Stolberg: Interview: Timo Abels über Herausforderungen im Einzelhandel

Stolberg: Interview: Timo Abels über Herausforderungen im Einzelhandel

Timo Abels heißt der neue Einzelhandelsbeauftragte der Stadt Stolberg. Wer eine Runde durch die Innenstadt dreht, sieht gleich, dass das derzeit keine besonders einfache Aufgabe sein kann. Redakteurin Sarah-Lena Gombert hat mit dem gebürtigen Stolberger über seine Arbeit und über den Einzelhandel in der Kupferstadt gesprochen.

Wo kaufen Sie normalerweise Ihre Weihnachtsgeschenke, Herr Abels?

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Abels (lacht laut): Meine Frau ist in der Hinsicht wesentlich kreativer, und hat bei persönlichen Geschenken das bessere Händchen und die besseren Ideen.

Hand aufs Herz: Kaufen Sie auch schon mal im Internet?

Abels: Natürlich, in einigen Fällen führt da ja kein Weg herum. Ich bestelle also gelegentlich Sachen, die ich vor Ort gar nicht bekommen würde. Und manchmal ist es auch einfach eine Frage der Zeit. Nicht immer passt es in den Tagesablauf, zum Einkaufen in die Stadt zu fahren. Aber ich versuche natürlich, den Einzelhandel nach Kräften zu unterstützen, auch ganz unabhängig von meiner Aufgabe.

Es geht also um die Sensibilisierung der Konsumenten?

Abels: Klar! Mir muss doch bewusst sein, dass der Einzelhändler sein Geschäft nicht fortführen kann, wenn ich mein Geld nicht bei ihm ausgebe, sondern im Internet. Das führt dann zu Leerständen in der Stadt, und das möchte ich als Stolberger ja nicht. Wenn ich dieses Bewusstsein schon habe, dann bin ich schon mal einen wichtigen Schritt weiter. Wenn ich als Einwohner eine lebhafte Stadt haben möchte, dann kann ich diese Verantwortung nicht von mir wegschieben.

Und die Händler sollten versuchen, dieses Bewusstsein zu schaffen?

Abels: Die Händler sollten wirklich alles versuchen! Es gibt genug Ideen, die am Anfang verrückt klingen, dann aber zum Erfolg werden. Generell gibt es ja Kooperationen der Stolberger Händler untereinander, auch wenn die nach außen nicht so sichtbar sind, beispielsweise über das Stadtmarketing. Und wir von der Stadt wollen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, auch die Händler gerne bei ihren Ideen unterstützen.

Wie sieht die städtische Unterstützung aus?

Abels: Es passieren ja derzeit sehr viele Dinge in Stolberg, die das Ziel haben, die Attraktivität der Stadt zu steigern, siehe Talachse Innenstadt. Da legen wir einen Grundstein, und es werden daraus Dinge erwachsen. Beispielsweise finde ich, dass der Kupferpavillon mit Außengastronomie eine sehr schöne Sache ist. Das wird Leute anziehen.

Und auch im Steinweg ist ja Bewegung…

Abels: Es gibt bald einen neuen Bekleidungsladen. Das finde ich richtig gut. Das ist ein mutiger Schritt, den jeder Einzelhändler gehen muss, wenn er ein neues Ladenlokal öffnet. Und das sind Punkte, an denen wir auch helfen können. Damit meine ich nicht, dass wir in den freien Markt eingreifen, aber wir können beispielsweise bei Genehmigungsverfahren oder Behördengängen behilflich sein. Da haben manche etwas Angst vor, weil es für sie unbekannte Schritte sind. Und uns ist es auch wichtig, innerhalb der Verwaltung den Dienstleistungsgedanken vorzuleben. Jemandem, der eine Idee hat, die sich aber nicht umsetzen lässt, könnten wir eine Alternative aufzeigen, und nicht nur eine Absage erteilen.

Was gehört sonst zu Ihren Aufgaben? Neue Einzelhändler schnitzen können Sie bestimmt nicht…

Abels (lacht): Nein, das klappt nicht. Wir freuen uns über jeden, der kommt. Aber damit ist es ja nicht getan. Wir suchen ganz bewusst auch den Kontakt zu größeren Filialisten und stellen Stolberg als Standort vor, mit all seinen Vorteilen. Und wir machen klar, dass sich in der Stadt etwas bewegt. Damit sind nicht nur unbedingt die großen Sachen wie die Talachse Innenstadt gemeint, sondern auch kleine Dinge, freies WLAN zum Beispiel. Und ich denke: Langsam kommt das in den Köpfen an.

Internet bringt Konkurrenz, ist aber auch für den eigenen Betrieb unumgänglich…

Abels: Genau. Und auch die Breitbandversorgung der Unternehmen ist mein Thema. Wir haben eine Förderung von 50.000 Euro erhalten, um die noch stellenweise unterversorgten Stadtgebiete zu identifizieren und in einem weiteren Schritt mögliche Förderkulissen zu erruieren. Das hilft den dortigen Einzelhändlern genauso wie kleinen oder mittelständischen Betrieben.

Warum ist Einzelhandel wichtig für Stolberg? Man könnte doch all die leeren Läden in Wohnungen umwandeln...

Abels: Nein, eben nicht. Man will ja den Einwohnern etwas bieten. Ich will keine schlafende Stadt, ich will eine Stadt, die lebt. Da gehört Einzelhandel dazu, genauso wie Gastronomie. Da gehören auch Unternehmen als Arbeitgeber dazu. Und das alles hängt für mich zusammen, denn die Unternehmen brauchen auch Leute, die arbeiten. Und die wiederum wollen in einem Ort leben, der etwas zu bieten hat. Eine reine Schlafstadt reicht einfach nicht. Und den Tourismus darf man auch nicht vergessen. Wir haben, salopp formuliert, eine fantastische Altstadt, um die uns andere Kommunen beneiden. Das Potential ist da, das müssen wir nutzen.

Wo genau sehen Sie Potential, und wie kann man das nutzen?

Abels: Das Potential bietet einmal die Altstadt an sich, die Gebäude sind einzigartig. In anderen historischen Stadtkernen funktioniert die Gastronomie für Touristen, und das wiederum ist ein Magnet für den Einzelhandel. Hier müssen wir ansetzen, und das machen wir mit den Kollegen der Touristik zusammen. Es muss klar werden: Es lohnt sich, nach Stolberg zu kommen.

Wenn ich ein Warensortiment zum Verkauf anbieten möchte und mich für einen Vertriebsweg entscheide: Warum sollte ich mich für den Einzelhandel entscheiden?

Abels: Der Einzelhändler bietet als einziger eine individuelle Beratung zu seinem Produkt. Die finde ich nicht im Internet. Wie wichtig die Beratung dann ist, das entscheiden die Kunden.

Was halten Sie von Pop-up-Stores?

Abels: Das ist eine interessante Sache, die wir zwar noch nicht umgesetzt haben, die wir aber als Projekt auf dem Schreibtisch haben. Wir befinden uns in einer Evaluierungsphase. Denn die leeren Ladenlokale sind ja keine städtischen Immobilien, sondern privat. Die Eigentümer muss man auch erst einmal überzeugen. Die haben auch ihre eigenen Vorstellungen — was ja vollkommen legitim ist.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Eigentümern?

Abels: Zu vielen Eigentümern haben wir einen direkten Kontakt, das ist gut. Für uns als Verwaltung wäre es natürlich wünschenswert, wenn wir von allen Ladenlokalen, die zu vermieten sind, gewisse Angaben haben: Quadratmeterzahl, Preis und vielleicht ein Plan. Uns erreichen ja täglich Anfragen von Geschäftsleuten, die etwas suchen. Und wenn wir einen guten Überblick über die Mietmöglichkeiten haben, dann können wir am besten vermitteln. Das gilt übrigens nicht nur für die Innenstadt, sondern auch für die Ortsteile.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Gäbe es einen Laden, den Sie am liebsten sofort ansiedeln würden? Zum Beispiel im Viktor-Kaufhaus?

Abels (lacht): Das wäre natürlich ein Luxusproblem, wenn man sich da jemanden aussuchen könnte. Aber ganz im Ernst: Man muss sich vielleicht ein bisschen von dem Gedanken lösen, dass es unbedingt ein einzelner großer Händler sein muss, der dort einzieht. Fünf kleine Modeläden, die gut zueinander passen, wären mir genauso recht wie ein großer Markt. Beides wäre eine charmante Lösung. Beides bringt Leben in die Stadt. Und das wollen wir, und das wollen auch die Bürger.

Was sagen Sie der Mutter, die erklärt, dass sie nach Aachen fahren muss, um für ihre Tochter ein passendes Geschenk zu finden?

Abels: Man darf nicht den Fehler machen, Stolberg mit Aachen zu vergleichen, das geht von der Größe her nicht auf. Wir sind nicht in der Lage, jede kleine Nische zu bedienen. Aber ich bin dennoch überzeugt, dass man auch in einer Stadt wie Stolberg für jeden etwas bieten kann.

Es sei niemand so naiv zu glauben, der Steinweg würde wieder eine blühende Einkaufsstraße, sagte kürzlich Ihr Kollege Andreas Pickhardt bei einer Bürgerversammlung. Frustriert Sie so etwas?

Abels: Ich würde das anders formulieren. Ich würde sagen: Aus dem Steinweg wird irgendwann wieder eine wundervolle, belebte Straße. Ob das dann unbedingt eine Einkaufsstraße sein muss, weiß ich nicht. Es wird wahrscheinlich anders, aber das heißt ja nicht unbedingt schlechter. Ich glaube, dass man keine Angst vor Veränderungen haben darf. Im Gegenteil: Ich glaube, man muss das Gute in der Veränderung sehen.