Stolberg: Juniorwahl: Ergebnisse am Goethe-Gymnasium stehen fest

Stolberg: Juniorwahl: Ergebnisse am Goethe-Gymnasium stehen fest

Der erste Gang zur Wahlurne ist zweifellos etwas Besonderes. Man erinnere sich daran wie es war, endlich berechtigt zu sein, die Wahlkabine zu betreten. Vielleicht etwas nervös den Stift in die Hand zu nehmen, die Kreuzchen zu setzen und den ausgefüllten Zettel in der Urne zu versenken, wohl wissend in diesem Augenblick zum ersten Mal in seinem Leben einen wichtigen politischen Beitrag geleistet zu haben.

Die Ergebnisse der Bundestagswahl stehen fest. Was viele aber nicht wissen, knapp eine Million Schüler in Deutschland hat im Hintergrund den Weg dahin ebenfalls bestritten — bei der Juniorwahl 2017. Es ist Montagmittag in der vergangenen Woche.

13.15 Uhr. Die Stimme von Schulleiter Bernd Decker hallt durch die hohen Räume des Goethe-Gymnasiums. „Das Wahllokal ist ab jetzt im PZ geöffnet.“ Kein Irrtum, denn anders als bei der regulären Wahl, stand die Juniorwahl bereits deutlich früher auf dem Stundenplan. Auch wenn die Ergebnisse erst am Sonntag veröffentlicht werden durften.

Wie bei echter Wahl

Die letzten Vorbereitungen laufen: Die Wahlhelfer checken noch einmal die Listen des Wählerverzeichnisses, sorgen dafür, dass die Wahlurne richtig positioniert ist und ordern mehr Kugelschreiber: „Es geht hier zu, wie bei der echten Wahl“, sagt Dennis Mager, Lehrer für Politik und Sozialwissenschaft, der das Engagement seiner Schüler beobachtet.

Er hat das Projekt des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Bundeszentrale für politische Bildung begleitet und das Thema Wahl im Unterricht behandelt: Was ist Demokratie? Welche Funktionen haben Wahlen? Wofür stehen die einzelnen Parteien?

„Man trifft ja jeden Tag Entscheidungen. Was esse ich? Was ziehe ich an? Warum sollten junge Menschen dann nicht auch eine politische Entscheidung treffen können, wenn sie sich mit der Materie auskennen?“ fragt der Pädagoge. Dann ist es soweit: Die Türen gehen auf. Emma Rittich ist an diesem Tag die Erste, die hinter der Wahlkabine verschwindet. Ihr folgt Kimberly Frosihn.

Für die 17-Jährige ein wichtiger Schritt: „Es ist zwar eine Art Simulation, aber jetzt die Kreuzchen gemacht zu haben und sich dessen sicher zu sein, gibt einem schon ein gutes Gefühl“, sagt sie. Bilder, die sich zu diesem Zeitpunkt überall in Deutschland an insgesamt 3400 Schulen ereignen, darunter auch an der Gesamtschule in Stolberg.

Drei Tage später: Donnerstag — Auszähltag. Die Schüler von Dennis Mager arbeiten im Akkord. Um sie herum in einem der Klassenzimmer liegen die abgegebenen Stimmzettel stapelweise verteilt. 209 an der Zahl von 331 wahlberechtigten Jugendlichen am Goethe-Gymnasium. Die letzten Stimmen werden ausgezählt, dann runzeln alle die Stirn: „Jetzt stimmt gar nichts mehr“, stellt Mager fest.

Die Wahlhelfer beginnen erneut. „Natürlich ist es frustrierend, wenn dann doch noch ein Fehler auftaucht, obwohl man denkt, das Ergebnis sei richtig“, erzählt Leona Paa. Sie ist 16 Jahre und völlig im Auszählungsprozess: „Es ist wirklich spannend zu sehen, wie die jungen Leute wählen und ob das Ergebnis am Ende von der Realität abweicht oder nicht.“

Auch sie hat an der Wahl teilgenommen. Nicht ohne Grund, denn sie erhofft eine tiefgreifendere Veränderung in punkto Bildungspolitik und ist immer noch sauer über das, was auf Landesebene mit G9 passiert ist: „G8 war so unfair. Wir sind quasi so eine Art Versuch gewesen, der missglückt ist. Und jetzt tragen wir die Konsequenzen.“ Sie selbst kann an der Situation nichts mehr ändern, hat aber symbolisch mit ihrem Kreuzchen ein wichtiges Statement für ihre Geschwister gesetzt.

Dazu hat auch Timon Götzenich (15) eine Meinung: „Das Projekt eröffnet uns ja die Möglichkeit, zu lernen, wie der Ablauf später tatsächlich ist. Wir kennen die Wahlthemen vielleicht besser als manch anderer, und wenn ich sehe, dass sie nicht eingehalten werden, dann weiß ich, wen ich in vier Jahren nicht wähle.“

Viel Ernsthaftigkeit

Es wird deutlich, wie sehr sich die Schüler tatsächlich im Rahmen der Juniorwahl mit dem Politischen auseinandergesetzt haben und wie viel Ernsthaftigkeit auch für sie dahintersteckt. Was zu der Frage führt, ob es in Zukunft auch Schülern gestattet werden soll, sich an Bundestagswahlen zu beteiligen? „Grundsätzlich wäre ich dafür“, betont Leona Paa und fügt hinzu: „Jedoch, erst ab 16 Jahren. Man sieht anhand der Juniorwahl, dass sich vor allem die Jüngeren noch nicht so recht auskennen und aufgrund dessen auch extrem rechte Parteien wählen.“ Dennis Mager steht voll hinter seiner Schülerin. Seine Ansicht: Wahlberechtigt ab 16 bei gleichzeitigem Ausbau der politischen Bildung im Unterricht. Warum eigentlich nicht?

Letztlich wurde das Rätsel um die Ungereimtheit der Stimmzettel noch aufgedeckt und das Ergebnis fachgerecht frankiert und versiegelt zur Auswertung geschickt. Mager zieht Bilanz: „Vom Ergebnis her im Großen und Ganzen typisch für Schüler. Die Grünen als zweitstärkste Partei und die CDU/CSU, bedingt durch den Hype Angela Merkels, als stärkste. Was für den Lehrer aber viel wichtiger ist, dass mit einer Wahlbeteiligung von 63,14 Prozent an der Juniorwahl klar wurde, dass sich viele gerne, mit Blick auf das Ergebnis, beteiligen würden. Schließlich ginge es ja um ihre Zukunft.

(leo)
Mehr von Aachener Zeitung