Gelbbauchunken in Stolberg ausgesetzt: Große Rettungsaktion für kleine Amphibien

Gelbbauchunken in Stolberg ausgesetzt : Große Rettungsaktion für kleine Amphibien

Wenn es eine Blume geben würde, die Stolberg symbolisieren könnte, was läge dann näher als das Galmeiveilchen? Die Kupferstadt ist eines der wenigen Fleckchen auf der Erde, wo genau dieses Veilchen gedeiht.

Bei der Suche nach einem vergleichbaren Tier, fällt der erste Blick zwar auf den mit Turnierkragen geadelten Löwen des Stadtwappens, aber selbst neun Jahrhunderte nach der ersten urkundlichen Erwähnung Stolbergs sind derartige Großkatzen in hiesigen Revieren nicht heimisch geworden. Jedoch zumindest in Fachkreisen ist die Kupferstadt berühmt für ihre unverhältnismäßig großen Vorkommen von Unken und Kröten, die allerdings Seltenheitswert haben.

Namentlich Gelbbauchunke, Geburtshelfer- und Kreuzkröte finden dort im Stadtgebiet noch letzte Rückzugsräume, wo der gemeine Stolberger möglichst nicht hinkommt: Zumeist in Steinbrüchen und auf Truppenübungsplätzen. Weil die aber – mit Ausnahme des Standortübungsplatzes in der Buschmühle – nicht mehr betrieben werden, verschwinden die letzten Lebensräume dieser Spezialisten unter den Amphibien.

Spezialisten in kargen Tümpeln

Sie lieben Kleinstgewässer wie Fahrspuren, Pfützen und kleine Wassergräben, die ohne großartigen Bewuchs und somit frei von konkurrierenden Arten und Fressfeinden sind. Der niedrige Wasserstand sorgt für eine schnelle Erwärmung und fördert so die Entwicklung von Laich und Larven. Trocknen die Tümpel aus, verkriechen sich diese Unken und Kröten – die eigentlich von Natur aus in Sumpfgebieten, Fluss- und Bachauen leben, die hier nicht mehr vorkommen – an schattigen und feuchten Plätzen an Land.

Oft sind sie in der Nähe ausgetrockneter Gewässer im Röhricht, unter Steinen oder Totholz und in Erdspalten zu finden. Den Winter überdauern sie in frostsicheren Quartieren im Wald unter morschen Baumstämmen, in Erdlöchern und -spalten, in Geröllfeldern, in teilweise mit Lehm gefüllten Steinhaufen oder Felsspalten und in Stollen von Steinbrüchen. Weil selbst diese Rückzugsorte immer seltener werden, hat die Biologische Station der Städteregion in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Naturschutz Stolberg/Eschweiler ein Förderprojekt erarbeitet, das mit Mitteln der EU und des Landes finanziert wird: Das Projekt „LIFE-Amphibienverbund“ ist im Januar 2017 gestartet und mit rund vier Millionen Euro ausgestattet, um die Vorkommen von Gelbbauchunke, Kreuzkröte und Geburtshelferkröte zu stärken und zu vernetzen.

Bereits im Januar hatte der Stadtrat dem Verkauf eines knapp 86.000 Quadratmeter großen Geländes innerhalb des Steinbruchs Vygen – zwischen Werth und Gressenich gelegen – an den Arbeitskreis Naturschutz zugestimmt. Damit dieser die Fläche als Lebensraum für gefährdete Tierarten entwickeln und sie dauerhaft für den Naturschutz sichern kann.

Die juvenilen Gelbbauchunken werden in die neu angelegten Gewässer gesetzt. Foto: Foto: Bettina Krebs/Biologische Station Städteregion Aachen

Dort hat die Geburtshelferkröte ihr noch größtes Vorkommen in der gesamten Städteregion. Die Kreuzkröte ist noch vorhanden. Aber die dort verschwundene Gelbbauchunke wird nun wieder angesiedelt.

Bombina variegata – wie diese Art wissenschaftlich genannt wird – ist in Nordrhein-Westfalen vom Aussterben bedroht. Sie kommt in der Städteregion aktuell nur noch in Stolberg mit acht kleinen bis mittelgroßen Beständen vor. Vier der Gebiete mit Gelbbauchunken-Vorkommen gehören zu dem europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000, es sind sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Gebiete. Dieser Gebietsstatus gibt den Tieren einen hohen Schutz, der Mensch ist seitens EU-Verordnung verpflichtet, die Art in diesen Gebieten zu erhalten.

„Die Gelbbauchunke war früher in der Städteregion sehr viel verbreiteter als das heute der Fall ist. Wir versuchen während der Projektlaufzeit mit verschiedenen Maßnahmen die Vorkommen der Gelbbauchunke so zu stärken und zu vernetzten, dass die Tiere selbst in der Lage sind, sich zu vermehren und auszubreiten“, erklärt Bettina Krebs, Leiterin des LIFE-Projekts.

Gleich nach dem Kauf haben Mitglieder des Arbeitskreises den Tümpel auf dem Steinbruchgelände hergerichtet. Jetzt nahmen Mini-Gelbbauchunken ihre neue Heimat in Besitz.

Über 1000 Jungtiere ausgesetzt

„Es werden mehr und hoffentlich sind es bald so viele, dass ihr Fortbestand gesichert ist“, sagt Bettina Krebs. Über 1000 junge Unken werden in die Freiheit entlassen.

Eine Gelbbauchunke nach der anderen wird in das Becken gesetzt. Die Jungtiere sind etwa Daumennagel-groß. Auch Kaulquappen werden in die extra für sie angelegten Teiche ausgesetzt. Knapp 600 Juvenile (Jungtiere) und rund 700 Kaulquappen hat Ben Crombaghs aus seiner Zuchtanlage in den Niederlanden mitgebracht. Mit einer Vermehrung von Gelbbauchunken aus der Region und einer Wiederansiedlung in Schutzgebieten sollen die wenigen verbliebenen Bestände gestärkt werden. Die gezüchteten Kaulquappen und Jungtiere sind die Nachkommen von Elterntieren aus dem Raum Stolberg.

Um Gelbbauchunken für die Wiederansiedlung zu gewinnen, wurden 2016 und 2017 Kaulquappen und gerade erst umgewandelte Unken (Metamorphlinge) in zwei Zuchtstationen gebracht. Eine Zucht wird von Natuurbalans-Limes Divergens BV in Nijmegen betrieben, die andere vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW in Metelen.

Bereits im vergangenen Jahr wurden 225 Jungtiere und Kaulquappen dort freigelassen, wo 2017 Tiere für die Zucht entnommen wurden. Der aktuelle Besatz hingegen ist eine Wiederansiedlung der Gelbbauchunke in einem Gebiet, in dem die Art vor 15 Jahren zum letzten Mal nachgewiesen wurde. Die Biologische Station und der Arbeitskreis Naturschutz arbeiten hier Hand in Hand. Der Arbeitskreis hat die Fläche zur Verfügung gestellt, im Rahmen des LIFE-Projekts wurden dieses Frühjahr mehrere Laichgewässer angelegt. In Kürze soll die nächste Aktion im Rahmen des Amphibienverbundes auf Stolberger Stadtgebiet erfolgen. Auf dem Birkengang und in Camp Astrid sollen neue „Amphibien-Pools“ entstehen.

In dem geschützten Landschaftsbestandteil am Donnerberg soll das vorhandene Gewässer optimiert werden. Anlieger der „Teufelsinsel“ hatten noch im vergangenen Jahr anhand der Rufe dort in Gärten zwei Geburtshelferkröten registriert. In den frühen 2000er Jahren gab es Frühjahrswochen, in denen die Kröten noch zu Tausenden die Straße „Steinfurt“ querten – und vielfach einfach überfahren wurden.

Jetzt sollen erst einmal Gehölze auf einem Bereich eines Hanges mit Südlage entfernt und das Gebüsch zwischen Bebauung und Teich gelichtet werden. Staudenknöterich wird entfernt im Bereich des Teiches, der für die Bedürfnisse von Kröten und Unken ausgestaltet wird. Rund 7000 Quadratmeter umfasst dieses Projektfeld, das gegebenenfalls um weitere 6000 Quadratmeter erweitert werden kann, um weitere Kleingewässer – jeweils höchstens zehn Quadratmeter groß – anzulegen.

Im Gewerbegebiet Camp Astrid wurden vor drei Jahren auf einem Baufeld Kreuzkröten entdeckt. Zwar hatte damals die Biologische Station Ersatzgewässer angelegt, die aber nicht angenommen wurden. Seinerzeit wurde mit Folien gearbeitet, was aber nicht funktionierte, wie Kai Kirst von der Biologischen Station jüngst im Ausschuss für Stadtenwicklung, Verkehr und Umwelt berichtete.

Nun setzt die Bio-Station auf Betonbecken. Einmal angelegt, sind sie leicht zu pflegen, so Kirst. Ausgesucht haben sich die Experten in dem Gewerbegebiet zwei Flächen, die ohnehin für das dortige Vorkommen der Schlingnatter durch Mahd oder Beweidung offen gehalten werden müssen.

Verbund von Lebensräumen

Fünf flache Betongewässer sind an dem einen Standort angedacht auf einer Fläche von 630 Quadratmeter – jeweils maximal 30 Quadratmeter groß und einen halben Meter tief. Ein bis zu ein Meter hoher Sandhaufen soll als Versteck am Tag und zur Überwinterung angeboten werden. Weitere fünf flache Betongewässer und ein Sandhaufen sind für den zweiten Standort im Camp avisiert. Sie summieren sich auf 100 Quadratmeter in einem insgesamt knapp 12.000 Quadratmeter großen Gebiet. Auch im Naturschutzgebiet Rüst wurde im vergangenen Jahr die Gelbbauchunke wieder entdeckt. Das hat die Biologische Station veranlasst, an einer felsigen Böschung mit Südlage Gehölze zu entnehmen und fünf Kleingewässer aus Brunnenringen „als Trittsteine“ anzulegen.

Zurück in den Steinbruch Vygen: „Wir sind mit dem Erfolg der Zucht bisher sehr zufrieden“, konstatiert Bettina Krebs, „hoffen wir, dass es so weitergeht und wir dazu beitragen können, dass sich der Erhaltungszustand der Art in der Städteregion und im Land stetig verbessert.“ Das LIFE-Projekt bringe den Amphibienschutz in der Städteregion ein gutes Stück voran Die Biologische Station setzt sich seit fast 20 Jahren für Gelbbauchunke & Co. ein.

Mehr von Aachener Zeitung