Interview: Flüchtling Youssef Abojobbah hat in Stolberg neu angefangen

Interview der Woche : „Ich bin sehr gut in Stolberg angekommen“

Youssef Abojobbah ist vor der Hamas aus Palästina geflüchtet. In Stolberg hat er ein neues Leben begonnen, mit einer Ausbildung und einer Freundin. Im Interview erzählt er seine Geschichte.

Palästina liegt an der südöstlichen Küste des Mittelmeers und bezeichnet in der Regel Teile der Gebiete der heutigen Staaten Israel und Jordanien einschließlich Gazastreifen und Westjordanland. Israel und Palästina streiten sich seit Jahren um ein und dasselbe Stück Land, mit Jerusalem als wichtigster Stadt in diesem Gebiet. Der Konflikt hat vielen Menschen das Leben gekostet und über Generationen hinweg zutiefst traumatisiert. Zahlreiche Menschen versuchen das Land hinter sich zu lassen, besonders junge Menschen.

Einer von ihnen ist Youssef Abojobbah. Mit ihm sprach unsere Mitarbeiterin Marie-Luise Otten:

Warum haben Sie Palästina verlassen?

Abojobbah: Ein kleiner Teil meiner Familie arbeitet bei den Hamas, einer Palästinenser-Organisation, die Israel mit Terror und Selbstmord-Attentaten bezwingen will und die mich auch zwingen wollte, bei ihnen mitzumachen. Denn mein Land ist nicht anerkannt und im Krieg mit Israel.

Wo wollten Sie überhaupt hin?

Abojobbah: Mein Traumland war Schweden, weil dieses Land eines der ersten westlichen Länder ist, das die Anerkennung Palästinas beschlossen hat.

Welche Strecken haben Sie dafür zurückgelegt?

Abojobbah: Ich bin von Palästina nach Jordanien über die Türkei nach Ungarn gefahren. Von Ungarn ging es nach Österreich, Italien, Frankreich und über Belgien nach Deutschland. Auf dem Hauptbahnhof in Aachen musste ich umsteigen, um nach Köln zu kommen, wurde aber dann von der Polizei aufgegriffen.

Wie alt waren Sie da?

Abojobbah: Laut ärztlichem Test war ich 16 Jahre alt.

Wie ging es für Sie weiter?

Abojobbah: In Aachen habe ich viel Hilfe bekommen, konnte zur Schule gehen und habe mich schnell an die netten Menschen gewöhnt, sodass ich geblieben bin.

Wo haben Sie gewohnt? Was haben Sie gemacht?

Abojobbah: Ich habe in einer Gruppe für Jugendliche in Aachen-Mitte gewohnt und die Zeit mit viel Lernen verbracht.

Wie haben Sie sich verständigt?

Abojobbah: Ich konnte Gott sei Dank Englisch. Das hat mir am Anfang sehr geholfen. In der Gruppe lebten nur Deutsche und durch sie habe ich dann auch die deutsche Sprache schnell gelernt.

Wo sind Sie zur Schule gegangen?

Abojobbah: In der GHS Kronenberg, Hauptschule, in Aachen.

Was kam nach der Schule?

Abojobbah: Ich habe zum Glück eine Lehrstelle als Elektriker gefunden.

Wo arbeiten Sie heute?

Abojobbah: Im gleichen Betrieb, wo ich meine Ausbildung gemacht habe. Mein Chef hat mir gleich einen Festvertrag angeboten, den ich dann natürlich auch gerne angenommen habe.

Was unterscheidet das Leben in Deutschland gegenüber dem Leben in Palästina?

Abojobbah: Sehr viel, vor allem was den Lebensstil betrifft. In Deutschland ist jeder für sich und erwachsen, sobald er 18 Jahre alt ist. Bei uns gibt es einen größeren Zusammenhalt unter den Menschen. Das Wasser ist auch kein Getränk, das man den Gästen anbietet. Das Leben in Freiheit hat meinen Charakter und den Umgang mit den Menschen verändert. Ich fühle mich sehr gut hier in Deutschland und kann mir inzwischen gar nicht vorstellen, woanders zu leben.

Wen oder was haben Sie in Palästina zurückgelassen?

Abojobbah: Familie, Freunde, Sonne, Menschenwärme. Aber ich habe zugleich auch viele Werte mitgenommen.

Welche Werte sind das?

Abojobbah: Die Gastfreundschaft, die Bereitschaft, den Menschen zu helfen, sie zu respektieren und zu akzeptieren, wie sie sind. Leben und leben lassen.

Hatten Sie kein Heimweh?

Abojobbah: Jeder Anfang ist schwer, und ich hatte extrem viel Heimweh, weil ja alles neu war für mich. Aber mit der Zeit habe ich mich an die neue Situation gewöhnt und angepasst.

Haben Sie einen deutschen Pass?

Abojobbah: Leider immer noch nicht, aber ich bin da sehr optimistisch.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Abojobbah: Ich möchte gerne noch den Meister im Elektrohandwerk machen und meine Freundin heiraten.

Sind Sie in Deutschland angekommen oder wollen Sie noch weiter ziehen?

Abojobbah: Nein, nicht mehr weiter ziehen. Ich bin sehr gut angekommen.

Was empfehlen Sie Menschen mit ausländischen Wurzeln, die neu in Stolberg sind?

Abojobbah: Es lohnt sich, immer weiter zu kämpfen und sich anzupassen. Eure Stärke ist das, was ihr in den Händen habt (Schule, Ausbildung, Studium, Arbeit). Der Anfang ist immer schwer, aber man kann es mit der Zeit schaffen, vorausgesetzt man will. Ihr habt eure Kultur und die deutsche Kultur. Versucht das Beste von diesen beiden Kulturen mitzunehmen, denn es ist ein Geschenk.

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