Aus Liebe von der Seine an die Vicht: Interview mit Alexandre Moreau zum Weinfest in Stolberg

Aus Liebe von der Seine an die Vicht: Interview mit Alexandre Moreau zum Weinfest in Stolberg

In Paris hat es gefunkt — in Vicht wurde geheiratet. Alexandre Moreau tauschte den Eiffelturm mit der Stolberger Burg und wird bald die Bodega am Alter Markt von Christian Clément übernehmen. Dirk Müller sprach mit Moreau über seinen Werdegang, die Zukunft der Bodega, französischen Wein und deutsches Bier.

Wie sind Sie von der Seine an die Vicht gekommen?

Moreau: Alles begann 1999 in Paris. Dort hat ein Vichter Mädchen Namens Judith gearbeitet. Wir haben uns kennengelernt, und es hat gleich gefunkt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Im Jahr 2004 haben wir dann geheiratet — im Urlaub in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Vicht. Heute haben wir zwei Töchter, Olivia und Anna. Bevor ich dann endgültig nach Stolberg gekommen bin, haben wir 2008 noch einen Umweg über Brüssel gemacht, da meine Frau beruflich dorthin versetzt wurde.

Wie ging es weiter?

Moreau: Als unsere Tochter Olivia 14 Jahre alt war, wollte sie lieber eine deutsche Schule besuchen und auch ihren Großeltern in Stolberg näher sein. 2015 sind wir dann von Brüssel nach Vicht gezogen, wobei ich weiterhin in Brüssel gearbeitet habe. Jetzt habe ich Brüssel den Rücken gekehrt und lebe auch selbst in Stolberg, da ich bald die Bodega am Alter Markt von Christian Clément übernehmen werde.

Wie kam es dazu, dass Sie die Bodega in der Altstadt übernehmen?

Moreau: Die Nachbarn meiner Schwiegereltern haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass Christian sich zur Ruhe setzen möchte und die Bodega verkauft. Ich habe mich ihm vorgestellt und war einer von sechs Interessenten. Dass ich den Zuschlag aufgrund meiner beruflichen Qualifikationen und Referenzen erhalten habe, freut mich sehr.

Welche Referenzen bringen Sie mit nach Stolberg?

Moreau: In Paris habe ich zunächst als Barkeeper gearbeitet. Ab dem Jahr 2000 als Chef-Barkeeper im Hotel Plaza Athénée, nahe der Champs-Élysées, wo ich dann 2006 Maître d‘Hôtel wurde. Ab 2008 habe ich in mehreren Restaurants in Brüssel als Maître d‘Hôtel und Sommelier gearbeitet.

Noch haben Sie die Bodega nicht übernommen, sind aber bereits am Alter Markt präsent und aktiv...

Moreau: Das stimmt, ich übernehme die Bodega im Oktober, aber Christian und ich möchten den Übergang fließend gestalten. Und ich muss mich natürlich einarbeiten. Entscheidend ist dabei für mich, nicht nur die geschäftliche Seite kennenzulernen, sondern vor allem das Wichtigste: die Gäste und Kunden der Bodega.

Ihr Vorgänger Christian Clément hat sich stets an zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen in der Stolberger Alt- und Innenstadt beteiligt, so wie jetzt am Weinfest auf dem Kaiserplatz. Werden Sie dies fortführen?

Moreau: Unbedingt ja. Christian hat die Bodega als einen Bestandteil von Kultur, Kunst und Feiern in Stolberg etabliert, und das soll auf jeden Fall so bleiben. Ganz genau wie Christian sehe auch ich die Bodega am Alter Markt als ein Stück Stolberger Lebenskultur. Dementsprechend wird die Bodega auch nach dem Weinfest bei größeren Veranstaltungen ein Anlaufpunkt sein und zum Programm beitragen. Egal ob Halloween und St. Patrick‘s Day in der Altstadt, Stolberger Museumsnacht, Kupferstädter Weihnachtstage, Karneval, Stolberg goes… oder Stadtparty — die Bodega bleibt auch in Zukunft der Kultur und den Festen in Stolberg treu.

Bei dem Weinfest auf dem Kaiserplatz sind deutsche Winzer gut vertreten... Welcher Wein ist besser, der französische oder der Deutsche?

Moreau: Das lässt sich pauschal wirklich nicht beantworten. Einerseits ist nicht jeder französische Wein alleine schon deshalb exzellent, weil er eben aus Frankreich kommt. Andererseits gibt es sehr gute deutsche Weine. Ich persönlich bevorzuge grundsätzlich gute Tropfen von kleineren und mittelständischen Kellereien, die den Wein mit Respekt vor der Natur herstellen. Dies geschieht glücklicherweise in vielen Anbaugebieten in mehreren Ländern.

Und welches Bier ist besser, das deutsche oder das französische?

Moreau: Diese Frage ist wesentlich einfacher zu beantworten: Das deutsche Bier ist eindeutig besser. Ohne jeden Zweifel. Wobei ich finde, dass es auch in Belgien einige interessante Biere gibt.

Noch eine Fachfrage: Ist der Weißwein zum Fisch eigentlich obligatorisch?

Moreau: Ganz und gar nicht. Weißwein kann natürlich zu Fisch passen, muss aber nicht. Es hängt davon ab, wie das Fischgericht zubereitet ist, und je nach dem kann auch ein Rotwein hervorragend mit Fisch harmonieren. Ebenso verhält es sich bei Fleisch- und Gemüsegerichten: Die Art der Zubereitung ist für die Weinauswahl entscheidend. Übrigens kann auch Käse sowohl mit Rotwein, als auch mit Weißwein verkostet werden.

Sie sind quasi von der Champs-Élysées an den Steinweg gekommen. Vermissen Sie die Großstadt?

Moreau: Nein, eher im Gegenteil. Ich genieße es, hier zu leben. Es bedeutet weniger Hektik, Trubel und Stress. Stattdessen gibt es mehr Natur, in der ich entspannen oder Sport treiben kann. Das finde ich toll. Außerdem liebe ich historische Architektur. Auch deshalb bin ich in Stolberg mit seinen historischen Gebäuden und Straßenzügen bestens aufgehoben. Ein sehr wichtiger Aspekt ist für mich, dass in Stolberg das soziale Leben einfach schöner ist als in Paris.

Inwiefern ist das soziale Leben in Stolberg schöner?

Moreau: In Paris wimmelt es nur so vor Touristen, die bald die Stadt wieder verlassen. In Stolberg geht es viel persönlicher zu. Das empfinde ich privat wie auch in der Bodega so. Man lernt sich kennen, grüßt sich mit Namen, kommt ins Gespräch und tauscht sich aus. Freundschaften entstehen auf diese Weise. Das menschliche Miteinander hat in Stolberg meiner Meinung nach eine wesentlich bessere Qualität als in einer Großstadt.

Mehr von Aachener Zeitung