Zwischen Mittelalter und Mittelerde: Infobasar von Mittelalter-Gruppen auf der Stolberger Burg

Zwischen Mittelalter und Mittelerde : Infobasar von Mittelalter-Gruppen auf der Stolberger Burg

„Die Gruppen und Vereine aus der Szene sollen eine Plattform in der Öffentlichkeit erhalten“, sagt Sarah Smotrycki. Was sie damit meint, wird sich am Samstag auf der Burg zeigen. Dort organisiert Smotrycki den ersten Infobasar mit Mittelalter-Gruppen aus der Städteregion.

Damit will sie vor allem interessierte Bürger erreichen, um eventuelle Vorurteile aus dem Weg zu räumen.

Denn sie weiß: „Vorurteile entstehen durch Unwissen.“ Deshalb präsentiert sie insgesamt zehn Gruppen und Vereine, die aus verschiedenen Bereichen der Ritter- und Mittelalterlandschaft kommen. Grob unterscheidet man zwischen Reenactement und Live Action Role Playing (Larp). Für Laien klingt das alles ganz schön abstrakt, da kann man schon einmal den Überblick verlieren. Smotrycki hingegen erzählt von ihrem Hobby, als wäre es das normalste auf der Welt.

Die 31-Jährige gehört zu den etwa 100.000 Larpern in Deutschland, etwa noch einmal so viele zählen sich zu den Reenactern.„Es ist eben eine Szene-Veranstaltung, so wie ein Heavy-Metal- oder ein Helene-Fischer-Konzert“, erklärt sie. Es handele sich eben immer um eine bestimmte Gruppe Menschen, bloß dass die Larper gesellschaftlich nicht so akzeptiert seien wie Heavy-Metal-Fans. Auch das soll sich durch Veranstaltungen wie die auf der Burg ändern.

Pilotprojekt in Deutschland

An dem Konzept dafür feilt Smotrycki bereits seit etwa einem Jahr. Der Veranstaltungsort war schnell gefunden: Das Flair der Burg ist unschlagbar, auch wenn sie keine echte Ritterburg ist — und das auch noch nie war. Wie Smotrycki weiß, hätte eine Ritterburg in dieser Lage keinen Sinn gemacht, „es hat sich im Grunde nur ein reicher Mann ein großes Haus gebaut“.

Trotzdem bietet sich das Stolberger Wahrzeichen für solch eine Veranstaltung natürlich an. Unter dem Motto „Von Mittelalter bis Mittelerde“ hat Smotrycki ein Pilotprojekt gestartet, wie sie selbst sagt. „Dieses Event ist einzigartig in ganz Deutschland“, freut sie sich. Ihre Werbung läuft ausschließlich über Facebook und Mundpropaganda. In dem sozialen Netzwerk interessieren sich bereits knapp 2000 Menschen für die Veranstaltung — mit so vielen Besuchern rechnet Smotrycki allerdings nicht. „Ich gehe von etwa 300 aus, am meisten natürlich aus unserer Szene“, so die 31-Jährige. Sie appelliert aber vor allem an die Bevölkerung, den Weg in die Burg zu suchen und so Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Auch Fragen seien ausdrücklich erwünscht.

Insgesamt vier Larp-Gruppen, zwei Reenact-Gruppen, zwei lokale Händler, eine Schmiede und eine Mittelalter-Mietküche zeigen ihr Hobby in der Burg. Sollte die Veranstaltung Erfolg haben, könnte es allerdings eng werden. „Ich weiß nicht, ob die Burg dauerhaft genug Platz bietet“, grübelt Smotrycki bereits über das, was nach Samstag kommt.

Zwei Konzepte

In der Szene unterscheidet man zwischen Reenactement und Larp. Beim Reenactement werden historische Begebenheiten so realistisch und detailgetreu nachgespielt wie möglich. In Stolberg gehen dem die Burgritter und die Veytaler nach. Larp hingegen ist eher eine Art Improvisationstheater, wie Smotrycki erklärt: „Ferienspiele für Kinder sind im Grunde nichts anderes.“ Ihr Verein, die Wanderfalken, sind die Larp-Gruppe in Stolberg.

Der Unterschied zum Reenactement ist zum einen, dass es beim Larp einen hohen Fantasyanteil gibt. Es werden also nicht nur historisch reale Personen verkörpert, sondern auch Elfen oder Charaktere aus Harry Potter und Star Wars. Außerdem kämpfen Larper nicht mit Blankwaffen wie echten Schwertern. Stattdessen nutzen sie Schaumstoffwaffen mit Glasfaserkern und Silikon- oder Latexbeschichtung, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Larper tragen ihre Rollenspiele im Gegensatz zu Reenactern auch nie in der Öffentlichkeit aus.

Sarah Smotrycki selbst bestreitet ihr Hobby seit zwölf Jahren. Mittlerweile setzt sie die Konzepte auch oft im pädagogischen Kontext ein, sowohl als Sozialarbeiterin zum Beispiel an Schulen als auch während ihres Kulturpädagogik-Studiums in Mönchengladbach. „Es ist eine aus dem Theater entstandene Möglichkeit, sein persönliches Facettenreichtum auszuprobieren“, findet die 31-Jährige.

Das Einnehmen einer Rolle und auch das Verhalten innerhalb einer Handlung sei ein Prinzip, das häufig in kulturellen Einrichtungen praktiziert werde. Auch in neuen Events wie dem Krimidinner finden sich diese Grundregeln wieder. Allen, die sich für Reenactement oder Larp interessieren, rät Smotrycki: „Nicht nur gucken, einfach selbst ausprobieren!“

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