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Die Archivale des Februars: In der Akte wird die Ehefrau als „irre“ geführt

Die Archivale des Februars : In der Akte wird die Ehefrau als „irre“ geführt

Ämterweise stellt das Stadtarchiv Stolberg Archivalien vor, die aus den unterschiedlichen Ämtern und Abteilungen der Kommunalverwaltung überliefert sind. Dabei lassen sich so manche Geschichte über Ehekrisen und „Irre“ Frauen finden.

Das amtliche Schriftgut stellt den Kernbestand öffentlicher Archive dar und bildet somit den Hauptteil archivischer Überlieferung und historischer Forschung.

Die Akte GR 1152 der ehemaligen Gressenicher Gemeindeverwaltung handelt von der Unterstützung der Ehefrau des Schreinergesellen Wilhelm Heidbüchel aus Kreuzau durch den Tagelöhner Arnold Scholl aus Mausbach sowie die Armenverwaltung.

Heute ist das ‚Sozialamt‘ mit Aufgaben betraut, die im 19. und bis ins 20. Jahrhundert in Zuständigkeit der ‚Armenverwaltung‘ lagen.

Über Arnold Scholl erzählt die Akte nichts, sehr viel mehr über Wilhelm Heidbüchel. Er lebte getrennt von seiner Frau Maria Catharina, die zeitweise in Aachen in der „Annunziaten-Anstalt“ untergebracht war, also in Obhut der Fürsorge des dortigen Annuntiatenklosters. Die Kirchengemeinden und Klostergemeinschaften hatten über Jahrhunderte die Armenfürsorge maßgeblich gefördert, bis kommunale und staatliche Behörden zuständig wurden.

Artikel 1 der Vereinbarung beinhaltet, „Der Arnold Scholl verpflichtet sich“, die Maria Catharina Heidbüchel „zu sich in Aufbewahrung und Verpflegung zu nehmen, derselben die zu ihrem Unterhalth erforderliche Nahrung und Kleidung zu gewähren und im Übrigen für eine derartige Berücksichtigung Sorge zu tragen, daß durch dieselbe das Publikum in keiner Weise belästigt oder gefährdet wird“.

Als fremde, berufslose oder wohnungslose Person war man schnell verdächtig und gesellschaftlich ausgeschlossen. Die konkreten sozialen wie individuellen Hintergründe lassen sich nur erahnen. Die Akte weist jedoch andernorts aus, dass die Ehefrau als „Irre“ geführt wurde.

Die Sorge vor Belästigung der Öffentlichkeit ist damit geklärt, der Trennungsgrund auch, jedoch nicht, von wem die Trennung ausging. Arnold Scholl, als Tagelöhner selbst am Rande der Gesellschaft und ohne besondere Mittel, erhielt monatlich 84 Thaler, „die Kosten für Medikamente und ärztliche Behandlung trägt die Armen-Verwaltung“ heißt es weiter.

Dieser Inhalt von Artikel 2 ist daraufhin gerichtet, dass nicht an medizinischer Versorgung der Hilfebedürftigen gespart werden würde.

Die Akte erzählt viel über den Schreiner Heidbüchel, der aus Bergheim, Gemeinde Kreuzau, stammte. Ein Dokument der Gemeinde Körbecke, Kreis Soest, beschreibt ihn als etwa 1,60 groß, dunkelhaarig, mit einer Narbe auf der linken Hand und 29 Jahre alt. Über Solingen, Köln und Düren erreichte er im Juni 1856 Stolberg.

Bürgermeister Friedrich von Werner protokollierte dort den Lebensweg von Wilhelm Heidbüchel, der erklärte, dass seine Frau ohne sein Wissen von Merzenich, wo sie kurzzeitig ansässig waren, nach Lammersdorf gezogen war. In Lendersdorf hatte er seine Lehre als Schreiner gemacht und in der Folge Tätigkeiten in Düren, Gürzenich, Vossenack, Lendersdorf und Simmerath angenommen, wo er auch seine Frau ehelichte.

Von Werner hatte ihm „strengstens“ aufgetragen, „daß er sich sofort nach Mausbach“ zu begeben habe und dort „den Unterhalth seiner Ehefrau bei Arnold Scholl zu übernehmen und ohne diesseitige Erlaubniß […] nicht von dort zu entfernen habe.“

Schließlich hatte er in seiner Doppelfunktion auch als Bürgermeister der Gemeinde Gressenich selbst den Vertrag für die Versorgung der Maria Catharina Heidbüchel mit unterzeichnet. Die Unterschrift unter dem Dokument war von Arnold Scholl, wie so oft im frühen 19. Jahrhundert, mangels Kenntnis des Schreibens mit drei Kreuzen als Handzeichen bestätigt worden.

Dieser kleine Einblick des Archivales bildet nur einen kleinen Ausschnitt der Abläufe ab, die in einem vollständigen Lebensbild von den Einzelschicksalen von Maria Catharina und Wilhelm Heidbüchel zu erzählen wären. Nicht viele vergleichbare Akten der Armenverwaltung liegen vor. Und persönliche Biografien tragen nur wenig zur ,großen‘ Geschichte bei.

Aber auch sie sollen irgendwann erzählt werden. Natürlich erst, wenn jeder gesetzmäßige Persönlichkeitsschutz abgelaufen ist, da persönliches erst einmal auch immer vor allem privat ist. Dann tragen auch die ‚kleinen‘ Geschichten bei zum Verständnis der vergangenen Lebenswelt.

Das Stadtarchiv beherbergt und sammelt als Historisches Kompetenzzentrum und ‚Gedächtnis der Stadt‘ Akten, Urkunden, Bilder, Bücher, Zeitungen, Nachlässe und andere Sammlungen der Stadtgeschichte. Historische Unterlagen aus allen Stadtteilen stehen dort interessierten Bürgern für Forschung, Wissenschaft und Bildungsarbeit zur Verfügung.