Für Andrea Delsemmé steht in diesem Jahr eine besondere Prüfung an

2019 ... Nur Mut! : Für Andrea Delsemmé steht in diesem Jahr eine besondere Prüfung an

2019 ist für Andrea Delsemmé ein außergewöhnliches Jahr. Warum? Bereits in wenigen Wochen muss sich die 28-Jährige einer Prüfung unterziehen, die ihr ganzes Leben verändern wird – zumindest ihr berufliches.

Für Andrea Delsemmé  steht Anfang Februar die sogenannte unterrichtspraktische Prüfung auf dem Programm. Sie entscheidet darüber, ob die Stolbergerin künftig als Lehrerin arbeiten darf – und so von der Geprüften zur Prüferin wird.

Dass sie einmal Lehrerin werden würde, war Andrea Delsemmé bereits in jungen Jahren klar. Schon als Kind entfremdete sie die Türe ihres Zimmers, nutzte diese als Tafel und brachte ihren Kuscheltieren eine Menge bei. In der weiterführenden Schule half sie dann den Schülern, die nicht so gut im Unterricht mitkamen. „Ich fand den Lehrerberuf immer spannend und sehr vielseitig. Lehrerin wollte ich wirklich schon immer werden“, sagt die junge Frau rückblickend.

Gesagt, getan. An der Uni Köln studierte Delsemmé die Fächer Niederländisch und katholische Religion. Warum sie sich gerade für diese Fächer entschied? Sie sei zwar in einem sehr katholischen Haushalt aufgewachsen, doch gerade in der Pubertät habe sie sich für das Thema Religion nicht wirklich interessiert. Das änderte sich in der Oberstufe. „Die Themen waren anders, es wurde mehr diskutiert und man konnte auch den Sinn sehen, der sich hinter dem einen oder anderen Thema verbarg“, sagt Delsemmé. Auch eine engagierte Religionslehrerin habe dazu beigetragen, dass Delsemmé sich für das Fach interessierte und es schließlich als Studienfach wählte.

Werte vermitteln

„Im Studium habe ich das Fach dann noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen gelernt“, sagt sie. Während des Studiums legte sie ihren Schwerpunkt auf die Bibel-Exegese – dabei geht es darum zu verstehen, was hinter den biblischen Texten liegt. In der Schule erlebt sie Religion als „wertevermittelndes Fach“. „Es geht nicht nur um die Bibel, sondern auch darum, wo Traditionen herkommen und welche Werte wir in unserer Gesellschaft haben. Als Religionslehrer hat man die Möglichkeit, den Schülern etwas mit auf ihren Lebensweg zu geben“, sagt sie.

Ihre zweite Wahl: Niederländisch. Delsemmé, die selbst das Goethe-Gymnasium besuchte, entdeckte das Fach in der Oberstufe und empfand Sprache und auch die niederländische Kultur als besonders spannend. „Die Niederländer können zum größten Teil deutsch und ich finde, es ist eine Form des Respekts, dass man auch niederländisch kann“, sagt sie.

Ihre bisher größte Prüfung: das Staatsexamen. Danach ging es für die ins Referendariat, das Delsemmé an einem Gymnasium in Aachen absolviert. Mit der unterrichtspraktischen Prüfung ist Andrea Delsemmé nun zum vorerst letzten Mal die Geprüfte. Was bei der unterrichtspraktischen Prüfung passiert? Eine Prüfungskommission schaut sich den Unterricht in beiden Fächern an und bewertet diesen. Danach findet noch ein Kolloquium – eine 45-minütige mündliche Prüfung – statt. Für Andrea Delsemmé ist dies die „schlimmste Prüfung“ in ihrer beruflichen Laufbahn. „Unterricht ist ein Teil von dir. Man öffnet sich dann auch ein Stück weit. Und wenn man dafür Kritik erntet, darf man das nicht persönlich nehmen. Da muss man sich ein dickes Fell aneignen“, sagt sie.

Die 28-Jährige weiß, dass es vor allem zu Beginn des Studiums schwierig ist, seine Rolle zu finden und nicht zwischen dem Prüfer und dem Geprüften hin und her zu schwanken. „Es ist schwierig sich seiner Rolle bewusst zu werden“, sagt Delsemmé. Sie selbst hat dies geschafft. Und damit nicht genug. „Lehrer sein ist meine Berufung. Ich lebe dafür“, sagt sie.

Aus diesem Grund findet sie auch schade, dass der Lehrerberuf – ihrer Meinung nach – oft in einem falschen Licht steht. Als Beispiel dafür nennt Delsemmé das Thema Ferien. „Als Lehrer hat man erst in den Sommerferien richtig frei. Die anderen Ferien werden meist für Korrekturen genutzt. Und nur weil man zu Hause ist, heißt das nicht, dass man nicht arbeitet“, sagt sie und spielt damit auf freie Nachmittage an. Konferenzen, Arbeitsgemeinschaften und Elternsprechtage würden hinzukommen. „Als Lehrer möchte man ja auch bei der Schulentwicklung helfen. Wenn eine Schule zum Beispiel Fair-Trade-Schule wird, hängt da viel Arbeit mit drin. Unterricht ist nur die Spitze des Eisberges“, sagt Delsemmé.

Angst vor der Prüfung selbst hat Delsemmé nicht – eher großen Respekt. „Das wird ein langer Tag, der alles entscheidet. Dann ist natürlich auch viel von meiner Tagesform abhängig. Wie stressresistent bin ich? Wie stressresistent sind die Schüler?“, sagt Delsemmé.

Großen Respekt habe sie auch vor den Prüfern, die sie nicht alle kennt. Aber so ganz ohne Angst geht es dann auch nicht. „Angst schwimmt natürlich mit. Angst vor dem Versagen, dass man es nicht schafft“, sagt die 28-jährige Stolbergerin. Die ersten Vorbereitungen hat sie bereits getroffen. In den kommenden Wochen wird sie täglich eine To-do-Liste abarbeiten.

Nicht die letzte Prüfung

Und was macht Delsemmé, wenn sie ihre Prüfung hinter sich gebracht hat? „Wenn ich es geschafft haben sollte, werde ich erst einmal schlafen“, sagt sie und lacht. Noch bis zum 30. April dauert ihr Referendariat. Die letzte Prüfung in ihrer beruflichen Laufbahn wird es nicht sein. Steht eine Verbeamtung auf Lebenszeit oder eine Beförderung an, findet noch einmal ein Unterrichtsbesuch statt. Aber so schlimm wie die bevorstehende Prüfung wird es dann nicht mehr werden, ist sich die 28-Jährige sicher.

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