Stolberg: Historiker Armin Meißner nimmt Zuhörer mit ins Jahr 1288

Stolberg: Historiker Armin Meißner nimmt Zuhörer mit ins Jahr 1288

Wenn Historiker Armin Meißner angekündigt wird, wissen Liebhaber lebendiger Geschichte, dass sie ein spannender Abend erwartet. Der Saal im Haus Rosenthal war mit etwa 40 interessierten Gästen auf Einladung des Stolberger Heimat- und Geschichtsvereins gut besucht, als der begehrte Referent die Schlacht von Worringen im Jahr 1288 vorstellte.

Worringen ist heute ein Stadtteil von Köln und das blutige Ereignis lange her, doch Meißner erklärte anschaulich, warum dieses ferne Ereignis für die Menschen heute von Bedeutung ist. In dieser Schlacht, damals vor den Toren der Stadt Köln nahe der Burg von Worringen, kämpften Ritter aller Landesherren, die in unserer Region Rang und Namen hatten. Der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg, selbst zu Pferde mit Helm und Mitra am Kampf teilnehmend, wie Meißner betonte, ging zusammen mit seinen Verbündeten, den Grafen von Luxemburg und von Geldern gegen den Hauptrivalen, Herzog Johann von Brabant, vor. Ihn unterstützten die Grafen von Jülich und von Berg wie auch Truppen der Stadt Köln, die mit ihrem Kurfürsten alles andere als einig war.

Mit Karten und Fotos von eindrucksvollen Modellen, die das Schlachtgeschehen und ihre Teilnehmer anschaulich illustrierten, führte der Eschweiler Historiker aus, wie man sich das bedeutende Ereignis des Mittelalters vorstellen müsse. Meißner war es wichtig, nicht zu tief in die komplexen Fragen der Militärgeschichte einzudringen, sondern einen anschaulichen Überblick der Verhältnisse der Zeit zu geben. Der mit Archäologie, Heraldik, und Waffenkunde vertraute Fachmann erläuterte, wie Kampf und Diplomatie im Mittelalter jenseits von Hollywood-Klischees aussahen. So erfuhren die Zuhörer, dass in jener Zeit Pferde weitaus kleiner waren, als man heute gewohnt ist, und auch nicht im schnellen Galopp in die Schlacht reiten konnten, denn der Reiter mit seiner Rüstung aus Kettenhemd, Lederstücken und Blechverstärkungen war dafür einfach zu schwer.

Der Historiker, der seine Begeisterung für die experimentelle Archäologie und das so genannte „Reenactment“ betonte, verwies beispielsweise auf das wenig komfortable Tragen eines damaligen Topfhelms. Im Reenactment wird versucht, historische Techniken und Materialien in Praxistests zu testen und so Erkenntnisse zu erlangen.

Meißner hatte im Selbstversuch bereits einen Topfhelm getragen und resümierte für das Schlachtgeschehen: „Die Ritter sind wahrscheinlich einfach geradeaus geritten und wenn’s „Klöng“ macht, habe ich einen Feind erwischt!“ Denn die Augenschlitze waren sehr eng und Schweiß und Staub taten ihr Übriges, dass die Sicht auf das Schlachtfeld sehr eingeengt gewesen sein muss. Was nun Auslöser und Ursache für diese Auseinandersetzung war, hatte der Referent in seiner bekannten fundierten und anschaulichen Art zu Beginn ausgeführt. Die Landesfürsten der heutigen Gebiete Nordrhein-Westfalens, der Niederlande und Belgiens stritten um das Limburgische Erbe. Die Herzogin Irmgard von Limburg war 1283 gestorben und die Erbfolge war jahrelang umstritten. Der Entscheid des deutschen Königs Rudolf in dieser Frage war wirkungslos, da er im Westen seines Reichs praktisch keine Macht besaß. Das kleine Herzogtum in der Mitte dieses geografischen Bereichs hatte einen entscheidenden Vorteil und war daher begehrt: Es lag an mehreren wichtigen Handelsrouten, wie die Mitglieder und Gäste des Geschichtsvereins erfuhren, an denen alle Regionalfürsten großes Interesse besaßen. Der Kölner Erzbischof wollte es für sich gewinnen, während sich verschiedene Erbberechtigte verständigten, den Herzog von Brabant als Erben einzusetzen. Auch im Mittelalter ging militärischer Konfrontation meist jahrelange Diplomatie voraus, die endgültig am 5. Juni 1288 scheiterte, als die Heere sich morgens um neun Uhr zur Entscheidung versammelten. „Es war das ‚Who is who‘ zwischen Flandern und Berg“, unterstrich Meißner, wer sich dort an Rittern und Adligen auf dem Schlachtfeld traf.

Unter den etwa 12000 bis 25000 Kämpfenden waren auch Herren von Reifferscheid, von Nesselrode und von Overstolz, aus deren Nachkommenschaft später Burgherren in Stolberg hervorgingen. Nach sieben Stunden Kampf war Johann von Brabant der große Sieger, sein Kölner Widersacher Siegfried von Westerburg besiegt und gedemütigt, der Großteil des Luxemburger Adels umgekommen. „Eine weltpolitische Bedeutung“ dieser Schlacht resümierte der Kenner vieler historischer Epochen, da mit dem Fall Limburgs an Brabant die Grenzverläufe und Herrschaftsverhältnisse für Jahrhunderte bestimmt wurden. Die heutigen territorialen Verhältnisse gehen auf die Ergebnisse der Schlacht von 1288 zurück, ebenso die Gründung der Landeshauptstadt Düsseldorf, die nur durch die politische Schwächung Kölns möglich wurde. Die Zuhörer erlebten einen vielfältigen Vortrag als Angebot des Stolberger Heimat- und Geschichtsvereins.