Kein Platz im Kreißsaal: Werdender Mutter soll in anderes Krankenhaus

Kein Platz trotz neuer Kreißsäle? : Krankenhaus soll hochschwangere Mutter abgewiesen haben

Rund zwei Millionen Euro hat er gekostet: der neue Kreißsaal-Komplex am Bethlehem-Gesundheitszentrum. Dort soll den werdenden Müttern die Geburt so leicht wie möglich gemacht werden – modernste Technik inklusive.

Doch der nötige Platz und die entsprechende Personalstärke scheinen nicht vorhanden zu sein. Diese Erfahrung mussten in den vergangenen Monaten gleich mehrere Stolbergerinnen machen.

Eine von ihnen ist Katharina F. (Name von der Redaktion geändert). Vor rund zehn Wochen erblickte ihre Tochter das Licht der Welt – allerdings in Aachen. Das war so nicht geplant. Doch von vorne.

Wir schreiben das Jahr 2016. Die Geburtenstation im St.-Antonius-Hospital in Eschweiler schloss zum 1. Oktober ihre Pforten. Damals wurden im Bethlehem-Gesundheitszentrum bereits mehr Kinder auf die Welt gebracht als in allen anderen Hospitälern in der Region. Allein im Jahr 2015 erblickten in Stolberg 1336 Kinder das Licht der Welt. Zum Vergleich: In Eschweiler waren es im gleichen Jahr knapp 600 Geburten. Bereits damals ging Bethlehem-Geschäftsführer Dirk Offermann davon aus, dass die Geburtenrate in Stolberg weiter ansteigen würde. Um den steigenden Zahlen gerecht zu werden, musste sich also etwas tun.

Fünf neue Kreißsäle sollten entstehen. Der Spatenstich sollte noch 2016 erfolgen. Rund ein Jahr später sollten diese dann in Betrieb genommen werden. Dadurch, dass auch einer der alten Kreißsäle in Betrieb bleiben sollte, stünden dann im Regelbetrieb sechs Stück zur Verfügung. Rund eine Million Euro wollte das Bethlehem dafür in die Hand nehmen. 200.000 Euro sollte die Stadt Stolberg beisteuern. Die Geburtenzahl stieg auch im Jahr 2016 weiter an: In Stolberg kamen 1501 Kinder in 1457 Geburten zur Welt. Der Plan für die Zukunft war gefasst. Soweit, so gut. Doch dann kam alles ein wenig anders.

Im Januar 2017 war die Baugenehmigung zwar noch nicht erteilt, allerdings rechnet man damit, dass die neuen Säle Ende des Jahres in Betrieb genommen werden könnten. Die Kosten waren auf 1,5 Millionen Euro angestiegen, die Stadt sollte weiterhin 200.000 Euro Fördermittel beisteuern. Der Spatenstich erfolgte schließlich im Juni 2017, das Richtfest wurde im November gefeiert. Ein erster Schritt war damit nun gemacht. Was war geschehen?

Erst wurde die europaweite Ausschreibung des Baus verlängert, Mitte August gab es dann einen großen Wasserschaden und zu guter Letzt kam es – aufgrund der aktuellen Auftragslage – dann auch noch zu längeren Lieferzeiten und Engpässen bei der Terminkoordination. Ende März/Anfang April 2018 sollten die neuen Kreißsäle in Betrieb genommen werden. Mittlerweile war die Geburtenzahl im Jahr 2017 weiter gestiegen auf insgesamt 1671 Geburten.

Am 20. April 2018 war es dann soweit: Gegen 15 Uhr wurde an diesem Tag das neue Kreißsaal-Zentrum in Betrieb genommen – mit sechs Monaten Verzug. Nur wenige Stunden später – genauer gesagt um 17.27 Uhr – erblickte dort das erste Kind das Licht der Welt. Anfang Mai wurden die sechs neuen Kreißsäle dann offiziell eingeweiht und eingesegnet. Ganz fertig war das neue Kreißsaal-Zentrum damals allerdings noch nicht. In einem zweiten und dritten Bauabschnitt sollten Aufenthaltsräume für das Personal sowie Lagerräume, ein Hebammen-Stützpunkt und ein Reanimationsraum entstehen. Auch eine kleine Terrasse sollte gebaut werden. Die Arbeiten sollten zudem bis Ende August abgeschlossen sein.

Im vergangenen Jahr fanden in Stolberg dann übrigens 1927 Geburten statt. Zum vierten Mal in Folge war das Bethlehem-Gesundheitszentrum damit die geburtenstärkste Klinik in der Region.

Die Kreißsäle in Stolberg finden bei den Patienten also großen Anklang. Anfang dieses Jahres bemängelten gleich mehrere werdende Mütter allerdings, dass es zu wenig Familienzimmer gebe. Eine Aufstockung dieser ist durch das Stolberger Krankenhaus allerdings nicht vorgesehen.

Nun gibt es weitere Beschwerden, die die Auslastung der Einrichtung betreffen. Vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin meldete Katharina F. sich im Stolberger Krankenhaus an. Während der Schwangerschaft war sie bereits einige Male dort behandelt worden und immer sehr zufrieden. Als die Wehen zum ersten Mal einsetzten, machten sich Katharina F. und ihr Mann auf den Weg ins Krankenhaus. „Die Ärztin dort meinte, dass es bis zur Geburt noch dauern würde. Sie erklärte mir, dass sie mich aufnehmen oder ich noch einmal nach Hause fahren könnte.“

Kathatrina F. entschied sich für die zweite Option. Am Nachmittag des gleichen Tages wurden die Wehen dann allerdings schlimmer. Eine zweite Fahrt ins Krankenhaus stand an. Dort traf Katharina F. auf eine andere Ärztin, die ihr erklärte, dass ihre Wehen noch nicht eingesetzt hätten. Sie schickte die werdende Mutter nach Hause.

Gegen 22 Uhr setzten die Wehen bei der jungen Frau alle drei Minuten ein und Katharina F. rief noch einmal im Bethlehem-Gesundheitszentrum an. „Ich wollte wissen, was ich tun kann, damit es besser wird. Die Hebamme am Telefon erklärte mir, dass ich nicht vorbeikommen kann. Die Station wäre voll und es gäbe keine Betten mehr. Ich solle es in einem anderen Krankenhaus versuchen“, sagt Katharina F.

Panik brach bei der werdenden Mutter aus. „Ich dachte die ganze Zeit: Was machst du jetzt?“ Sie wandte sich an das Marienhospital in Aachen – und brachte dort schließlich ihre Tochter zur Welt. „Im Nachhinein bin ich froh, dass es so gekommen ist. Ich kannte die Atmosphäre in Stolberg. Im Vergleich zum Marienhospital ist es dort eher steril und unpersönlich. Ich glaube, in Stolberg ist man nur eine Nummer“, sagt sie.

Katharina F. ist nicht die einzige Schwangere, die diese Erfahrung gemacht hat. Eine weitere Mutter erklärte, sie wurde mit der Begründung abgewiesen, dass zu wenig Hebammen vor Ort seien. Insgesamt arbeiten 22 Hebammen am Stolberger Krankenhaus. Das Thema Personalmangel ist übrigens kein unbekanntes. Das beginne allerdings schon in der Ausbildung. An der Hebammenschule der Christlichen Bildungsakademie für Gesundheitsberufe Aachen, die dem Aachener Luisenhospital angeschlossen ist, werden insgesamt 54 Ausbildungsplätze verteilt auf drei Jahre besetzt.

Während der praktische Teil in den Krankenhäusern absolviert wird, findet die Theorie in der Schule statt. „Es ist nicht so, dass niemand zu uns kommen kann oder will“, sagte Dirk Offermann bereits im Februar im Gespräch mit unserer Zeitung. Jährlich müsse die Hebammenschule in Aachen zwischen 250 und 280 Absagen an Interessierte verschicken – und das, obwohl man Nachwuchs dringend brauche.

Aus diesem Grund will das Bethlehem die Hebammenschule in Aachen unterstützen. Ab August will die Einrichtung die Ausbildungsplätze um 15 Stück auf insgesamt 69 Plätze aufstocken. Das Vorhaben muss allerdings noch von der Bezirksregierung genehmigt werden. Nötig ist dies allemal. Bereits Anfang des Jahres ging Dr. Ansgar Cosler, Chefarzt der Geburtsklinik am Bethlehem, davon aus, dass in diesem Jahr voraussichtlich 2050 Geburten in Stolberg stattfinden werden.

Und was sagt das Bethlehem zu den Vorfällen? Krankenhaus-Sprecherin Heike Eisenmenger und Geschäftsführer Dirk Offermann sind sich sicher, dass es sich um ein Kommunikationsproblem gehandelt habe. Insgesamt stünden sechs neue Kreißsäle zur Verfügung. Zwei zusätzliche könnten zudem kurzfristig umfunktioniert werden. Wegschicken dürfte man Patienten grundsätzlich nicht.

Ist eine Einrichtung allerdings ausgelastet, kann sich diese sozusagen abmelden und die Patienten werden automatisch in ein anderes Hospital gebracht. Ob das bei Katharina F. der Fall war, soll nun geklärt werden, teilte das Krankenhaus mit.