Erste Veranstaltung der Lesertour kommt in Stolberg bestens an

Lesertour : Interessierte Leser trotzen brütender Hitze

Keinen homogenen, sondern eigentlich einen heterogenen Charakter besitzen Altstadt und historische Neustadt, betonte Stadtarchivar Altena zu Beginn der ersten Leser-Tour dieses Sommers.

Die über 500 Jahre gewachsene Struktur der beiden unterschiedlichen, historischen Stadtareale, war nun das Ziel von 20 Lesern unserer Zeitung anlässlich der ersten Sommertour unter dem Titel „7 x Sommer in Stolberg“. Die als Rundgang durch Stolbergs Architekturgeschichte betitelte Veranstaltung wurde von Stadtarchivar und Bauhistoriker Christian Altena sachkundig begleitet.

Bei rund 38 Grad Außentemperatur wurde der Rundgang vom Steinweg bis zum Kaiserplatz nicht nur für unsere Leser, sondern auch für den 38-jährigen Architekturexperten zu einer schweißtreibenden, aber lohnenswerten Angelegenheit. Erträglich wurde die Hitze allerdings dadurch, dass man den Schattenwurf der Häuser aufsuchte und Altena seinen Rundgang so gestaltetet hatte, dass man an einem Punkt stehen bleiben konnte, um Ensembles mehrerer historischer Bauwerke gleichzeitig betrachten zu können: Ensembles, die von verschiedenartigen Architekturstilen und Gestaltungen gekennzeichnet sowie zu unterschiedlichen Epochen entstanden sind.

Um unseren Lesern den heterogenen Charakter der Gestaltung von Alt- und Neustadt deutlich zu machen, wurden besonders die Fassaden der Häuser in Augenschein genommen. Die Fassaden nutzte Altena, um auf die Besonderheiten der Gestaltung hinzuweisen und unsere Leser mit den verschiedenartigen Architekturen vertraut zu machen. Dabei wurden besonders Fenster- und Türformen sowie das verwendete Baumaterial, Stuckaturen, besondere Elemente wie Erker, Balkone, Reliefs, Wappen und Mosaike sowie Dachformen einer eingehenden Betrachtung unterzogen.

Das Ziel war der Kaiserplatz. Begonnen hat unsere Tour im Steinweg. Doch auch in der Altstadt gab es eine ganze Menge zu sehen. Foto: ZVA/Sonja Essers

Um die von Altena vorgestellten Fassadendetails in Gänze betrachten zu können, richteten sich die Blicke unserer Leser auch immer wieder nach oben und wanderten abschnittweise über die Häuserfronten. „Wir werden heute viel nach oben sehen müssen“, hatte Altena bereits zu Beginn angekündigt und empfahl den Besuchern – in Stolberg wie in anderen Städten – stets den Blick nach oben zu wagen.

Im Mittelpunkt des Rundgangs standen die Bauten aus der Zeit des Klassizismus, des Historismus und des Jugendstils. Wie eingangs erwähnt, sind Stolbergs Stadtviertel und Bauten zu unterschiedlichen Zeiten entstanden und sind somit nicht von einer homogenen Baustruktur geprägt. Besonders deutlich wurde dieser heterogene Charakter immer dann, wenn der Historiker drei oder vier Häuser eines Ensembles analysierte. So beispielsweise im Steinweg, als er die aus Gaststätte Postwagen, Villa Peltzer und einem zweiachsigen Geschäftshaus bestehende Baugruppe für seine Erläuterungen nutzte. Schließlich reicht die Baugeschichte dieses Ensembles vom späten 18. bis zum späten 19. Jahrhundert.

Etwas unterhalb liegt im Steinweg das aus der Arztvilla Kortum, dem früheren jüdischen Textilkaufhaus Wolff und dem ebenfalls als Textilkaufhaus genutzten Gebäude von Anton Schulte bestehende Ensemble, das der Historiker ebenfalls nutzte, um die Verschiedenartigkeit der über drei Jahrhunderte reichenden Bauformen deutlich zu machen: „Die historische Neustadt im Steinweg ist keinesfalls aus einem Guss. Der Steinweg war ursprünglich ein gepflasterter Verbindungsweg zwischen der Altstadt und den auf der Mühle liegenden Gewerbestandorten und als solcher nur spärlich bebaut. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Steinweg zur Geschäftsstraße wurde, verdichtete sich die Bebauung allmählich“, versicherte Altena, der anhand der Entwicklung im Steinweg, den heterogenen Charakter von Alt- und Neustadt unterstrich.

In der Burgstraße schaute man sich unter anderem das aus der Gaststätte „Alt-Stolberg“ und einem 50er-Jahre-Haus bestehende Ensemble an. Der am westlichen Ende der Altstadt liegende dreigeschossige neobarocke Bau der Gaststätte stellt nämlich, wie Altena versicherte, einen immensen architektonischen Bruch dar. Denn das Bild der Altstadt ist ansonsten überwiegend von niedrigeren und kleineren Bruchsteinbauten geprägt. Dass auch der benachbarte gelb verklinkerte 50er-Jahre-Bau mit seinen messingeloxierten Aluminiumfensterrahmen durchaus in das Bild der Altstadt passt, machte Altena deutlich, indem er den Bau als ebenso denkmalwert bezeichnete, wie die umgebenen Bauwerke.

Selbstverständlich wurde auch das Bauensemble in der Grüntalstraße und am Kaiserplatz unter architektonischen Gesichtspunkten eingehend unter die Lupe genommen. Unsere Leser waren vom Gehörten und Gesehenen beeindruckt. Die große Hitze schien der Lesergruppe angesichts der spannenden und aufschlussreichen Erläuterungen nur wenig auszumachen. Und so war es nur verständlich, dass Altena nach rund zwei Stunden mit lang anhaltendem Beifall verabschiedet wurde.