Lesung in der Schevenhütte: Franz Josef Ingermann liest aus seinem Roman „Beckett & Mücke“ vor

Lesung in der Schevenhütte : Franz Josef Ingermann liest aus seinem Roman „Beckett & Mücke“ vor

Das Bistro „Am Wehebacher Hof“ in Schevenhütte entwickelt sich immer mehr zu einem Kulturcafé. Ob Live-Musik oder die Vorstellung eines Lieblingsbuches, das Publikum aus Nah und Fern weiß die gemütliche Atmosphäre im Lokal von Filiz und Talha Aydin mit unterhaltsamer Kultur zu schätzen.

Jüngst war es Franz-Josef Ingermann, der aus seinem Roman „Beckett & Mücke“ rund vierzig Zuhörer zu begeistern wusste.

In spannender Weise erzählten er und Silke Bajon einzelne Episoden aus der Zeit von 1984 bis 2005. Dazwischen streute Andrea Winterscheid auf dem Saxofon Klezmermusik, ein englisches Volkslied, eine Serenade von Franz Schubert, das Largo von Antonio Vivaldi sowie Bob Dylan’s „Blowing in the Wind“ ein.

Die achtziger Jahre waren geprägt von selbstbestimmtem Arbeiten und Leben. Vielerorts entstanden Kommunen und sogenannte alternative Betriebe verschiedenster Art. Berlin, zu dieser Zeit noch geteilt, ist die Insel für viele Westdeutsche, Schwule und Lesben, Künstler und verkrachte Existenzen sowie Pazifisten, die nicht zur Bundeswehr wollen. Im Bezirk Kreuzberg gibt es ein Riesenangebot an Kneipen, wo der Protagonist Beckett mit seinem Freund Pitt die meisten Nachtstunden bei Bier und Aufgesetztem verbringen.

Beckett hat sein Studium der Anglistik und Publizistik beendet und findet einen Kurzzeitjob als Englischlehrer. Dabei lernt er seine Hildegard, auch „Mücke“ genannt, kennen, eine ehemalige Entwicklungshelferin, und verliebt sich in sie. Diese schwärmt ihm von einem Leben auf dem Land vor und träumt von einem sogenannten Alternativprojekt. Als sie auf die englischstämmige Karen Slater, die in Afrika als Entwicklungshelferin gearbeitet hat, und Jorge Cabral, Flüchtling vor der Diktatur Pinochets in Chile, treffen, planen sie gemeinsam, wegzuziehen und finden sich bald in Mützenich, einem Dorf am Rande eines Moores hinten an der Westgrenze bei Aachen wieder. Hier wollen sie bewusster leben und Gutes tun.

Aber in der tiefsten Provinz, wo eigentlich nichts los ist, wirbeln dann kleinere und größere Ereignisse ihr Leben durcheinander. Die Ideen von Gleichheit, Gerechtigkeit und Engagement in die Alltagspraxis umzusetzen, gestalten sich schwierig. Erste Konflikte bahnen sich an. Das Prinzip der freien Liebe führt zu Spannungen unter den Paaren und weiteren Besuchern, und das bessere Leben will sich einfach nicht einstellen. Das Drama erreicht seinen Höhepunkt mit der deutschen Wende. Der Mauerfall führt auch zu schlimmen Auswirkungen auf die Gemeinschaft in dem Eifeldorf.

Der Autor hat die Geschichte, in der die Menschen um Lebenssinn, Geborgenheit, Nähe und Heimat ringen, in einem tragikomischen Stile erzählt. Angelehnt an tatsächliche Begebenheiten, kann sie als eine Art Dokufiktion über die sogenannte Alternativszene der achtziger Jahre angesehen werden. Bei Filiz und Talha in Schevenhütte hat „Beckett und Mücke“ an diesem Abend viele interessierte Zuhörer angesprochen und gefesselt. Der Roman ist im Wagner-Verlag unter der ISBN 978-3-86279-300-6 erschienen.

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