Stolberg: Internationale Kunst mit Altstadtflair genießen

Stolberg: Internationale Kunst mit Altstadtflair genießen

Bei der sechsten Auflage der Kunstausfahrt „Art Tour de Stolberg“ am Wochenende lohnt sich der Besuch des Kunsthandwerkerhofs am Alter Markt aus vielerlei Gründen. Der alte Kupferhof Rose lockt mit seinem pittoresken Charme, historischem Ambiente und facettenreicher Kunst. Unter anderem wird F. Joseph Ahmann sowohl seine Malerei zeigen als auch aus seinem literarischen Werk lesen.

Der in Stolberg gebürtige und als Lehrer tätige Biologe beschäftigt sich in seinen Werken mit dem Los und der Selbstverwirklichung des Einzelnen in einer von Schuld, Schulden und Geldzwängen geprägten Alltagswelt.

Gemeinsames Aufhorchen

Ahmann pflegt in seinen oft surrealistisch anmutenden, farbintensiven Gemälden und seiner Prosa einen inneren Dialog, die Auseinandersetzung mit einer Seelenlandschaft, die von religiösen, sozialen oder mythologischen Quellen genährt wird, und greift künstlerisch die zunehmende Entfremdung des Einzelnen von der Natur auf. In seinem Kunstverständnis sucht Ahmann nach neuen Ansätzen, legt Gefahren — teilweise mit tiefgründigem Humor — frei, um zu einem gemeinsamen Aufhorchen aufzufordern.

In dem idyllisch gelegenen Hof in der Altstadt sind auch interessante Einblicke in die historische Druckmanufaktur möglich, und in der Bodega werden kulinarische Spezialitäten und ausgesuchte Weine kredenzt. Dort ist die Stolberger Künstlerin Marion Kamphausen zu Gast und zeigt ihre Gemälde, bei deren Entstehung der Zufall ebenso eine Rolle spielen kann wie flüchtige Momente oder Begegnungen im Alltagsgeschehen. Dementsprechend anregend und vielfältig ist Kamphausens Schaffen.

Zweckentfremdung

Die „Muschelkönigin“ Heidi Selheim präsentiert bei der Kunstausfahrt „Art Tour de Stolberg“ außergewöhnliche Design-Lampen aus Flaschen aller Art und Herkunft, wobei der Ursprung ihrer Kreativität in der Faszination und Herausforderung von Wiederverwertung und Zweckentfremdung liegt.

In Selheims Atelier stellt zudem der Gastkünstler Johannes Lunenburg seine fotografische Kunst aus. Inspiriert von der Modefotografie der 30er bis 50er Jahre beeindrucken seine Werke mit enormer Ästhetik und eigenständigen Interpretationen der Lichtsetzung bekannter Fotografen aus dieser Zeit.

„Natur — Struktur“ ist das Thema der Ausstellung in Ani­na Marita Cujais Atelier. Sie und ihre Gastausstellerin Andrea Steinmann bearbeiten dieses Thema jeweils auf ihre völlig eigene und andere Weise.

„Hart-Zart“

Es findet bei Steinmann in farbintensiver Acrylmalerei seinen Ausdruck, wobei Naturelemente angedeutet realistisch und in anderen Bildern durch Verarbeitung von Naturmaterialien zu sehen sind. Dies wiederum ist die Verbindung zu Cujais Bilderzyklus „Hart-Zart“, bei dem sie unterschiedliche Materialien wie Filz, Glas, Holz und Papier zu überwiegend weißen Objekten verarbeitet. Der Betrachter mag geneigt sein, diese Arbeiten zu berühren, um das „hart-zarte“ Thema nicht nur visuell, sondern auch haptisch zu erfassen, wird aber vom „unberührbaren“ Weiß ausgebremst.

Neu im Kunsthandwerkerhof beheimatet ist Conny Linnhöfers Galerie und internationale Kunstagentur „Art in Between“, die zur Kunstausfahrt Malerei und Skulpturen zeigt.

Die Gemälde von Isabelle Laurent Brion sind modern wie zeitgenössisch, und die französische Künstlerin experimentiert mit Farben, verschiedenen Techniken und Mal-Utensilien. „Ich stehe erst einmal vor einer leeren Leinwand und lasse all meine Selbstzweifel, meine Fragen und meine Gefühle in kleinen Bewegungen über die Leinwand gleiten; nicht wissend, wohin mich das führen wird, und nicht ahnend, wie das Ende sein wird“, beschreibt Isabelle Laurent Brion.

Individuelle Kreationen

Der niederländische Bildhauer Niki Severins hat sich auf Skulpturen spezialisiert, die er mit Hilfe von Baumaterialien wie Beton, Stahl und Holz anfertigt. Er verbindet traditionelle Bildhauerei mit der Bautechnik; dabei entwickelt er hoch individuelle Kreationen, lässt sich während des Schaffensprozesses immer wieder auch von den verwendeten Materialien inspirieren und leiten.

Universelles Prinzip

Von den insgesamt 15 Stationen, die zur „Art Tour de Stolberg“ einladen, können vom Kunsthandwerkerhof aus mehrere fußläufig besucht werden. So sind zum Beispiel in dem Museum in der Torburg am Luciaweg keramische Arbeiten und Malerei der niederländischen Künstlerin Wilma Schip­holt zu sehen. Ihr Schaffen befasst sich mit dem universellen Prinzip der Verwundbarkeit und der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Schipholt versucht in ihren Werken, Fragen zu Schicksal, Liebe und Selbstaufopferung, aber auch zu Begierde und Leid zu beantworten.

Aus dem Land der Mitte

In der Burg-Galerie lässt das Land der Mitte kunstvoll grüßen: Unter dem Dach des Wahrzeichens der Stadt heißt es „Shanghai discovers Stolberg“, denn dort sind, präsentiert von „Art in Between“, Werke von chinesischen Künstlern ausgestellt. Die Exponate von Jenny Gu, Chenyi Xu, Jia Jia Liu, Xiaoshen Wu und Gang Liu kommen einem Bilderbogen durch die moderne chinesische Kunst gleich, in der alles vertreten sein wird, von der traditionellen chinesischen Ink-Ma­lerei über eigenwillige, gesellschaftskritische Collagen in Öl auf Reispapier bis zu Holzschnittdrucken, die den feinen Humor des Künstlers widerspiegeln.

Nahe der Altstadt lockt außerdem die autonome Künstlergruppe aus Martin Otten, Peter Lidak, Elke Koch, Barbara Mertens und Otto Guba mit vielfältigen Kunstwerken in das Haus Patio am Steinweg 68.

Die künstlerische Palette der autonomen Kreativen umfasst Holz-, Stein- und Keramikskulpturen, Fotografie, Grafik, verschiedene Malereistile und mehr.

Die Steinweg-Galerie im Burg-Center präsentiert auf dem Willy-Brandt-Platz an der Zweifaller Straße Malerei der 2008 gestorbenen Künstlerin Janet Brooks Gerloff, und am Hammerberg 13 zeigt Gastgeberin Birgit Engelen eigene Exponate sowie Zeichnungen, Malerei und Objekte von Sabine Jacobs, Maria Stams und Jose Fijnaut in dem Skulpturengarten und im Atelierhaus.

Am Sonntag gibt es dort eine besondere Kunstperformance: Es entstehen zwei Porträtplastiken live, wenn „Koppig Limburg“ Paul M. Kirch trifft. Kirch sitzt Fijnaut und Stams nicht nur Modell, sondern führt zeitgleich mit dem Kunsthistoriker Dr. Dirk Tölke ein interessantes und kurzweiliges Gespräch zu Stolberger und anderen Themen.

(dim)
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