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Helfer retten Stadtarchiv nach Hochwasser in Stolberg

Bergungsaktion für das Stadtarchiv : Wie Hunderte Freiwillige das Gedächtnis Stolbergs retteten

Als die Vicht mit Urgewalt durch Stolbergs Altstadt schäumte, Autos mitriss und Ladenlokale zertrümmerte, lief verborgen im Keller des Rathauses ein weiteres Drama ab: Das Stadtarchiv wurde vollständig überflutet. Doch es folgte eine zweite Welle – eine der Hilfe.

Das unaufhörliche Dieselrasseln eines Notstromaggregates dröhnt über den Kaiserplatz. THW-Helfer rufen, ein Sprechfunkgerät rauscht und knackst. Im Rückwärtsgang schiebt sich ein riesiger blauer Kieslastwagen über den Sand, mit dem notdürftig die Lücken im Pflaster geflickt wurden, die das Hochwasser gerissen hat. Im Herzen der von der Flutkatastrophe schwer getroffenen Stadt ist das große Aufräumen im Gange.

Auch vor dem Alten Rathaus wird gearbeitet, doch hier geht es leise zu. Konzentriert. Freiwillige Helferinnen und Helfer stehen über Tische gebeugt, auf denen alte Landkarten und Pläne ausgebreitet sind. Mit Lappen und Schwämmchen tupfen vorsichtige Hände Schlamm und Dreck von Papier, Pergament und Schreibleinen.

„Stadtgemeinde Stolberg“ steht in schnörkeliger Schleifschrift auf dem geschätzt 140 Jahre alten Straßenplan, den drei junge Frauen gerade vorsichtig auf einem Tisch ausbreiten. Eher zufällig waren sie vorbeigekommen und halfen spontan. „Es ist ja Geschichte, die hier verloren gehen würde“, sagt Louise Papst. „Es wäre sehr traurig, wenn das alles weg wäre.“ Wie lange wollen sie mitmachen? Friederike Peters lacht und zuckt mit den Schultern. „Wir haben ja noch ein paar Schubladen vor uns.“

Hunderte Helfer retten Stolbergs Gedächtnis

An den Treppenstufen neben ihnen verladen Bundeswehrsoldaten in Tarnanzügen Holzpaletten voller Umzugskartons, eingeschweißt in schwarze Plastikfolie, in einen olivfarbenen Lastwagen. „Wir sind hier mit sechzehn Mann seit Freitag, 14 Uhr, im Einsatz“, sagt Hauptfeldwebel Florian Schmidt von der Technischen Schule des Heeres in der Donnerberg-Kaserne. Es sind Ausbilder und Lehrgangsteilnehmer, „die haben sich alle sofort freiwillig gemeldet“. Den Männern läuft in der Sonne, die unschuldig vom wieder blauen Julihimmel strahlt, der Schweiß von der Stirn.

Am Rande des Geschehens steht eine Frau in blauem Overall. „Wasser ist das Schlimmste für ein Archiv“, erklärt Dorothea Oelze und wischt sich eine Schlammspur von der Wange. Sie ist Archivarin im Stadtarchiv in Aachen und leistet nun, wie etliche ihrer Kollegen, nachbarschaftliche Hilfe. Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs im Jahr 2009 haben sich Archive im Rheinland zu einem Notfallverbund zusammengeschlossen, um sich im Katastrophenfall zu unterstützen.

„Wasser zersetzt das Papier, lässt die Tinte verlaufen, es folgen chemische Prozesse und Schimmelbildung“, begründet Oelze die Dringlichkeit der Bergung. „Eine einzige von Schimmel befallene Akte kann ihre ganze Umgebung kontaminieren.“ Will man ein abgesoffenes Archiv retten, sei das Allerwichtigste darum: Tempo, Tempo.

In der langen Eingangshalle des Rathauses, die sich quer durch das Erdgeschoss zieht, herrscht an Tempo kein Mangel. Freiwillige und Soldaten haben sich zu Ketten gereiht. Große graue Pappkartons wandern von Hand zu Hand, aus einigen tropft noch das Wasser. Darin: Akten. Dicke und dünne Pappordner und Mappen mit Schriftstücken und Unterlagen aller Art aus mehreren Jahrhunderten. Die durchweichten Kartons werden geöffnet, der Inhalt herausgenommen, in Klarsichtfolie gewickelt und beschriftet. Und ab auf die Palette damit. Der Bundeswehr-Lkw auf dem Platz vor dem Rathaus ist fast schon bis unter die Plane voll.

Das Ziel der kostbaren Fracht: Troisdorf im Süden von Köln. Dort sollen die Akten in einem speziellen Kühlhaus schockgefrostet werden, erklärt Anna Katharina Fahrenkamp. Sie ist vom Archivberatungszentrum des Landesverbandes Rheinland in Pulheim nach Stolberg geschickt worden. „Durch das Einfrieren wird das Zusammenkleben und Schimmeln verhindert.“ Bei minus 20 Grad sind die Unterlagen etwa ein Jahr lang haltbar, dann spätestens muss die Restaurierung eingeleitet werden. Dafür werden die Dokumente zunächst in einem Vakuumverfahren so aufgetaut, dass dabei ihnen die Feuchtigkeit vollkommen entzogen wird. „Sie gehen vom gefrorenen direkt in den trockenen Zustand über“, erklärt Expertin Fahrenkamp. Dann könne die eigentliche Arbeit des Reinigens und Restaurierens beginnen.

 Premiere für den roten „Kulturgutschutz-Container der Feuerwehr Köln: In ihm kann Archivmaterial gereinigt und verpackt werden.
Premiere für den roten „Kulturgutschutz-Container der Feuerwehr Köln: In ihm kann Archivmaterial gereinigt und verpackt werden. Foto: MHA/Marc Heckert

Die Treppe ins Untergeschoss des Rathauses ist schlammbespritzt, auf den Stufen steht noch das Wasser. In einem völlig verwüsteten und verdreckten Kellerraum stehen Stolbergs Stadtarchivar Christian Altena und seine Aachener Kollegin Nicole Brillo zwischen Regaltrümmern und Bergen deformierter Aktenordner und mustern das Ausmaß der Zerstörung.

Hilflos musste Altena am Mittwochnachmittag miterleben, wie das Wasser auf dem Kaiserplatz stieg und stieg. Viel höher, als je befürchtet wurde. Und schließlich in die ausgedehnten Räume im Untergeschoss des Gebäudes strömte. 2000 laufende Regalmeter auf rund 250 Quadratmetern Fläche: das Gedächtnis der Kupferstadt. Am Ende stand das braune Wasser selbst in der Eingangshalle darüber noch rund 30 Zentimeter hoch.

 Selbst an der Decke klebt der Schlamm: Im völlig verwüsteten Keller untersuchen Stolbergs Archivar Christian Altena und seine Aachener Kollegin Nicole Brillo das Ausmaß der Schäden.
Selbst an der Decke klebt der Schlamm: Im völlig verwüsteten Keller untersuchen Stolbergs Archivar Christian Altena und seine Aachener Kollegin Nicole Brillo das Ausmaß der Schäden. Foto: Marc Heckert

Archivalien sind unersetzlich. Zusehen zu müssen, wie das eigene Lebenswerk vernichtet wird, dürfte für jeden ein Alptraum sein, der sein Handwerk mit Herzblut betreibt. Altena versuchte, Hilfe zu organisieren, aus seinen Beiträgen auf Facebook sprach pure Verzweiflung. Doch die Einsatzkräfte waren mit dem Retten von Menschenleben voll ausgelastet.

So versanken alle Akten der einstigen Gemeinden Stolberg, Gressenich und Zweifall – Schätze aus mehreren Jahrhunderten – in den schlammigen Fluten. Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden, historische Karten und Pläne. Gesetzesblätter aus der französischen Zeit. Dazu aktuelles Material: Tausende und Abertausende von Bauakten, Pläne für jedes Haus in Stolberg, alle Grundstücke und Straßen. Daten, die ständig von der Stadtverwaltung benötigt werden.

Alles verloren? Oder alles noch zu retten? Altena überlegt. „Es war ein Glück, dass nach der Flut sofort abgepumpt wurde und wir gleich loslegen konnten“, sagt er. „Ich denke, wir haben eine überwiegend gute Prognose.“

Und die zweite Welle, die der Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung, war ähnlich gewaltig wie die Flut. Auf Facebook gründete die Stolbergerin Karin Kiesewetter eine Gruppe namens „Unser Stadtarchiv Stolberg – Initiative zum Wiederaufbau“. Fast 300 Helfer trommelten die Aktiven zusammen, koordinierten sich, besorgten Material in Eigenregie. Machten, taten, packten an.

Warum? „Christian Altena hat es in den letzten Jahren geschafft, durch sein Engagement und seine Begeisterung, das Archiv zu öffnen und uns klar zu machen, dass das nicht nur Akten des Rathauses sind, sondern unsere Geschichte“, begründet Karin Kiesewetter ihre Hilfe. „Corona hat uns Kultur und Kunst in so vielen Bereichen gestohlen, da bin ich nicht bereit, auch noch die Geschichte kampflos aufzugeben.“

Baumärkte, Firmen und Speditionen spendeten Kartons, Folien, Schwämme, Aufkleber und Transport-Lastwagen. Ein permanenter Strom von Freiwilligen half am Rathaus bei der Bergung des Archivguts. Archivarin Nicole Brillo konnte nur staunen. „Es haben sich Leute gemeldet, die haben gesagt: Unsere Wohnung gibt es nicht mehr, darum helfen wir jetzt hier.“ Selbst aus Leer in Ostfriesland kamen Unterstützer angefahren. Die Stadt Homburg im Saarland schickte Pumpen. Einfach so.

„Ich bin völlig erschlagen von dieser unfassbaren freiwilligen Unterstützung“, sagt Christian Altena. So wie sich niemand die Katastrophe ausgemalt hatte, so hatte sich auch niemand das Ausmaß der Hilfe vorstellen können. „Noch nie in meinem Leben lagen Horror und Begeisterung so eng beisammen.“

Vor dem Rathaus tragen zwei junge Männer einen Kasten mit Bechern, Brot und Getränkeflaschen zu den Helfern an den Tischen. „Möchte jemand Suppe?“ – „Hier!“, „Gerne!“ Ein kurzer Dialog: „Woher kommt ihr?“ „Vom Moscheeverein.“ „Danke euch!“ Die Stärkung ist willkommen. Dann geht die Arbeit weiter. Der große Keller ist noch lange nicht leer.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Einzigartige Rettungsaktion für Stolbergs Archiv