Stolberg-Breinigerberg: Galmeiveilchen, Orchideen und Einbeere entdeckt

Stolberg-Breinigerberg: Galmeiveilchen, Orchideen und Einbeere entdeckt

Dass Förster Theo Preckel sowohl einen Pflanzen-, als auch einen Orchideenführer bei sich trägt, hat gute Gründe, denn „es gibt auf dem Schlangenberg derzeit so viele Orchideen wie noch nie“, sagt der Leiter des Stolberger Forstamts. Auf dem Parkplatz „Waldschänke“ begrüßt Preckel die Leser unserer Zeitung, die im Rahmen der Aktion „8 x Sommer“ das Naturschutzgebiet erkunden möchten.

Und er hat weitere gute Nachrichten: „Der Wald hat sich durch den starken Regen in diesem Jahr sehr schön entwickelt.“ Das Waldsterben der 1980er Jahre sei heute glücklicherweise kein Thema mehr. Katalysatoren in Autos, Filter in industriellen Schornsteinen und Reduzierung von Treibgasen seien notwendig gewesen, und „heute merkt man das dem Wald an“, beschreibt Preckel.

Forstamtsleiter Theo Preckel findet mit geschultem Blick viele seltene Arten und zeigt sie den Lesern. Foto: D. Müller

Schon auf dem Parkplatz beginnt er mit dem „Botanisieren“ und macht die Leser mit Pflanzen bekannt, die mitunter illustre Namen tragen. Zum Beispiel der Teufelsabbiss, der von der Loki-Schmidt-Stiftung zur Blume des Jahres 2015 gekürt wurde. Nach nur wenigen Schritten in den Wald hinein erklärt Preckel, wie das Bengelkraut zu seinem Namen kam.

Das Naturschutzgebiet hält zahlreiche Fotomotive für unsere interessierten Leser bereit. Foto: D. Müller

FKK = Fuchskreuzkraut

An einer Stelle in Preckels großem Revier blüht auch die Einbeere. Foto: D. Müller

„Die Leute haben das früher gegessen, um einen Bengel zu zeugen. Aber wenn Sie zu viel davon essen, zeugen Sie gar nichts mehr“, warnt Preckel die Leser scherzhaft. Ein wenig überrascht sind die Teilnehmer an der Wanderung, als FKK thematisiert wird. Wobei die Kleider anbehalten werden dürfen, denn hinter FKK verbirgt sich auf dem Schlangenberg nicht die Freikörperkultur, sondern das gelb blühende Fuchskreuzkraut. Der Förster verweist auf ein Lindenblatt, das in der Nibelungensage dem Siegfried zum Verhängnis wurde. „Linde, Wicke oder Buschwindröschen sind typisch für den kalkhaltigen Boden hier.“

Als Preckel „Beifuß“ ruft, ist kein Hund angesprochen, sondern eine Pflanzenart aus der Familie der Korbblütler gemeint. Beim Botanisieren gibt der Förster auch Tipps wie „grüner Pudding“, und die Leser erkennen den Waldmeister. Vorbei an Schwalben- und Braunwurz, Salomonssiegel und Co. schwärmt Preckel: „Wir sind gesegnet mit wunderschöner Vegetation auf dem Schlangenberg“, und die Leser geben ihm spätestens recht, als er ihnen die einzige Stelle in seinem Revier, an der die Einbeere blüht, und die ersten Orchideen am Wegrand zeigt. Viele weitere sollen folgen.

Die Frage nach den Vertiefungen im Waldboden bringt Preckel zu dem Thema, das die einzigartige Flora und Fauna des Schlangenbergs begründet. Denn der Boden enthält Schwermetall, die Pingen genannten Vertiefungen sind Zeugen des Abbaus vom Zinkerz Galmei. Und nur auf dem galmeihaltigen Boden wächst das äußerst seltene gelbe Galmeiveilchen. In Stolberg, dem ostbelgischen Kelmis und östlichen Aachener Stadtteilen — sonst nirgendwo auf der Welt. Ebenso wie andere Vertreter der Galmei-flora, und unsere Leser finden nicht nur das Galmeiveilchen, sondern auch das blau schimmernde borstige Gras Galmeischwingel, die rosa blühende Galmeigrasnelke und das Galmeitäschelkraut.

Für das Gedeihen der Galmeiflora und der zahlreichen Orchideen sei das Schwermetall im Boden allerdings nur die Grundvoraussetzung, erläutert Preckel. Um sich entfalten zu können, benötigen die Pflanzen auch Platz und Licht, was das Forstamt vor einigen Jahren geschaffen hat, indem es die Kiefern rund um den Schlangenberg entfernt hat. Auf rund 40 Hektar des Naturschutzgebiets haben Forstarbeiter 1500 Kubikmeter Holz und etwa 5000 Kubikmeter Schreddermaterial beseitigt, und damit den Lebensraum der außergewöhnlichen Vegetation und die damit einhergehende Artenvielfalt der Fauna erhalten.

„Wie Sie sehen, ist der Plan aufgegangen, und zwar sogar noch schneller, als ich vermutet habe“, sagt Preckel unseren Lesern. Diese sind längst von der Begeisterung des Försters angesteckt und schauen beinahe ehrfürchtig hin, als Preckel auf eine Stelle verweist, an der drei geschützte Pflanzenarten auf nur einem Quadratmeter blühen — keine Seltenheit auf dem Schlangenberg. Damit dies so bleibt, wird das Areal bald wieder gemäht. Auf natürliche Art und Weise, denn diese Arbeit werden 600 Schafe verrichten. „Ich hoffe, der Schäfer bringt auch noch 100 Ziegen mit“, erklärt Preckel, dass Ziegen auch kleineres Gehölz vertilgen würden.

Der Förster und sein Team erhalten während der Wanderung viel Lob von den Teilnehmern: Das Wegenetz auf dem Schlangenberg sei sehr gepflegt, meint eine Leserin, ein anderer Teilnehmer lobt die vielen Ruhebänke. Er sei auch schon 14 Kilometer durch einen Wald gewandert, ohne eine einzige Sitzgelegenheit zu finden. „Das kann Ihnen bei uns nicht passieren“, entgegnet Preckel, „in Stolberg brauchen Sie nur 500 Meter bis zur nächsten Bank zu gehen“. Neun neue Bänke seien alleine schon in diesem Jahr errichtet worden. „Die bauen wir bei schlechtem Wetter auch selbst.“

Esche in Gefahr

Also alles eitel Sonnenschein auf der Freifläche rund um den Schlangenberg, doch im angrenzenden Wald gibt es sprichwörtlich Licht und Schatten. Bei allen guten Nachrichten verschweigt Preckel eine schlechte nicht. „Wir laufen deutschlandweit Gefahr, die Esche zu verlieren.“ „Schuld“ daran sei eine natürliche Ursache, da die Pilzart Falsches weißes Stengelbecherchen beziehungsweise ihre Nebenfruchtform „Chalara fraxinea“ das Eschentriebsterben in vielen Ländern Europas auslöse. Doch zahlreich wie vielfältig wächst die übrige Vegetation auf dem Schlangenberg, und die Leser erfreuen sich an schönen Orchideen und anderen Pflanzen, bis die Tour nach zweieinhalb Stunden endet, was eine Teilnehmerin mit dem Wort kommentiert: „schade“.

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