Stolberg: Facettenreiche Werke: Experiment beeindruckt mit Vielfalt

Stolberg: Facettenreiche Werke: Experiment beeindruckt mit Vielfalt

Das Fazit kann nur lauten: Experiment geglückt. Die Gemeinschaftsausstellung „Stadt, Land, Flow in Kunst und so“ begeisterte die Besucher mit Werken von mehr als 25 Künstlern.

Dabei bestach die Schau mit großer Vielfalt, denn Malerei, Plastiken, Musik, Collagen, Installationen, Zeichnungen, Objekte, Literatur, Tanz, Künstler live in Aktion und Assemblagen — allesamt in verschiedenen Stilrichtungen und Techniken — waren in Atelierhaus und Skulpturengarten am Hammerberg zu bestaunen. Doch damit nicht genug: Die Ausstellung war noch mehr als eine breitgefächerte multidisziplinäre Schau.

Gruß aus dem Kunst-Fundbüro: Birgit Engelen zeigte diese Installation mit einer Schere des Stolberger Barbiers Scheepers aus dem Jahre 1906. Foto: D. Müller

Es war ein großangelegtes und bis dato in der Kupferstadt und in seiner Art wohl einzigartiges Kunst-Experiment. Die „Versuchsanordnung“: Im Rahmen der Aktion „Stadt, Land, Fluss — Tage der rheinischen Landschaft“, die vom LVR (Landschaftsverband Rheinland) ausgerufen wird, hat sich nicht nur die Biologische Station der Städteregion mit Sitz in Stolberg als Veranstalter beteiligt, sondern auch die illustre Künstlergruppe und auch Stolberger Bürger, die den „Input“ gaben, mit Fund- und Erinnerungsstücken sowie Geschichten das Fundament für die beeindruckende Ergebnisausstellung legten.

Dementsprechend hatte Dr. Dirk Tölke bei seiner Einführungsrede viel zu tun, als der Kunsthistoriker die Macher, ihre Werke und die Spielarten der Werke, in denen sich Geschichte, Industrie, Natur und persönliche Assoziationen der Stolberger wiederfanden, vorstellte. So konnten zum Beispiel Besucher des Fundbüros Striche und Formen auf einen Block bringen. Davon inspiriert fertigte Nicole Kaffanke 24 Zeichnungen an, in denen sie originell bis subtil die von den Kupferstädtern gelieferten Grundlagen aufgriff.

Ringe und Ketten

Die Grundlagen zur Industrie in Stolberg verarbeitete Petra Rink kunstvoll: Aus in das künstlerische Fundbüro gebrachten Gesteinsbrocken machte sie tragbaren, individuellen und kunstvollen Schmuck in Form von Broschen, Ringen und Ketten. Der industriellen Historie und Gegenwart der Kupferstadt widmete sich zum Beispiel Manfred Sponsel von der Dorffer Kunstscheune. Seine Plastik „Dreiklang“ bestand aus Rohren, die in leuchtenden Farben auf beinhaltete Gase und Flüssigkeiten hinwiesen — nach Deutscher Industrienorm (DIN).

Einer von Sponsels Schaffensschwerpunkten ist die Heimatmalerei, die er anhand eines speziellen Mitbringsels künstlerisch persiflierte. Ein ehemaliger Pfadfinder hatte im Fundbüro eine Dose Ravioli abgegeben, die er mit seiner Jugend in Stolberg assoziiert. In einer kleinen Serie versah Sponsel derartige Dosen mit neuem Etikett, das als Inhalt „röhrenden Hirsch in Öl“ versprach. Diese bot er zugunsten des guten Zwecks an, denn der Erlös geht an das Hospiz am Iterbach.

Aus einer zerknitterten Tüte des ehemals in der Innenstadt angesiedelten „Victor“-Kaufhauses schuf Paul Sous alias „Käpten Nobbi“ ebenso beeindruckende Bilder wie aus Stolberger Müllbeuteln. Gastgeberin Birgit Engelen verarbeitete ein echtes Déjà-vu: Im Fundbüro war ein blauer Vorhang aus dem Kupferhof Rosental abgegeben worden. Eben jenen malte Engelen in ihrem Studium.

Jetzt zeigte sie eine Installation aus dem vor Jahren entstandenen Gemälde und dem Original. Ein rostiges in einem Stolberger Steinbruch gefundenes Messer diente Philipp Winterscheid als Vorlage für drei Gemälde, und Künstler wie Bildhauer Holger Vanicek konnten bei ihrem Schaffen beobachtet werden.

Letzterer war als Sebastian Ybbs ebenso literarisch aktiv wie Dirk Schulte, der zudem mit Agnes Bläsen den „Story Point Stolberg“ ins Leben gerufen hatte. Dabei haben sie im Kunst-Fundbüro Geschichten und ihre Erzähler gesammelt und bei der Ergebnisausstellung präsentiert. Beispielsweise die Erzählung von Christel Willemsen, deren Vater von 1955 bis 1990 Metzger war.

Ihm war einst beim Transport zum Schlachthof ein Rind ausgebüxt. Die Feuerwehr fing das Tier ein, der Metzger führte es am Strick zum Schlachthof — und wurde dabei fotografiert, so dass er sich bald als der „Torero von Büsbach“ in der Zeitung wiederfand.

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