Eine schwierige Herausforderung: Klimawandel ist im Stadtwald angekommen

Eine schwierige Herausforderung : Klimawandel ist im Stadtwald angekommen

Förster Theo Preckel macht Mitglieder des Umweltausschusses mit den Herausforderungen der Zukunft vertraut.

„Ob das gut ist oder nicht, weiß auch ich nicht“,  sagt Theo Preckel mit Blick auf angenagte und gefällte Bäume und Bachauen, die in eine Seenplatte verwandelt werden. Der Biber ist zurückgekehrt und auf dem Vormarsch. Vor zwei Jahren hat der Förster sie erstmals am Omerbach entdeckt. Mittlerweile haben ihre Bollwerke aus dem schmalen Bachlauf eine kleine Seenplatte gemacht. Buchen sind gefällt, ihre Rinde ist dem Biber eine Delikatesse. Aber auch die weniger beliebten Erlen werden genagt und im Damm verbaut.

„Der Biber war hier ausgestorben“, erzählt Preckel Mitgliedern des Ausschusses für Stadtentwicklung, Verkehr und Umwelt. Einmal im Jahr lädt der Förster des Stadtwaldes die Ausschussmitglieder zu einer Informationstour ein, damit sie vor Ort sehen können, über was sie im Ratssaal befinden. In diesem Jahr wandern ausschließlich Mitglieder der CDU-Fraktion mit. Was den städtischen Bediensteten etwas irritiert ist der Umstand, dass Ausschussmitglieder mit besonders vielen Fragen nie an den Touren teilnehmen.

Zurück zum Biber. Mitte der 1980er Jahren wurden neun polnische Exemplare im Tal der Wehe ausgesetzt. Sie sind die Ahnen einer mittlerweile gut 1200-köpfigen Population, die sich im Einzugsgebiet der Rur bis tief in die Eifel und im Norden nach Roermond ausgebreitet hat. Natürliche Fressfeinde gibt es in unseren Breiten nicht. Der Biber vermehrt sich ungeniert weiter, und so kommt Preckel zurück zum Kernpunkt seiner Frage. „Ob das gut ist, weiß ich nicht?“

Ist seit 31 Jahren Stolbergs Förster: Theo Preckel. Foto: Lydia Flink

Abwarten und beobachten, ist erst einmal nicht nur die Devise für den Biber, sondern auch für den Baum. Denn es gibt kaum eine Sorte, die nicht unter dem klimatischen Wandel und seinen Folgen leidet. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle für die unterschiedlichen Arten. Standort und Bodenbeschaffenheit sind solche Faktoren beispielsweise für die Douglasie. Ihr werden im Prinzip bessere Überlebenschancen als der Fichte zugeschrieben. Die Douglasie könnte den Preußenbaum als „Goldesel“ des Waldes mit dem die meisten Einnahmen erzielt werden können ablösen.

Steht sie aber an Standorten mit hoher, stagnierender Luftfeuchtigkeit und niedrigen Temperaturen ist die Douglasie ein gefundenes Fressen für die Schütte: eine Pilzart, in deren Folge die Nadeln abfallen, und erst in jüngerer Zeit bis in die Eifel vorgedrungen ist.

Jeder Baumart hat ihr Problem

So hat mittlerweile jede Baumart inr Problem mit dem Klimawandel. Eingewanderte Fressfeinde und Krankheiten, Stürme und Trockenheit, sich verändernde Standortbedingungen. „Was soll ich heute pflanzen, damit spätere Generationen ernten können“, fragt sich also Preckel.

Gerade in die Höhe gewachsene Buchenbestände, rund 60 Jahre alt aus der Nachkriegszeit, stehen bei Gressenich und könnten vermarktet werden – wenn sie denn eine Käufer zu einem vernünftigen Preis haben wollte. Es besteht aber keine Nachfrage, berichtet Preckel. Nur ein hiesiges Sägewerk hat ein paar Stämme Buche gekauft. Ältere Bestände im Gressenicher Wald sind vorwiegend Fichten mit einem anderen Problem. Es ist vielfach Splitterholz: Metallsplitter aus Kriegszeiten stecken im Kernholz und sind ein Garaus für Sägeblätter. Eine Ernte mit Mängeln erzielt keinen guten Preis.

Hinzu kommt das Überangebot auf dem Markt: Sturmholz und Borkenkäferholz überschwemmen das Angebot, drücken den Preis und bescheren Preckel und seinem Team jede Menge Arbeit. „Wir kommen zu fast nichts anderem mehr“; erklärt er den Politikern den Alltag im Wald. Befallene Bestände müssen so schnell wie möglich geräumt werden, um ein weiteres Ausbreiten des Schädlings einzudämmen. Dies raubt Zeit für die Durchforstung der gesunden Bestände.

7000 Festmeter Fichtenholz wurden im vergangenen Jahr geworfen oder gebrochen und mussten zwangsgenutzt und vermarktet werden. Dann kamen Trockenheit sowie Borkenkäfer „and friends“ hinzu. 9000 Festmeter waren bis Ende vergangenen Jahres betroffen. Weitere, mehrere Tausend Festmeter Käferholz werden voraussichtlich in diesem Jahr noch der Säge zum Opfer fallen müssen.

Wie sieht Wald der Zukunft aus?

Schälschäden an stattlichen Bäumen und Verbiss in den Kulturen dokumentiert eine andere Seite des Stadtwaldes: „Der Wildbestand ist viel zu hoch“, so Preckel weiter. In den Revieren versuchen rund 20 Jäger den Wildbestand zwar in den Griff zu bekommen, Aber gut 50 Stück Rotwild tummeln sich in einem Revier, das vielleicht 15 Stück verträgt, verdeutlicht der Förster. Ein drastischer Überbestand von Schwarzwild sorgt zudem für immense Schäden auf Wiesen und Feldern.

Trotz Wilddichte, Sturm, Klimawandel und Überangebot ist es Theo Preckel in seinen 31 Jahren als Stolberger Förster stets gelungen, zur Freude des Kämmerers  schwarze Zahlen zu schreiben. „Aber wir haben den Wald nur von unseren Enkeln geliehen“, sagt er. „Jeder Förster ist bestrebt, ihn in einem besseren Zustand zu übergeben, als er ihn übernommen hat.“

Doch immer schwieriger wird es angesichts der Herausforderungen, eine Antwort auf die Frage des Wie zu finden. Je nach Standort setzt Theo Preckel in diesem Jahr bei den neuen Kulturen vor allem auf Douglasie, Buche und Erle. Ob seine Entscheidung eine weise Wahl war, werden wohl erst spätere Generationen zu würdigen wissen. Waldwirtschaft ist eine Herausforderung, die Geduld erfordert.

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