Stolberg: Jugendamt will Lesepaten auch an Grundschulen einführen

Stolberg: Jugendamt will Lesepaten auch an Grundschulen einführen

Von einem Pilotprojekt zu sprechen, wäre vielleicht ein bisschen verfrüht. Schließlich handelte es sich bei der Lesung mit der Aachener Autorin Sigrid Zeevaert in der Stadtbücherei zunächst um eine einmalige Aktion. Und dennoch könnte von diesem Vormittag, zu dem die Erst- und Zweitklässler der Grundschule Hermannstraße eingeladen waren, eine Signalwirkung ausgehen.

„Wir wollen die Eltern wieder mehr ans Vorlesen heranführen“, formuliert Sebastian Heyn das Ziel, das sich das Jugendamt gesteckt hat. Was an zahlreichen Kitas im Stadtgebiet mit der Hilfe von ehrenamtlichen Lesepaten bereits funktioniert, soll in naher Zukunft auch auf die zehn Grundschulen übertragen werden. Damit einher geht die konzeptionelle Ausweitung der „frühen Hilfen“, wie sie die Stadt Stolberg seit Jahren für Kinder bis zum Vorschulalter anbietet. „Wir sind sehr daran interessiert, neue Altersgruppen anzusprechen“, erklärt der Leiter der „sozialpädagogischen Sonderdienste“.

Dass man mit dem Vorlesen und Erzählen spannender Geschichten auch noch Sechs- bis Zehnjährige fesseln kann, steht für Sigrid Zeevaert außer Zweifel. Einen Monat lang war die erfolgreiche Kinderbuchautorin im Rahmen der städteregionalen Kampagne „Augenblick mal! Eltern-Kind-Zeit“ in den Kommunen unterwegs. Stolberg bildete die letzte Station ihrer kleinen Reise, auf der sie unter anderem von Oskar begleitet wurde. Der Protagonist von Zeevaerts 2011 erschienenem Buch „Oskars geheimer Ferienplan“ konnte sich auch in der Kupferstadt der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicher sein.

Und wie ihm, davon ist Sebastian Heyn überzeugt, ergeht es auch vielen anderen literarischen Helden, wenn sie denn nur die Chance erhalten, mit einem jungen Publikum in Kontakt zu treten. „Wenn Eltern ihren Kindern vorlesen, regt das nicht nur die Phantasie der Kinder an, sondern fördert auch das intensive Zusammensein miteinander.“

Die Erkenntnis ist nicht neu, doch sie gerät offenbar zunehmend in den Hintergrund. „Das Ritual des Vorlesens gewinnt vor allem in Zeiten der neuen Medien, des Fernsehkonsums und der Computerspiele eine immer größere Bedeutung“, ist Waltraud Röwer überzeugt. Die Mitarbeiterin des Jugendamtes berichtet von wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass bei Kindern, die häufig Computerspiele nutzen, die Daumenmuskulatur ganz auffällig ausgeprägt ist.

Vereinsamung entgegenwirken

Auf solche Muskelübungen will Röwer lieber verzichten und stattdessen für eine andere Form der Freizeitgestaltung werben. „Vorlesen und auch das Erzählen von Geschichten kann der spielerischen Vereinzelung und Vereinsamung von Kindern entgegenwirken und gleichzeitig Zeit für ein gemeinsames Tun von Eltern und Kindern im Tagesablauf schaffen“, unterstreicht Sebastian Heyn.

Allerdings bedarf es hierfür einer „Anschubhilfe“, wie sie beispielsweise von Lesepaten auch in Grundschulen geleistet werden könnte. „Die Erfahrungen in den Kindertagesstätten sind durchweg positiv“, weiß Heyn. Und dennoch hat die Sache einen Haken: „Was das ehrenamtliche Engagement angeht, stoßen wir in Stolberg allmählich an eine Grenze“, weiß der Bereichsleiter um die vielen Initiativen, die in der Kupferstadt bereits maßgeblich oder ausschließlich von freiwilligen Helfern getragen werden. Dennoch will das Jugendamt einen Versuch starten und sich um weitere Lesepaten bemühen. Eltern und Senioren kommen in Frage, aber möglicherweise auch Studenten oder Schüler der Oberstufen.

Das genaue Konzept soll Anfang des neuen Jahres entwickelt werden. Ebenso wie ein konkreter Plan für weitere Lesungen in der Stolberger Stadtbücherei. Vielleicht sind dann auch Sigrid Zeevaert und ihr Oskar wieder mit dabei. Das würde sicher nicht nur die Erst- und Zweitklässler der Hermannschule freuen.