Tag der Menschen mit Behinderung: In Sachen Inklusion muss noch eine Menge getan werden

Tag der Menschen mit Behinderung : In Sachen Inklusion muss noch eine Menge getan werden

Egal ob Freizeitgestaltung oder Arbeitsalltag: In Sachen Inklusion gibt es in Stolberg noch viel zu tun. Das zeigt auch ein Besuch beim Verein Tabalingo.

Aus der Turnhalle ertönt laute Musik, die auch im kleinen Vorraum bestens zu hören ist. Plötzlich fliegt die Türe auf und eine Gruppe Kinder stürmt hinaus. Sie wollen nur einen kleinen Schluck trinken, dann geht es weiter mit dem Training. Erneut ertönt Musik. In der Halle beginnen die Kinder zu tanzen. Dann schließt sich die Türe.

Im Vorraum warten drei Mütter auf ihren Nachwuchs. Die Frauen sind gut aufgelegt, scherzen und tauschen sich aus. Bereits seit Jahren kennt man sich und kommt beim Training der Kinder regelmäßig zusammen. „Eigentlich fehlen uns nur noch Kaffee und Kuchen“, sagt eine von ihnen. Sie lachen.

Vorreiterrolle in der Region

Bei diesem Freizeitangebot geht es allerdings um mehr, als nettes Beisammensein in einer gemütlichen Atmosphäre. „Hier können unsere Kinder so sein, wie sie sind. Es ist schön zu sehen, dass es den Kindern hier so gut geht“, bringt es eine weitere Mutter auf den Punkt. Alle Eltern, die an diesem Nachmittag den kleinen Raum betreten, haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben ein Kind mit Handicap und haben sich beim Verein Tabalingo kennengelernt. Ein Angebot, das eine Vorreiterrolle in der Region eingenommen hat, auf der anderen Seite allerdings auch zeigt, wie viel sich in Sachen Inklusion noch tun muss.

Auch Fußball wird dort zur Freizeitgestaltung angeboten. Foto: Ursula Espeter

Dieser Meinung sind auch etliche Eltern, die während des Trainings in dem Vorraum Platz nehmen. Aus Eschweiler, Roetgen und sogar aus Titz sind sie nach Stolberg gekommen, weil es derlei Angebote in ihrer Kommune nicht gibt.

Jeder siebte Stolberger ist schwerbehindert

Nur schwer nachvollziehbar, wenn man einen Blick auf die aktuellen Zahlen wirft. Alleine in Stolberg gibt es rund 8000 Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Das sind knapp 14 Prozent der gesamten Bevölkerung oder anders gesagt: Fast jeder siebte Stolberger ist betroffen.

Was man unter dem Begriff Behinderung versteht? Laut Sozialgesetzbuch ist eine Behinderung so definiert: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft beeinträchtigt ist“.

Wie begrenzt die Teilhabe am Leben der Gesellschaft – vor allem in der Gestaltung der Freizeit – wirklich ist, weiß man bei Tablingo bestens. Warum es nicht mehr Freizeitangebote für Menschen mit Handicap gibt? Ursula Espeter hat dafür gleich mehrere Gründe auf Lager. Sie selbst hat eine Tochter mit Behinderung. Weil es keine entsprechenden Angebote in der Region gab, gründete Espeter 2010 den Verein Tabalingo. Seit 2011 ist die ehemalige Nerzfarm auf dem Donnerberg der Sitz des Vereins. Integrativ-inklusive sportliche und kulturelle Freizeitaktivitäten für Menschen mit und ohne Behinderung bietet der Verein an. Rund 400 Menschen nutzen das Angebot.

Espeter ist selbst Trainerin und erinnert sich daran, dass die Einheiten gerade in den Anfangszeiten nicht immer nur glatt liefen. „Als Trainer ist man es gewohnt, dass man etwas macht und alle anderen es nachmachen. Das war hier anders. Erst einmal haben mich alle nur angeguckt. Das Problem ist oft, dass man nur wenig Resonanz bekommt“, sagt sie. Doch Espeter gab nicht auf. Heute weiß sie, dass ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang die Strenge ist. „Man kann niemanden zu etwas zwingen, aber manchmal ist es wichtig, etwas zu ziehen, um die Kinder aus ihrer Lethargie rauszuholen.“ Das würde sich allerdings nicht jeder, der mit behinderten Menschen arbeitet, auch trauen.

Die Arbeit bei Tabalingo ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Auch Schwarzlichttanzen wird dort angeboten. Foto: Ursula Espeter

Bei Tabalingo erfahren viele Familien und gerade Kinder das, was sie teilweise lange gesucht haben, erzählen die Mütter. „Für uns ist es selbstverständlich geworden, aber es ist ein tolles Angebot. Würde es Tabalingo nicht geben, ständen wir mit unseren Kindern auf dem Schlauch“, bringt es eine Mutter auf den Punkt. Auch den Austausch untereinander schätzen die Frauen. „Man braucht gar nicht viel zu erklären. Unsere Kinder sind ja aus einem bestimmten Grund hier“, sagt eine Mutter während sie ihr Strickzeug auspackt.

In Sachen Inklusion muss sich also noch eine Menge ändern. Und das nicht nur im Bereich der Freizeitgestaltung. Rund 200 Kinder an den Stolberger Schulen haben einen festgestellten Förderbedarf. Ein Blick auf die aktuellen Arbeitslosenzahlen ist auch eindeutig: 6,8 Prozent der Arbeitslosen in Stolberg haben eine Schwerbehinderung. In Zahlen sind das 153 Menschen. In der Städteregion liegt der Wert bei 56 485 oder 10,2 Prozent, wie die Agentur für Arbeit Aachen-Düren mitteilt. Der Schnitt in Nordrhein-Westfalen liegt bei 9,9 Prozent. Interessant: Bei 2,6 Prozent der Schwerbehinderten in der Städteregion ist die Behinderung angeboren, bei rund 95 Prozent wurde sie durch eine Krankheit verursacht. Beim Rest sind meist Unfälle dafür verantwortlich. Bei den 15- bis unter 65-Jährigen liegt der Wert der Schwerbehinderten in der Städteregion bei 5,8 Prozent. In NRW sind es 6,4 Prozent.

Teilhabe am Arbeitsleben oft noch schwierig

Ulrich Käser, Leiter der Agentur für Arbeit Aachen-Düren, würde sich wünschen, dass mehr Arbeitgeber Menschen mit Handicap eine Chance geben würden. In der Arbeitsagentur gebe es eine Menge qualifizierter Menschen. Deren Einstellung sei auch für die Arbeitgeber eine große Chance. Die Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Handicap hat sich auch die Stolberger Verwaltung für das kommende Jahr auf die Fahne geschrieben. Es ist eines von 24 Projekten aus dem Aktionsplan Inklusion. Ein Drittel davon wurde bereits umgesetzt.

In der Stolberger Verwaltung habe man mit dem Thema Teilhabe am Arbeitsleben bereits Erfahrungen machen können, sagt Stolbergs Erster Beigeordneter Robert Voigtsberger. Im kommenden Jahr wolle man neue Akzente setzen und drei weitere Praktikumsplätze in der Verwaltung anbieten. Das Angebot soll sich vor allem an Menschen mit geistiger Behinderung richten. Die ersten Interessenten gebe es bereits, so Voigstberger.

Ein weiteres Projekt: der Begegnungstag Inklusion. Bei der zweiten Auflage soll die UN-Behindertenrechtskonvention im Fokus stehen, die es 2019 seit zehn Jahren gibt. Kabarettist Rainer Schmidt wird nach Stolberg kommen, um zunächst mit Schülern zu diskutieren. Auch eine Podiumsdiskussion im Museum Zinkhütter Hof ist geplant. Momentan würden Einladungen an interessante Gesprächspartner verschickt, erklärt Inklusionsbeauftragter Lukas Franzen. Für den Begegnungstag sind zudem Mitmachaktionen geplant. So will man auch mit jüngeren Menschen ins Gespräch kommen und ihnen das Thema Behinderung nahebringen.

Ursula Espeter weiß, dass das gar nicht so einfach ist. Wenn es um das Thema Inklusion gehe, fühlen sich meist nur Menschen mit Behinderung angesprochen und nicht die anderen, sagt sie. Trotzdem findet sie es gut, dass sich die Stadt dem Thema stellt. Nur die Politik könne ab und zu ein wenig langsam sein, sagt Espeter und lacht. Deshalb sei es umso wichtiger, dass man am Thema dranbleibe. Dass Ursula Espeter damit beste Erfahrungen hat, weiß man, wenn man sich mit der Entwicklung des Vereins, der sein Angebot in den vergangenen Jahren immer weiter ausbaute, beschäftigt.

Bald schon soll es weitergehen. Geplant ist der Ausbau des Schwimmbads. Dieses ist bereits vorhanden, muss aber neu gestaltet werden. Espeter hofft, dass die Dachfläche darüber ebenfalls ausgebaut werden kann. Außerdem würde sie gerne Tischtennis anbieten. Schließlich sei das der zweitgrößte Verband nach dem Fußball. Seit drei Wochen haben die Mitglieder auch die Möglichkeit, Darts zu spielen.

Ein weiteres Thema, das bei Tabalingo eine wichtige Rolle spielt: die Kommunikation. Dort werden beispielsweise Verträge in leichter Sprache abgeschlossen. Ein Thema, das auch die Stolberger Verwaltung im kommenden Jahr aufgreifen möchte. In Kooperation mit der Volkshochschule soll es Kurse zum Thema einfache Sprache geben. „Sprache kann auch eine Barriere sein, die es gilt zu überwinden. Es gibt Kurse für Word oder Excel warum nicht auch für einfache Sprache?“, sagt Lukas Franzen. Verstehen und Verständnis sind auch für Ursula Espeter wichtige Aspekte. „Ich kann viele Dinge verstehen und ich möchte ein Mensch sein, der weiterhilft“, sagt sie.

Bleibt nur noch die Frage, wo Ursula Espeter ihre ganze Energie hernimmt? Kraft geben ihr die Menschen, mit denen sie täglich zusammenarbeitet. „Die Kids hier müssen von Geburt an so viel aushalten. Sie zeigen uns, dass man trotzdem glücklich sein kann. Das lerne ich von ihnen.“ Diese Einstellung schätzen auch die Eltern. „Es müsste viel mehr Angebote wie dieses geben. Das würde den Eltern vieles erleichtern und es wäre auch für die Kinder einfacher, Gleichgesinnte zu treffen. Aber dazu braucht man Leute wie Ursula, die das so leben“, meint eine Mutter.