Kneipensterben in Stolberg setzt sich fort: Gaststätte „Zum Heidewirt“ schließt nach 70 langen Jahren

Kneipensterben in Stolberg setzt sich fort : Gaststätte „Zum Heidewirt“ schließt nach 70 langen Jahren

Wenn man die Räume an der Birkengangstraße betritt, begibt man sich auf eine Art Zeitreise. Die bunten Fenster sorgen dafür, dass zwar Tageslicht ins Innere dringt, es allerdings nicht zu hell wird. Bilder aus vergangenen Zeiten sind an den Wänden zu sehen.

Damals, als die Theke bereits am Mittag mit Gästen besetzt war. Ein Spielautomat ist direkt neben dem Tresen aufgebaut, dahinter ist auf der rechten Seite ein Sparkasten angebracht. Ob dieser auch heute noch genutzt wird, fragt man sich beim Betrachten zwangsläufig. Das Herzstück des Raumes ist die Theke. Sechs Hocker sind davor platziert – allesamt leer. Willkommen in der Gaststätte „Zum Heidewirt“.

Vor rund 70 Jahren hat alles angefangen. Eine Gaststätte gab es auf dem Donnerberg damals noch nicht. An der Birkengangstraße wurde trotzdem Bier verkauft. „Damals hat alles mit Flaschenbierverkauf aus dem Fenster angefangen. Wenig später eröffnete mein Großvater dann die Gaststätte“, sagt Monika Reschka. Die Geburtsstunde der Gaststätte „Zum Heidewirt“ war gekommen.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich in dem Stadtteil eine rege Gastronomie. „Früher gab es hier neun Kneipen und alle hatten etwas zu tun“, erinnert sich Reschka. Heute ist das anders. Mittlerweile ist nur noch der Heidewirt übrig geblieben – noch. Am 30. Juni wird Reschka die Gaststätte ein letztes Mal öffnen. Ab Juli gehört der Heidewirt dann der Vergangenheit ein. Und damit endet auf dem Donnerberg eine Gastronomie-Ära.

Gleich mehrere Gründe kommen im Fall von Monika Reschka zusammen. Einer davon hat vor allem mit dem demografischen Wandel zu tun. „Mir sterben die Gäste immer mehr weg. Mittlerweile kann man nicht mehr davon leben“, sagt sie während sie hinter der Theke Platz genommen hat. Nachdem ihr Großvater die Gaststätte eröffnete, standen 40 Jahre lang ihre Eltern hinter dem Tresen. „Ich bin hier aufgewachsen“, sagt sie. Die Gaststätte sei nicht nur der Arbeitsplatz ihrer Eltern, sondern – im wahrsten Sinne des Wortes – auch ihr zu Hause gewesen. Denn: Auf der anderen Seite der Theke wurde nicht nur gezapft. Dort befand sich auch eine kleine Wohnung, in der die Familie lebte und die Monika Reschka auch heute noch wohnt.

Das Haus – einst Eigentum ihres Vaters – sei mittlerweile verkauft. Nur so könne man den Pflegeplatz der Mutter finanzieren, erklärt die 58-Jährige. Mittlerweile müsse sie Pacht zahlen und das könne sie sich mit den geringen Einnahmen einfach nicht mehr leisten. „Ab Juli bin ich dann nicht nur arbeits-, sondern auch obdachlos“, sagt Reschka. Momentan sei die auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung für sich und ihre Familie. Doch nicht nur deshalb blicke sie der Schließung mit weinenden Augen entgegen.

Schließlich kann Reschka sich noch an andere Zeiten erinnern – Zeiten in denen die Kneipen florierten. „Früher hatten wir die Schützen und den Männergesangsverein regelmäßig bei uns zu Gast, heute aber nicht mehr“, sagt sie. Und auch andere Vereine ließen sich immer mal wieder in der Kneipe blicken. Das habe sich allerdings im Laufe der Jahre geändert. „Heute haben viele Vereine eigene Heime. Warum sollten sie dann noch in die Kneipe gehen?“, meint Reschka. Das sei allerdings nicht das einzige Problem.

„Die jungen Leute gehen heute nicht mehr in Kneipen. Für sechs Euro bekommt man mittlerweile schon einen Kasten Bier. Viele bleiben dann einfach zu Hause“, sagt Reschka. Als sie die Gaststätte ihrer Eltern zum 1. Juli 2013 übernahm sei das noch nicht so gewesen. Nach 23 Jahren gab sie ihren Job als Taxifahrerin auf und öffnete sechs Tage in der Woche von 10 bis 14 Uhr und dann ab 17 Uhr wieder die Kneipe an der Birkengangstraße. „Damals ging es noch. Da kamen wenigstens noch Leute“, sagt sie.

In der Vergangenheit hätten auch oft Soldaten von der angrenzenden Donnerberg-Kaserne die Lokalität aufgesucht. Seitdem dort allerdings nur noch Lehrgänge stattfinden würden und niemand mehr stationiert wäre, sei das auch nicht mehr der Fall, erzählt die 58-Jährige. Auch an den Karnevalstagen gebe es kaum noch Menschen, die sich nach dort verirrten. „Früher gab es hier an Karneval richtig Remmidemmi. Heute spielt sich das Meiste in der Stadt ab“, sagt sie.

So sah es vor 70 Jahren auf dem Donnerberg auf. Auf der rechten Seite soll der Heidewirt zu sehen sein. Foto: ZVA/Sonja Essers

Gerne hätte sie ihren Job als Wirtin noch bis zur Rente ausgeübt. Nun müsse sie noch einmal ganz von vorne anfangen, sagt Reschka. „Leider kann man nichts daran ändern“, sagt sie. Zum letzten Mal öffnet die Gaststätte „Zum Heidewirt“ am Sonntag, 30. Juni, ihre Pforten. Was mit den Räumen künftig geschehen wird, ist derzeit noch genauso ungewiss wie die Zukunft von Monika Reschka.

Mehr von Aachener Zeitung