Stolberg: Ist der Flächenbrand noch aufzuhalten?

Stolberg: Ist der Flächenbrand noch aufzuhalten?

Die Nachricht von der Victor-Schließung platzte wie eine Bombe und befeuerte die Diskussion um die Zukunft der Stolberger Innenstadt neu. Zusätzliche Spreng­kraft, wenngleich an einem ganz anderen Brandherd, entfaltet nun auch das Gutachten, welches die Auswirkungen des Strabag-Projekts auf den übrigen Handel im Stadtgebiet prognostiziert. Das Bekanntwerden der jüngsten Schließung, die der Tamaris-Filiale im Steinweg, kommt da schon fast wie ein kleiner Funke im großen Strohfeuer daher.

Ist der Flächenbrand noch aufzuhalten? Und vor allem wie? Oder bleibt am Ende nichts als verbrannte Erde bei den Stolberger Einzelhändlern übrig? Diese Fragen wurden auch bei der offenen Vorstandssitzung der Stolberger Gesellschaft für Stadtmarketing (SMS) kontrovers diskutiert. Und so war der Lehrstand am Mittwochabend zwar Gesprächsthema Nummer eins, jedoch keine passende Beschreibung für den voll besetzten Raum in der Villa Lynen.

Kampfansage an schlechtes Image

Für SMS-Sprecher Patrick Peters ein (erstes) positives Signal. Denn: „Auf so breiter Ebene ist lange nicht mehr in Stolberg diskutiert worden“, führte Peters als Beispiel unter anderem auch Internetdebatten, etwa in der Facebook-Gruppe des Stadtmarketings, an. „Junge Leute schalten sich ein und äußern Ideen, wie man die Stadt wieder beleben kann. Das hätte ich mir nie träumen lassen.“

Positiv denken, den Blick nach vorne richten und nicht immer alles schlechtreden — dieser Wunsch nach einem anderen Umgang mit der eigenen Stadt prägte auch weite Teile der rund zweistündigen „Generaldebatte“ (Peters).

Imageproblem

„Warum wird eigentlich das Burgcenter schlechter geredet als es ist?“, fragte etwa Barbara Kohler, die im Steinweg wie auch im Burgcenter ein Bekleidungsgeschäft betreibt, in die Runde. „Warum wird nicht auch einmal anerkannt, wenn etwas gut gemacht worden ist?“ Damit traf die Geschäftsfrau bei vielen am langen Tisch einen Nerv. So auch bei SMS-Vorstandsmitglied Ahmet Ekin, der vor über 30 Jahren aus der Türkei nach Stolberg kam — und immer noch gerne hier lebt: „Die Stolberger reden ihre eigene Stadt einfach kaputt.“ Marita Matousek, ehemalige Inhaberin der Altstadtkneipe „The Savoy“, berichtete von ihren vielen positiven Erfahrungen mit Touristen, die die Stadt mit ganz anderen Augen sähen als ihre Bewohner: „Jeder, wirklich jeder Gast sagt zu mir: ‘Was ist es in Stolberg schön‘“. Beifall.

Für CDU-Bürgermeisterkandidat Dr. Tim Grüttemeier ist dieses vermeintliche „Image- und Mentalitätsproblem“ der Stadt mitunter ein Grund dafür, dass auch die aktuellen Debatten rund um den Leerstand in der Innenstadt zu negativ geführt würden. Stolberg müsse als zweitgrößte Stadt in der Region doch eigentlich automatisch interessant für unterschiedlichste Unternehmen sein, zeigte sich der Politiker optimistisch, dass etwa die Suche nach einem neuen Inhaber der Victor-Immobilie keineswegs aussichtslos verlaufen müsse. Die Innenstadt für tot zu erklären, schrecke Investoren hingegen nur ab.

Auch Amtsinhaber Ferdi Gatzweiler äußerte sich derweil vorsichtig optimistisch, den „Victor-Schock“ kompensieren zu können. Inhaber Klaus Victor habe ihm berichtet, dass es inzwischen Interessenten für das Kaufhaus gebe. Möglich sei auch, die Segmente des Geschäfts einzeln zu vermieten. Gleichzeitig regte der Bürgermeister eine umfangreiche Imagekampagne für die ehemalige Einkaufsmeile an: „Lasst uns doch mal erzählen, was positiv ist!“

Steuersätze „eklatant hoch“

Alex Kaldenbach, der als Gatzweilers parteiloser Herausforderer die Stolberger „Elefantenrunde“ in der Villa Lynen vervollständigte, lancierte hingegen gleich mehrere Verbalattacken in Richtung Rat, Stadt und Amtsinhaber. Die Gewerbesteuersätze in Stolberg seien „eklatant hoch“, so Kaldenbach. „Welche Unternehmer wollen wir so nach Stolberg locken?“, fragte der Geschäftsmann. Auch die Hilfe, die man als Gewerbetreibender bei der Stadt erhalte, bezeichnete er als „dürftig“.

Gatzweilers Reaktion folgte prompt: „Das kann ich so nicht stehenlassen“, entgegnete der Verwaltungschef forsch. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung leisteten einen „hohen Service“. „Pauschale Vorwürfe gegen Mitarbeiter im Rathaus und polemische Wahlkampfsprüche lasse ich mir nicht gefallen.“ Es war der einzige Moment, in dem die Emotionen wirklich hochkochten.

Votum für Steinwegöffnung

Auf die Vorwürfe einer angeblich zu hohen Gewerbesteuer reagierte Gatzweiler denn auch mit nüchternen Fakten: „Wenn wir die Gewerbesteuer nicht erhöht hätten, wären wir in die Insolvenz getrieben worden“, warb der Bürgermeister für Verständnis bei den anwesenden Geschäftsleuten. Und: Bei der Entscheidung, sich in Stolberg niederzulassen, stünden steuerliche Fragen nicht an erster Stelle, verwies der Bürgermeister auf Gespräche mit Unternehmen. Wesentlich entscheidender sei beispielsweise eine gute Verkehrsanbindung.

Diese — da waren sich Politik und Stolberger Geschäftswelt in der großen Runde weitgehend einig — soll auch im Steinweg mit der kompletten Öffnung für den Verkehr verbessert werden — und zwar „so schnell wie möglich“, wie Ahmet Ekin es auf den Punkt brachte. Erste Bedenken hinsichtlich der Verkehrsführung seien angemeldet worden, die es zu beachten gelte, berichtete Bürgermeisterkandidat Grüttemeier, der außerdem eine sechsmonatige Probephase für das Projekt anregte. ABS-Kandidat Bert Kloubert mahnte in diesem Zusammenhang eine intensive Zusammenarbeit mit der Grüntalschule an, um das Wohl der Grundschüler nicht zu gefährden.

Reizthema Strabag

Um ihr eigenes Wohl — und vor allem ihre Umsätze — bangen indes die Einzelhändler, sollte das Strabag-Projekt auf dem ehemaligen Zinkoli-Gelände in seiner aktuellen Form realisiert werden. „Der ursprüngliche Plan mit Baumarkt und Gartencenter macht Sinn“, bekräftigte SMS-Sprecher Peters. „Alles andere jedoch nicht.“ Das Vorhaben gleiche einer „Krake“, die laut Gutachten die Existenz vieler Einzelhändler gefährde. Als „Größenwahn“ titulierte Alex Kaldenbach dieses Projekt.

Nicht vom Himmel gefallen

Über den Zeitpunkt der Diskussion wunderte sich hingegen der Bürgermeister. Schließlich sei das Gutachten nicht „plötzlich vom Himmel gefallen“. Trotzdem gelte es nun, neu in alle Richtungen zu denken. „Jetzt muss alles auf den Tisch, und wir müssen die Öffentlichkeit noch mehr einbinden“, setzt der ehemalige Feuerwehrmann nun auf eine breite Bürgerbeteiligung, um das „Störfeuer“ endgültig einzudämmen.