Gegen Langzeitarbeitslosigkeit: Projekt Viertel-Lab nun gestartet

Projekt Viertel-Lab gegen Arbeitslosigkeit : „Ich brauche diese aufmunternden Worte“

„Am Anfang habe ich gedacht, das ist wieder so eine Maßnahme“, sagt Anna (Name von der Redaktion geändert) während sie ihre Zigarette raucht. Seit elf Jahren ist die junge Frau arbeitslos. „So wie ich aussehe, stellt mich kein Mensch ein“, war sie sich lange sicher. Doch das hat sich geändert.

Anna ist Teil des Projekts Viertel-Lab, das mittlerweile gestartet ist. Das langfristige Ziel: Insgesamt sollen über die Projektlaufzeit von vier Jahren 360 Arbeitsuchende, Nichterwerbstätige und davon 200 langzeitarbeitslose Menschen in Stolberg für den Arbeitsmarkt wieder fit gemacht werden. Dabei entwickeln die Teilnehmer Strategien, die das Viertel schöner machen sollen und setzen diese dann um.

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Sozialamt, dem Wirtschaftsförderungsamt der Stadt Stolberg und der Dürener Qualifizierungsgesellschaft Low-Tec. Für das Handlungsfeld „Arbeitsmarkt und Qualifizierung“ sind Isabell Schwarzer, Georg Abschlag und Carlos de Abreu für Teilnehmer und Interessierte die Ansprechpartner vor Ort. Christian Meuskens kümmert sich um die lokalen Netzwerke und koordiniert als Projektleiter mit Michael Omsels auch das Zusammenspiel mit dem Handlungsfeld „lokale Ökonomie stärken“, das von Leo Bürkner bearbeitet wird. 

Bereits Anfang des Jahres habe man die Räume in der Grüntalstraße 5 als Hauptstandort des Projektes bezogen. Bis die ersten Teilnehmer Mitte Februar gestartet sind, gab es noch allerhand zu tun. Die Räume mussten entsprechend hergerichtet werden. Zudem musste das Equipment – im digitalen und im analogen Bereich – angeschafft werden. Auch auf dem Außengelände hat sich seit dem Bezug des Gebäudes eine ganze Menge getan. Hochbeete und eine kleine Sitzecke befinden sich nun im Innenhof – selbst gebaut und angeregt von den Teilnehmern des Projekts.

Mit fünf Personen ist man gestartet. „Am Anfang ist es immer schwierig, die Teilnehmer erst einmal zu erreichen und für das Projekt zu begeistern“, weiß Georg Abschlag. Das ging auch Anna so. „Als man mir aber erzählt hat, was man vorhat, war ich begeistert. Heute würde ich die Teilnahme am Projekt nicht mehr hergeben“, sagt sie.

Und was genau haben die Verantwortlichen mit diesem Projekt vor? Die Teilnehmer sollen vor allem ihre eigenen Ideen einbringen können. „Es ist keine Maßnahme im klassischen Sinne. Die Teilnehmer haben die Möglichkeit, sich an der Gestaltung ihres Viertels aktiv zu beteiligen“, sagt Abschlag. Und dieses Angebot werde rege genutzt. In der freien Wirtschaft sei dies oft nicht möglich. Dort würden klare Strukturen vorherrschen. Im Viertel-Lab sei dies anders. „Hier bauen wir darauf, dass die Teilnehmer mit ihren eigenen Talenten etwas machen können“, so Abschlag weiter.

Auf diese Weise könnten sie auch Seiten an sich selbst entdecken, die sie so zuvor noch nicht kannten, ist sich Isabell Schwarzer sicher. Regelmäßige Teilnehmergespräche gehören alle vier bis acht Wochen dazu, in denen neben der Selbsteinschätzung auch die Experten die Situation einschätzen und gemeinsam weitere Schritte erarbeitet werden.

Ein wichtiges Element, findet Anna. „In meinem ersten Gespräch hat man mich gefragt, wo ich mich in fünf Jahren sehe. Ich habe geantwortet, dass ich wohl Zuhause bei meinen Kindern sein werde. Dann hat man mir gesagt, dass ich jede Menge Potential habe“, sagt Anna und fügt hinzu: „Wenn man Hartz-IV-Empfänger ist, dann ist man sehr instabil und braucht diese aufmunternden Worte. Hier stellt man sich auf dich ein“, sagt sie und gerade das gefalle ihr besonders gut.

Zufrieden mit dem Start des Projekts ist auch Stolbergs Sozialplaner Leo Jansen. Das Ziel: Das Projekt soll sichtbar machen, dass die Menschen in der Stadt etwas tun. Allerdings sei die Teilnahmegewinnung eine große Herausforderung. Dafür hätten die Teilnehmer allerdings eine Menge toller Ideen, sagt Abschlag und verweist damit auch auf das geschichtsträchtige Gebäude, in dem das Projekt untergebracht ist.

Im Jahr 1894 wurde dieses gebaut und war einst das erste Stolberger Sparkassengebäude verbunden mit einem Schulungszentrum. Später nutze es die Stadt als Eigentümer unter anderem als Standesamt. Zuletzt war es an das Jobcenter vermietet. „Es ist ein Gebäude, mit dem sich die Menschen identifizieren“, weiß Sozialamtsleiter Paul Schäfermeier. Und auch Abschlag und seine Kollegen haben die Erfahrung gemacht, dass das Interesse an dem Gebäude und an dem, was darin passiert, enorm groß sei. Aus diesem Grund will man die Arbeit des Viertel-Labs zum Tag der Städtebauförderung am Samstag, 11. Mai, mit einer besonderen Aktion der Öffentlichkeit präsentieren.

Auch Anna ist froh, ein Teil des Projekts zu sein. „Es ist ein Projekt, das sich wirklich lohnt“, sagt sie. Sie wünscht sich allerdings, dass noch mehr Menschen teilnehmen. „Wenn man Hartz IV bezieht, verliert man oft sein ganzes soziales Umfeld. Jetzt ist mein Tag wieder komplett strukturiert“, sagt Anna.

Nachdem sie ihre Kinder am Morgen in die Schule gebracht hat, kommt sie in das Gebäude an der Grüntalstraße. „Hier habe ich etwas für mich entdecken können, von dem ich auch eine Menge mitnehmen kann“, sagt sie strahlend und zieht ein letztes Mal an ihrer Zigarette.

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