Stolberg: Förster Burkhard Prise: Eine andere Sicht auf die Schweinepest

Stolberg : Förster Burkhard Prise: Eine andere Sicht auf die Schweinepest

Was wäre, wenn sich ein Wildschwein in Deutschland mit der Afrikanischen Schweinepest infizieren würde? Diese Frage hat sich Förster Burkhard Priese aus Stolberg gestellt. Seine Antwort: „Es ist eine Chance.“

Bisher ist kein Fall in Deutschland bekannt. Dennoch ist die Sorge groß, dass wie in Polen und Tschechien mit ASP infizierte Wildschweine entdeckt werden könnten. Nicht nur Jäger, sondern auch Schweinezüchter fürchten die Pest, die erheblichen wirtschaftlichen Schaden verursachen könnte.

Burkhard Priese kritisiert zu viele Abschüsse von Muttertieren. Foto: dpa

Sozialstruktur zerstört

Vor einigen Wochen hob die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die Schonzeit für Wildschweine auf mit Ausnahme von Bachen mit gestreiften Frischlingen unter 25 Kilogramm. Jäger wurden dazu aufgefordert, mehr Wildschweine zu erlegen. Ziel soll es sein, den Bestand drastisch zu reduzieren, um die Infektionsgefahr möglichst gering zu halten. Laut Landesjagdverband NRW haben die Jäger reagiert und in den vergangenen Wochen deutlich mehr Wildschweine geschossen.

Burkhard Priese hält die verstärkte Bejagung für den falschen Ansatz. „Ich fordere, dass die Schonzeit-Aufhebung rückgängig gemacht wird.“ Stattdessen sollte ganzjährig ein Jagdverbot für Wildschweine über 30 Kilogramm und bis zu 10 Kilogramm eingeführt werden, sagt der Förster. Der Grund: „Viel zu häufig werden fälschlicherweise Bachen also führende Muttertiere erschossen“, erklärt Priese. Dadurch werde die Sozialstruktur der Tiere zerstört und die jungen weiblichen Tiere werden schneller selbst trächtig. „Die Folge ist, dass der Schwarzwild-Bestand explodiert.“

Vor allem Nachtsicht-Zielgeräte sind dem Förster ein Dorn im Auge: „Die Unterscheidung zwischen einer schwangeren Bache und einem kräftigen Keiler ist in der Dunkelheit kaum möglich. Oft wird falsch geschossen.“

Zudem bringe die Aufhebung der Schonzeit, vom 16. Januar bis zum 31. Juli, ganzjährig Unruhe ins Revier. Denn auch für Rehe, Rot- und Muffelwild, die zur gleichen Zeit geschont werden, bedeutet die Jagd auf die Wildschweine erheblichen Stress. Das wiederum hat zur Folge, dass der Biorhythmus der Tiere gestört ist, sie Bäume annagen und damit erhebliche Schäden im Wald verursachen.

Für Burkhard Priese ist klar: „Es gibt zu viele Wildschweine.“ Gründe für die Überpopulation seien ein Top-Nahrungsangebot für Wildschweine durch Mais-, Weizen und Reisfelder und der Mangel an natürlichen Feinden. Daher müsse auch gejagt werden, aber in regulierter Dosis. Hinzu kommen höhere Temperaturen durch den Klimawandel: Mehr Jungtiere überleben den Winter.

Doch das ist nicht immer so: „Die Natur gleicht die Überpopulation selbst wieder aus“, sagt der Oberförster und erinnert sich noch an das Jahr 2013 zurück, als es ebenfalls zu viele Wildschweine in Stolberg gab. Kahlfrost hinderte die Schweine daran, Nahrung wie Eicheln oder Bucheckern aus dem Boden zu wühlen. Schlecht ernährt gingen die Schweine in den Winter. Von den 150 Wildschweinen, die der Förster auf der 600 Hektar großen Waldfläche, die er verwaltet, zählte, starb ein Großteil an Erkältungen und Lungenentzündungen. Nur noch zehn Wildschweine entdeckte Priese Anfang 2014.

Seiner Meinung nach könnte auch die Afrikanische Schweinepest diesen Effekt haben. „Viele Schweine würden eingehen, die Population würde drastisch reduziert werden. Aber ein paar bleiben immer übrig“, lautet seine Einschätzung. Der Ausbruch der Schweinepest würde aber auch bedeuten, dass etliche Mastbetriebe schließen müssten. Der wirtschaftliche Schaden wäre erheblich. Priese sieht darin eine Chance: „Ein infiziertes Schwein würde reichen, um unzumutbare Tierexporte aus deutschen Großbetrieben zu stoppen.“ Immer wieder berichten Medien und Tierschutzorganisationen von Transporten lebendiger Tiere aus der EU in Länder wie Türkei oder Ägypten, bei denen zahlreiche Verstöße gegen das EU-Recht dokumentiert werden.

Kein Export

Doch würde ein Fall reichen, um den gesamten Exportbetrieb einzustellen? Wie das Landwirtschafts-Nachrichtenportal „Top Agrar“ berichtete, verkündete das Landwirtschaftsministerium kürzlich, dass es sich für steuerbare Handelsrestriktionen einsetzt, damit im Seuchenfall nicht der gesamte Staat kein Schweinefleisch mehr exportieren darf, sondern nur für betroffene Regionen ein Exportverbot gilt.

Solange es aber keinen Infektionsfall gibt, bleibt ungewiss, welche weiteren Auswirkungen die Schweinepest auf Deutschland haben wird.

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