Stolberg-Dorff: Kinder erfahren vom wahren Leben auf dem Bauernhof

Stolberg-Dorff: Kinder erfahren vom wahren Leben auf dem Bauernhof

Das sieben Tage alte Kälbchen im „Knast” ist der Liebling der Besucher: Zahlreiche große und kleine Hände strecken sich dem Tier entgegen, es wird gestreichelt und liebkost. „Der Begriff Knast ist nur ein Scherz”, stellt Landwirt Christoph von Hoegen klar.

Die Isolierung des Kalbes sei aus Sicherheitsgründen nötig, weil das Immunsystem des Jungtieres noch nicht ausreichend entwickelt sei, um Krankheitserreger abzuwehren.

Von Hoegen ist Landwirt, führt den Betrieb in vierter Generation - und das aus Überzeugung. Darum nimmt er sich trotz eines anstrengenden 16-Stunden-Arbeitstages die Zeit, Kindergruppen zu führen.

„Es ist mir wichtig, dass die Kinder mehr über die Landwirtschaft erfahren. Nur so können sie einen Bezug zum Produkt bekommen”, erklärt der 41-Jährige.

Ehefrau Klaudia will mit Informationen auch Vorurteile entgegenwirken. „Wenn Gülle ausgefahren wird, heißt es immer: Guck, der Bauer ist wieder unterwegs. Warum das gemacht werden muss, und dass Landwirtschaft nicht nur aus Gülle ausfahren besteht, wird dabei ganz außer Acht gelassen”, findet Klaudia von Hoegen.

Es stinkt kein bisschen im Betrieb der Familie von Hoegen, den an diesem Tag eine 90-köpfige Gruppe des Kindergartens „Am Tomborn” besichtigt.

Es riecht zwar deutlich nach Kuh, aber der Geruchsmix aus Kraftfutter, Gras und Gülle ist durchaus angenehm. Organisiert hat den Ausflug auf den Bauernhof der Förderverein „Lebendige Kinderwelt” des Kindergartens in Breinigerberg. Es sind nicht nur Kindergartenkinder dabei, sondern auch deren Geschwister.

„Das Thema Bauernhof wurde im Kindergarten gründlich erarbeitet”, erzählt Dariusz Piekarski, Vorsitzender des Fördervereins. Sein dreijähriger Sohn Emil könne schon genau erklären, welche Produkte aus Milch gemacht seien.

Die Milchproduktion ist die Haupteinnahmequelle der Familie von Hoegen. Rund 110 Kühe - davon geben zwischen 60 und 70 Tiere Milch - sind ihr Kapital. Dazu gesellen sich noch rund 300 Hühner (Bodenhaltung), die täglich frische Eier liefern.

Über die vom Fernsehen suggerierte Idylle in der Machart von „Bauer sucht Frau” können die Eheleute nur schmunzeln. Mit der Realität habe das nichts zu tun, versichert Klaudia von Hoegen, die aus Liebe zu ihrem Mann und zu dieser Arbeit Bäuerin geworden ist.

„Man muss diese Arbeit lieben. Es ist eine anstrengende Arbeit, und zusammen verreisen können mein Mann und ich nie. Aber dieser Beruf hat auch viele schöne Seiten”, sagt sie.

Bauer in der heutigen Zeit zu sein, bedeutet akribische Vorausplanung - der Arbeit eines Managers durchaus nicht unähnlich. Es wird genau festgehalten, welche Kuh wann gedeckt werden kann, wie viel Milch sie gibt und wie viel sie frisst.

Pro Tag durchlaufen rund 1100 Liter der weißen Flüssigkeit die Glaskolben im „Milch-Karussell”.

Einfach haben es Bauern, die von der Milcherzeugung leben, in der heutigen Zeit nicht. „Nach Abzug der Produktionskosten verdienen wir einen bis zwei Cent pro Liter. Das ist zu wenig, um existieren zu können”, redet Christoph von Hoegen Klartext.

Aufgeben kommt für ihn aber dennoch nicht in Frage. Er ist ein moderner Landwirt, der offen für neue Energien ist. So ließ von Hoegen 1997 eine Biogasanlage auf seinem Gelände bauen. Mit ihr wird aus Gülle Wärme gewonnen - und damit Energie.

„Wir produzieren jährlich 2,5 Millionen Kilowattstunden Strom, von dem wir nur zehn Prozent selber verbrauchen. Bei uns regiert das Kreislaufprinzip, alles greift ineinander. Der Abfall der Biogasanlage wird zum Beispiel zum Düngen der Wiesen genutzt”, erläutert der Landwirt.

Der Betrieb verbraucht alleine 6000 Liter Wasser täglich und im Winter 13 Tonnen Futter.

„Im Sommer ist es deutlich entspannter, weil die Kühe auf der Weide sind und wir dadurch Futter sparen und auch weniger Arbeit haben. Nur abends holen wir die Kühe in den Stall”, erzählt Klaudia von Hoegen.

„Sie holen die Kühe wahrscheinlich abends rein, weil Sie die Gülle für die Anlage benötigen”, schlussfolgert Besucherin Nicole Fries ganz richtig.

Ein nervenstarkes Huhn muss unterdessen als Vorführmodell herhalten: Behutsam demonstriert der Landwirt, wie man das Federvieh anfasst. „Bitte nie ein Huhn an den Beinen kopfüber nach unten halten, das mag es ganz und gar nicht.”

Am Ende der Führung dürfen die Kinder „Trecker fahren”, und die ganze Gruppe ist restlos begeistert von dem Erlebten. „Wann hat man schon die Möglichkeit, einen Bauernhof zu besichtigen, muss man sie auch nutzen”, freut sich Besucherin Kerstin Lasiota. Das können auch die übrigen Kinder nur bestätigen.

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