Jugendreferent Gerd Tilgner verabschiedet

Ruhestand : Jugendreferent Gerd Tilgner verabschiedet

Mit einem besonders festlich veranstalteten Gemeindegottesdienst im ökumenischen Gemeindezentrum wurde am Sonntag Jugendreferent Gerd Tilgner aus dem kirchlichen Dienst verabschiedet.

Mit einem besonders festlich veranstalteten Gemeindegottesdienst im ökumenischen Gemeindezentrum wurde am Sonntag Jugendreferent Gerd Tilgner aus dem kirchlichen Dienst verabschiedet und in den verdienten Ruhestand entlassen. Ihm zu Ehren wurden viele Dankesworte und Segenswünsche gesprochen, wobei Tilgners Deutung des Evangeliums nach Lukas 18,9-14 zur frommen Selbstgerechtigkeit die zahlreich erschienenen Gäste berührte und auch zum Nachdenken anregte.

Auf die Frage, wer der Frömmste im ganzen Land sei, worunter Tilgner die Nähe zu Gott versteht, bezog er sich auf Sebastian Franck (1499-1542), einen deutschen Theologen, Publizisten und Schriftsteller, für den das Eigenschaftswort nicht gesteigert werden kann. Nach dem Theologiestudium wirkte Franck zunächst als katholischer Priester in der Seelsorge, schloss sich dann aber der Reformation an und wurde lutherischer Prediger.

Später verzichtete er auf das geistliche Amt und konzentrierte sich auf die Schriftstellerei, wobei er eine radikalreformatorische und autoritätskritische Haltung einnahm. Sein Welt- und Geschichtsbild war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich radikal, weil er jede Form von religiöser Bevormundung ablehnte. „Keine geistliche Obrigkeit dürfe verbindliche Glaubenssätze festlegen“, so Franck.

Die eigene Beziehung zu Gott, gute Werke tun und die Achtung vor anderen Glaubensüberzeugungen waren ihm heilig. Durch diese Einstellung zog sich Franck den Zorn der beiden Kirchen zu und musste fliehen. Dennoch, so Tilgner, war Franck seinem Zeitgeist weit voraus und gilt als spiritueller Vater der Ökumene und Mahner im lebendigen Alltag. Pfarrer Jens Wegmann skizzierte das Lebenswerk des Jugendreferenten Gerd Tilgner an seinem Vornamen: G stehe für Gemeinde, den Lebens- und Wirkungsort Tilgners, „e“ für evangelisch, also gute Nachrichten ausrichten im Umgang mit Menschen, die Tilgner so angenommen hat, wie sie sind.

Evanglisch heiße aber auch protestantisch und Zeugnis ablegen für Gott, „r“ stehe für Raum geben und entwickeln und letztendlich „d“ für Dienst, den Tilgner flexibel gestaltet und den jeweiligen Gegebenheiten angepasst habe und man daher nicht von einem Dienst nach Vorschrift sprechen könne. Im Abendmahl mit Brot und Wein feierten die Christinnen und Christen dann die Gemeinschaft mit Jesus Christus und untereinander.

Für den musikalischen Rahmen zeigte sich Gunther Antensteiner verantwortlich. Er spielte zwei Sätze aus zwei Sonaten in C-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart und begleitete zusammen mit Pfarrer Axel Neudorf an der Bassgitarre die neuen geistlichen Lieder, die der zukünftige Rentner mit ausgesucht hatte. Nach dem Gottesdienst schloss sich der Empfang und ein gemütliches Beisammensein an.

Bevor Vertreter der einzelnen Gremien Gerd Tilgner ihren Dank zollten, ergriff dieser das Wort und bedankte sich seinerseits bei den Haupt-, Ehrenamtlern und Menschen ohne Amt, bei seiner Ehefrau und Tochter für die Geduld in all den Jahren und nannte die Gründe, wieso er es in Stolberg 34 Jahre ausgehalten habe. Wie er mit dem Druck und den Erwartungen zu Beginn seiner Tätigkeit 1984 umgegangen sei, machte er mit dem Reinhard May Song und seinem „achtel Lorbeerblatt“ deutlich.

Da war weiter die Rede von Entscheidungsfreiraum für selbständiges Planen und Handeln, von christlicher Pädagogik und Prinzipien pädagogischen Handelns, die er mit Weisheiten von Heinz Kahlau, Udo Lindenbergh und Johannes Baptist de la Salle beantwortete. Er habe sich nicht verbiegen lassen und „sein Ding gemacht“. Als Privatmensch freue er sich jetzt, Herr über seine eigene Zeit zu sein und die gewonnene Zeit für seine Frau, Familie und vernachlässigte Interessen nutzen zu können.

(mlo)
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