hans-Joachim Sche­ja und Heinz Klenen aus Osnabrück nach der Betriebsversammlung gegenüber unserer Zeitung.

„Der Standort Stolberg hat durchaus seine Berechtigung, weil er lebensfähig ist”. Das traditionsreiche Werk werde auch über die nächsten fünf Jahre hinaus bestehen, „wenn alle ihre Hausaufgaben machen”, unterstreicht Scheja und signalisiert Verhandlungsbereitschaft beim Abbau von Arbeitsplätzen in einem geplanten Umfang von 102 der 213 Stellen.

Doch bevor Geschäftsführung und Belegschaft im Zinkhütter Hof ihre Standpunkte austauschen, geht auf dem Bernhard-Kuckelkorn-Platz vor dem Museum der Sensenmann um - im schwarzen Kostüm mit weißer Totenmaske. Kreuze stehen an seinem Wegesrand. Es sind deutliche Symbole für einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen in der Region und speziell beim Stolberger Werk der KME. Die Belegschaft sorgt sich um die Zukunft des Standortes. Es geht emotional zu bei der Solidaritätskundgebung der IG Metall. Sie will klare Zeichen des Protestes und der Kampfbereitschaft setzen.

„435 Jahre Tradition vor dem Aus”

Die Metaller sind nicht alleine. Mitglieder der IG BCE, die gegen den Abbau von 98 Arbeitsplätzen in Stolberg und 147 weiteren an anderen Standorten der Dalli-Gruppe kämpft, der Gewerkschaften Nahrung, Genuss, Gaststätten und Verdi, Vertreter der SPD und der Linken üben den Schulterschluss. Der Landtagsabgeordnete Stefan Kämmerling und die grüne Fraktionsvorsitzende in der Städteregion, Ingrid von Morandell, zeigen sich ebenso solidarisch wie Abordnungen des Prysmian-Lynen-Werkes, das in Eschweiler vor der Schließung steht. Als die Vertreter der Geschäftsführung und Werksleitung sich an der Kundgebung vorbei den Weg zum Versammlungsort bahnen, erschallen laute Buh-Rufe.

Ihnen wird die Schuld an der Misere zugewiesen. Mehr als deutlich sind auch die Worte der Redner. „435 Jahre Tradition werden aufs Spiel gesetzt. Das ist der Tod”, stimmt Gewerkschafter Horst Radermacher die Teilnehmer ein. „Koste es, was es wolle, nur des Profits wegen werden Arbeitsplätze vernichtet und damit ganze Familien in ihrer Existenz bedroht.”

Betroffen machen die Worte von Juliane Roß. „Uns wird gesagt, dass eine gute Schul- und fundierte Ausbildung die beste Basis für unsere Zukunft sind”, sagt die Jugendvertreterin der KME. „Jetzt reißt man uns den Boden unter unseren Füßen weg. Geben sie uns unsere Perspektiven wieder.”

Wiederholt zittern müssen die Belegschaftsvertreter Michel van den Berghe und Michael Kremer. Bewegt erinnern sie an die Betriebsverlagerung vor zehn Jahren und die Entlassungen von 49 Kolleginnen und Kollegen vor drei Jahren. „Jeder Arbeitsplatz ist eine Familie. Was hier getan wird, ist ein Völkermord”, sagt Kremer.

Als Betriebsratsvorsitzender kennt Heinz Meuser die Hintergründe des „schleichenden Tods” der Stolberger KME bestens. Schon vor zehn Jahren sei die Umsiedlung von Produktionseinheiten nach Osnabrück nicht erfolgreich verlaufen, habe aber in der Kupferstadt qualifizierte Arbeitsplätze vernichtet. Nun würde die Produktionskapazität von monatlich 1900 auf 1500 Tonnen reduziert, von denen 850 nach Osnabrück verlagert würden, wo außerdem eine Verzinnungsanlage aufgebaut werde, was das Stolberger Werk gefährde. „Und für das, was an Produktion hier erhalten bleiben soll, fehlen die Konzepte”, sagt Meuser und macht Fehlentscheidungen des Managements verantwortlich für die heutige Lage. „Von den versprochenen Investitionen haben wir hier nichts gesehen.”

Entgegen der Darstellungen des Arbeitgebers „wurde und wird in Stolberg gutes Geld verdient”, ruft Helmut Wirtz den über 300 Teilnehmern zu. „Was KME in Stolberg plant, ist in jeder Hinsicht verantwortungslos und wirtschaftlicher Unfug”. Der Standort sei eine verlässliche Größe mit qualifizierten und engagierten Mitarbeitern. Auch der 1. Bevollmächtigte der IGM erinnert an „negative Erfahrungen”. Während die Stanzerei in Stolberg zur Zufriedenheit der Kunden gute Qualität produziert habe, sei es mit der Verlagerung nach Osnabrück vor zehn Jahren bergab gegangen.

„Die Konkurrenz lacht”

Die Qualität habe nicht mehr gestimmt, Kunden seien zur Konkurrenz gewechselt, „das eingesetzte Kapital ist futsch und die Arbeitsplätze in Stolberg weg.” Dies sei ein schlimmes Beispiel von Managementfehlern. „Genau so sehen wir die jetzige Aktion der Geschäftsführung”, sagt Wirtz. „Das Herzstück in Stolberg, die Verzinnerei, soll in Osnabrück neu aufgebaut werden.” Dabei bestehe dort noch nicht einmal die Chance, gleichwertige Produkte herzustellen. Bereits mit Bekanntwerden dieser Pläne würden die ersten Kunden zu anderen Anbietern abwandern.

„Die Konkurrenz lacht sich ins Fäustchen”, ruft Wirtz. „Für mich gehören diese Manager rausgeschmissen und für den finanziellen Schaden, den sie verursachen, haftbar gemacht”, und unterstellt „ein bewusstes Aushungern eines gut florierenden Standortes”. Unter dem Applaus der Kundgebung ruft der Gewerkschafter die Unternehmensleitung zur Umkehr auf und bietet an, „gemeinsam den Standort Stolberg weiterhin profitabel und erfolgreich zu entwickeln”.

„Sozialverträglich eine Floskel”

Die Solidarität von Rat und Verwaltung mit der Belegschaft übermittelt Hildegard Nießen. „Wir werden alles tun, was in unserer Hand liegt, um die Arbeitsplätze zu retten”, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin, wenn auch die konkreten Möglichkeiten dazu recht eingeschränkt sind. Doch Stolberg sei stolz darauf, Industriegeschichte geschrieben zu haben. Da sei der angekündigte Arbeitsplatzabbau nicht nur eine „schwere Provokation”, sondern die Formulierung eines sozialverträglichen Abbau entpuppe sich als „eine verlogene Floskel”. Denn die Lebensqualität und Existenz von Menschen und Familien werde zerstört.

Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram zeigte sich entsetzt und fassungslos, als er von der Prysmian-Geschäftsführung vom Aus des Werkes erfuhr und ihm gesagt wurde, „den Menschen keine Hoffnungen mehr zu machen.” Der Personalabbau in Stolberg sei ein weiterer schwerer Schlag für die Region. „Es ist für uns alle wichtig, Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe zurück zu gewinnen.”

Ein Thema, dem sich auch Ralf Woelk ausgiebig widmete, nachdem er den massiven Arbeitsplatzabbau in der ganzen Region beleuchtet hatte. KME, Prysmian, CAE, Dalli-Werke, Cinram, Bombardier sowie in der belgischen und niederländischen Nachbarschaft - da seien Hunderte Arbeitsplätze und Tausende Menschen betroffen. Um neue Beschäftigung zu schaffen, so der Vorsitzende der DGB Region NRW Süd-West, müssten alle Beteiligte an einen Tisch, „auch die Naturschützer”, wenn es darum gehe, Projekte wie das Güterverteilzentrum in Düren oder die Campus-Bahn in Aachen zu verwirklichen.

Die Solidarität der Städteregion und auch die persönliche von Helmut Etschenberg mit den Stolbergern versicherte Sozialdezernent Günter Schabram. Hart ging er mit Managern ins Gericht. Der Geist der sozialen Marktwirtschaft, die für einen Ausgleich von Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Interessen stehe, verschiebe sich zusehend zugunsten des Kapitals. Die Buchstaben des Grundgesetzes, mit denen auch die Verpflichtung des Eigentums betont werden, gerieten in Vergessenheit. „Da muss man Manchen mal das Grundgesetz um die Ohren hauen”, damit man sich erinnere, so Schabram. Die ganze Region würde durch den Beschäftigungsabbau schwer getroffen.

Fronten bleiben abgegrenzt

Während vor dem Museum die Kundgebung ausklang, bestand hinter verschlossenen Türen bei der Belegschaftsversammlung für Geschäftsführung und Arbeitnehmer in einer etwas sachlicheren Atmosphäre die Gelegenheit, ihre Argumente und Positionen auszutauschen. „Die Fronten blieben klar abgegrenzt”, bilanzierte anschließend IGM-Sekretär Martin Peters. „Wir halten an den Arbeitsplätzen fest und werden mit aller Kraft für ihren Erhalt kämpfen.”