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Tag gegen Gewalt an Frauen: Häusliche Gewalt, das Leid der Kinder und das Problem mit dem Umgangsrecht

Tag gegen Gewalt an Frauen : Häusliche Gewalt, das Leid der Kinder und das Problem mit dem Umgangsrecht

Wird ein Elternteil Opfer von häuslicher Gewalt, hat das Auswirkungen auf Kinder. Da sind sich Adnan Akyaman-Wagner und Melissa Harbauer vom Stolberger Jugendamt einig. Das Umgangsrecht bleibt oftmals trotzdem bestehen.

Ein Ehepaar, nennen wir es Herr und Frau K., lebt mit seiner Familie in Stolberg. Auf den ersten Blick sind die Ks. eine „ganz normale“ Familie. Sie gehören der Mittelschicht an. Doch ein Elternteil hat die gesamte Wohnung mit Kameras ausgestattet, um den Partner zu überwachen und zu kontrollieren – 24 Stunden am Tag.

Mit Fällen wie diesen habe das Jugendamt der Stadt Stolberg rund fünf bis sechs Mal im Jahr zu tun, berichtet Adnan Akyaman-Wagner. Er leitet die Abteilung Allgemeine Soziale Dienste und weiß, welche Auswirkungen ein solches Verhalten der Eltern auf ihre Kinder hat. „Wenn man von Gewalt redet, denkt man in erster Linie an körperliche Gewalt. Dabei wird oft psychische Gewalt ausgeübt. Die steht leider nicht so im Fokus, weil oft das Wissen fehlt, welche Konsequenzen sie für Kinder hat. Mit dieser Form von Gewalt haben wir es bei Kindern aber am häufigsten zu tun.“

Für ihn und seine Kollegin Melissa Harbauer ist klar: „Häusliche Gewalt ist in unserem Arbeitsalltag sehr präsent. Es ist egal, in welcher Qualität sie vorkommt, sie hat immer einen Einfluss auf die kindliche Entwicklung.“ Das gelte auch für die Situationen, die Kinder nicht mit eigenen Augen sehen. „Wenn sich ein Kind in einem anderen Zimmer befindet und hört, was passiert, ist das meistens noch viel schlimmer. Dann fangen Kinder nämlich an, sich eigene Bilder vorzustellen.“

In ihrer täglichen Arbeit müssen Melissa Harbauer und Adnan Akyaman-Wagner allerdings immer wieder feststellen, dass häusliche Gewalt nicht unbedingt Grund für einen Umgangsausschluss ist. „Wir sind da auf zwei verschiedenen Feldern unterwegs. Auf der einen Seite steht die Kindeswohlgefährdung. Auf der anderen Seite ein Grundrecht der Eltern. Wäre es für uns als Jugendamt wünschenswert, wenn in solchen Fällen erst einmal kein Umgang stattfinden würde? Natürlich wäre es das. So könnte man dem Kind den nötigen Raum geben, den es in diesen Situationen braucht“, sagt Adnan Akyaman-Wagner.

Immer wieder erleben er und seine Kollegen, dass sich Anwälte bei Gericht auf den sechsten Artikel des Grundgesetzes berufen. In diesem heißt es unter anderem: „Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur aufgrund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.“ Zudem seien Pflege und Erziehung der Kinder das „natürliche Recht der Eltern“.

„Unsere Aufgabe ist es dann einzuschätzen, welche Folgen die Situation auf das Kind hat, um so eine geeignete Form des Umgangs finden zu können“, sagt Akyaman-Wagner. Diesbezüglich gebe es verschiedene Möglichkeiten. So könne der Umgang beispielsweise in den Räumen des Jugendamts stattfinden, von Verwandten begleitet werden oder die Mitarbeiter des Jugendamts kommen bei den Treffen von Elternteil und Kind hinzu.

Bei Gericht würden Kinder und Jugendliche zwar immer angehört. „Leider stellen wir jedoch fest, dass in dieser Hinsicht vieles von den Eltern abhängig ist. Nicht selten tätigen Kinder Aussagen, an denen man klar erkennen kann, dass sie vorher von der Mutter gebrieft wurden, weil Wortwahl und Gedanken nicht ihrem Alter entsprechend sind“, weiß Melissa Harbauer.

Gerade bei häuslicher Gewalt erleben die Mitarbeiter des Jugendamtes verschiedene Szenarien. „Es gibt auch Kinder, die sich mit dem Aggressor verbinden, weil sie darin den stärkeren Part erkennen und sich geschützt fühlen. Das ist nicht selten der Fall.“ Aber auch Angst spiele immer wieder eine Rolle. „Manche Kinder haben Angst davor, dass ihnen das gleiche passiert wie ihrer Mutter, wenn sie sagen, dass sie ihren Vater nicht mehr sehen wollen.“ Ein anderes Phänomen sei, dass Kinder versuchen, ihre Mütter zu schützen.

Natürlich gebe es vereinzelt auch Fälle, in denen die Mutter Gewalt ausübe, aber Adnan Akyman-Wagner macht deutlich: „Wir erleben, dass körperliche Gewalt eine männliche Domäne ist. Auch sozialer und wirtschaftlicher Druck gehen in erster Linie von Männern aus.“

In den meisten Fällen spielen zudem Süchte oder psychische Erkrankungen eine Rolle. „In meinen 15 Jahren im Stolberger Jugendamt gab es nicht einen Fall, in dem nicht eine Vielzahl von Problemen zu häuslicher Gewalt geführt hätte“, sagt Akyaman-Wagner.

Rückkehr zum Partner nicht ungewöhnlich

Das sind jedoch nicht die einzigen Beobachtungen, die die Mitarbeiter des Stolberger Jugendamtes immer wieder machen, wenn es um häusliche Gewalt geht. „Wenn eine Paarbeziehung eskaliert, steht oft nicht das Kind, sondern die eigene Verletzung im Vordergrund“, sagt Akyaman-Wagner. Und: „Hat sich ein Paar getrennt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Art der Beziehung wiederholt wird. Der Täter bleibt Täter und das Opfer bleibt Opfer.“ Akyaman-Wagner und Melissa Harbauer erleben zudem oft, dass Opfer von häuslicher Gewalt immer wieder zu ihren Partnern zurückkehren. „Es gibt Frauen, die uns erklären, dass ihr Mann sie zwar schlägt, aber er trotzdem ein guter Vater ist“, sagt Adnan Akyaman-Wagner.

In Fällen wie diesen fehle oft bei beiden Elternteilen die Einsicht dafür, was ihr Verhalten bei ihren Kindern auslöse. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder, die Gewalt in der Beziehung ihrer Eltern erleben, selbst gewalttätig werden, ist sehr hoch“, betont der Leiter der Allgemeinen Sozialen Dienste.

Damit das Wohl der Kinder mehr in den Fokus rückt, hat die Stadt München eine andere Lösung gefunden. Dort verfährt man nach dem sogenannten Münchener Modell. „Familiengerichte, Anwälte und Jugendämter haben dort einen Konsens gefunden“, erklärt Akyaman-Wagner.

In einem Sonderleitfaden ist unter anderem aufgeführt, dass das Umgangsrecht bei häuslicher Gewalt vorläufig ausgesetzt werden kann. Adnan Akyaman-Wagner ist von dem Modell überzeugt. „Wenn auch wir so arbeiten könnten, wäre das ein gutes Signal.“ Für Melissa Harbauer spielt jedoch noch ein anderer Aspekt eine wichtige Rolle. „Unser Fokus liegt auf den Kindern. Dadurch rückt die Kindsmutter oft etwas in den Hintergrund. Wir dürfen sie jedoch nicht aus den Augen verlieren. Es ist wichtig, dass wir Opfer von häuslicher Gewalt in unserem Rahmen schützen und an die richtigen Stellen verweisen.“

Wenn es zu häuslicher Gewalt kommt, wird das Jugendamt in erster Linie von der Polizei informiert. „Aber wir sind auch angewiesen auf die Bürger“, sagt Melissa Harbauer und fügt hinzu: „Sie sind die Kamera des Jugendamts, und wir gehen jeder Meldung nach.“