Inklusion in Stolberg: Engagement ist da, aber Personal fehlt

Inklusion an Gesamtschulen : Engagement ist da, aber Personal fehlt

Ein Erlass der NRW-Landesregierung vom Oktober 2018 regelt Inklusion an weiterführenden Schulen neu. Er besagt, dass Inklusionsschüler an Gymnasien in der Regel nur noch unterrichtet werden sollen, wenn sie eine reelle Chance auf das Abitur haben. In Stolberg leisten die Gesamtschulen den größten Beitrag zur Inklusion.

Während die Gymnasien zurzeit jeweils ein Kind mit festgestelltem Förderbedarf ausbilden, sind es an den beiden Gesamtschulen insgesamt 139 Schüler. Wie gehen diese Schulen mit der Herausforderung um?

Die Kupferstädter Gesamtschule ist Lernort für 84 Kinder mit Förderbedarf, die meisten davon mit Beeinträchtigungen im Lernprozess (36) und der emotional-sozialen Entwicklung (25). „Eine Anzahl, wie wir sie haben, stellt im Grunde schon eine kleine Förderschule dar“, sagt Schulleiter Jörg Klein. Es gebe eine inklusionsspezifische Aufnahmekapazität, die im Normalfall drei Kinder pro Klasse nicht überschreiten soll. In 22 Klassen werden 84 Kinder mit erhöhtem Förderbedarf unterrichtet, „da sieht man schon, dass das deutlich mehr als drei sind“, sagt Klein.

Die erhöhte Zahl komme auch dadurch zustande, dass manche Kinder nach der Grundschulzeit nicht als solche mit erhöhtem Förderbedarf gelten und eingestuft werden. „Im Laufe des ersten Jahres stellt sich dann aber heraus, dass einige Kinder noch sonderpädagogische Bedarfe haben“, berichtet Klein. Die alltägliche Inklusion an der Kupferstädter Gesamtschule funktioniert integriert in die Klassen, allerdings teilweise zielgleich und teilweise zieldifferent. Klein erklärt: „Man muss sich immer Fragen, wo die Grenzen der Inklusion liegen, es geht nicht, dass jedes Kind exakt gleich unterrichtet wird.“

Personalprobleme

Deshalb werden unterschiedliche Konzepte entwickelt, zum Beispiel verschiedene Arbeitsblätter und andere Klassenarbeiten. „Die Akzeptanz der Verschiedenartigkeit ist eine Grundvoraussetzung für das Gelingen“, weiß Klein, der an seiner Schule seit 2013 Kinder mit erhöhtem Förderbedarf aufnimmt. Damals habe man Gelingensbedingungen festgelegt, um der Herausforderung entgegenzutreten.

„Zum einen ist es wichtig, eine offene Haltung der gesamten Schulgemeinschaft zu haben, dazu zählen das Kollegium, die Eltern, aber auch die Schüler selbst“, betont Klein. „Zum anderen geht es nur über Manpower, am besten braucht man geschultes Personal“, sagt Klein. Das sei aber ein großes Problem an seiner Schule, denn zwei der sechs Stellen für Sonderpädagogen seien nicht besetzt. Das Engagement sei vorhanden, aber die Ressourcen nicht. „Die wenigen Sonderpädagogen, die es gibt, gehen im Moment wieder vorrangig an Förderschulen“, klagt der Schulleiter.

Grundsätzlich dürfe man in der Entwicklung nichts überstürzen: „Es ist ein Weg, der noch nicht abgeschlossen ist, aber als gemeinschaftlicher Akt kann Inklusion gelingen.“ Es gebe allerdings trotzdem Kinder, für die die Förderschule der bessere Ort sei, das müsse man akzeptieren. „Wir müssen uns immer fragen, ob das Kind unter den gegebenen Voraussetzungen bei uns vernünftig gefördert werden kann“, erklärt Klein.

Dass Gymnasien nun weniger in die Inklusion eingebunden werden sollen, findet Klein völlig in Ordnung. „Ich verstehe den Grundgedanken, der dahintersteht, denn ein Kind mit dem Förderschwerpunkt Lernen wird nie das Abitur machen“, erklärt er. Die Gesamtschule hingegen sei Heterogenität gewohnt, sie sei der Ort für Inklusion.

Helge Pipoh, Leiter der Städtischen Gesamtschule Auf der Liester, kann dieser Auffassung nur teilweise zustimmen. „Wir verstehen Gesamtschule als Schule für alle, deshalb war es für uns eine Selbstverständlichkeit, von Beginn an eine inklusive Schule zu sein“, betont er. Allerdings sieht er auch die Gymnasien ein Stück weit in der Pflicht, es sich ab dem nächsten Schuljahr nicht zu leicht zu machen. Pipoh findet: „Es ließe sich vieles einfacher regeln, wenn die Lasten gleichmäßig verteilt würden.“

Helge Pipoh und Monika Haaß stehen auf dem Schulhof der Gesamtschule Auf der Liester, an der 55 Kinder mit erhöhtem Förderbedarf lernen. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Mit 55 Kindern an seiner Schule, die einen erhöhten Förderbedarf haben, stemmen auch er und sein Kollegium einen Schulalltag mit einigen Herausforderungen. „Insgesamt würde ich aber sagen, dass das Bewusstsein für die Individualität allgemein geschärft wurde, denn jedes Kind benötigt irgendwo besondere Unterstützung.“ Man würde zwar bei manchen Kindern, die ursprünglich nicht so eingestuft wurden, in den ersten Jahren zusätzlich erhöhten Förderbedarf feststellen. Umgekehrt könne man in den höheren Klassen bei einigen den Förderbedarf aufheben.

Das freut auch Monika Haaß, Leiterin der Abteilung I, und damit zuständig für die Klassen 5, 6 und 7. „Ich wünsche mir aber, dass noch mehr Personal kommen würde, um  Diagnose und Prophylaxe in der Schule zu gewährleisten“, sagt sie. Das sollten ausdrücklich keine Lehrer sein, sondern Fachkräfte wie Schulsozialarbeiter, die mehr auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder eingehen können, während der Unterricht davon nicht beeinträchtigt wird. Pipoh fügt hinzu: „In der Gesellschaft muss Bildung einen anderen Stellenwert bekommen, ganz unabhängig vom Thema Inklusion.“ Außerdem sieht auch er das Problem, dass es nach wie vor nicht ausreichend Lehrer gibt, um Kinder intensiv zu betreuen.

Gymnasien beziehen Stellung

Uwe Bettscheider, Leiter des Ritzefeld-Gymnasiums, erklärte: „Wir waren und sind keine offizielle Inklusionsschule.“ Es arbeite kein Sonderpädagoge dort und wenn die Infrastruktur nicht vorhanden sei, tue man den Kindern keinen Gefallen. Bernd Decker, Schulleiter am Goethe-Gymnasium, sagt ebenfalls, dass seine Schule keine Schule des Gemeinsamen Lernens sein wird. „Im Grunde ändert sich an der Situation aber nichts, wir haben immer schon Einzelfälle gehabt und diese werden wir auch weiter aufnehmen“, betont er.