Stolberg: Erste Flüchtlinge in Probst-Grüber-Schule

Stolberg: Erste Flüchtlinge in Probst-Grüber-Schule

In der Turnhalle der Probst-Grüber-Schule auf der Liester stehen 150 Feldbetten. In einer Ecke, ganz hinten in der Halle, da schlafen drei junge Männer. Zwischen ihnen und der Tür, und ihnen und den anderen Betten die benutzt aussehen, sind viele freie Liegen, in denen noch niemand geschlafen hat.

Sie haben sich unter ihren Decken vergraben, ungeachtet der Hitze. Dort lugt etwas Haar unter dem blauen Stoff hervor, am nächsten Bett ein Unterarm. 37 Menschen sind Mittwochnacht in die Schule eingezogen. Auch in einigen Klassenzimmern stehen Betten. Warum die einen in kleinen Klassenzimmern schlafen dürfen und die anderen rund über hundert Menschen in einem Raum untergebracht sind? „Die Klassenzimmer sind für kranke oder gebrechliche, ältere Menschen“, sagt Bürgermeister Tim Grüttemeier.

Schulgraffiti: Vor wenigen Wochen haben die Probst-Gröber-Schüler ihren Schulhof verschönert, jetzt können ihn die jungen Flüchtlinge genießen.

Und auch wenn es immer heißt, dass Flüchtlinge in einer Turnhalle untergebracht werden, „das bedeutet nicht, dass das der einzige Raum wäre“, sagt Grüttemeier. Erst 37 der 150 Flüchtlinge, die von der Bezirksregierung Köln angekündigt wurden, haben die Schule Mittwochnacht bezogen. „Aber alle hätten Platz“, sagt Grüttemeier und das ist nicht nur die Hauptsache, es ist vor allem keine Selbstverständlichkeit. Dass die vorübergehende Unterbringung von Flüchtlingen so reibungslos abläuft wie in der Kupferstadt, das ist nicht immer so. „Wir haben uns einfach wirklich gut darauf vorbereitet“, sagt Grüttemeier.

Der Bürgermeister sowie Andreas Dovern, Schichtleiter der Stolberger Feuerwehr, Martina Harperscheidt, Leiterin des Sozialamts, die Ehrenamtsbeauftragte Hildegard Nießen und Thomas Jansen und Christoph Dickeler, die Vertreter der Schulleitung der Schule, zeigen sich stolz auf die gelungene Arbeit.

Stadt und Schulleitung waren nur nicht wirklich überrascht, als die Nachricht über die Ankunft der Flüchtlinge kam. Grüttemeier sei durch die Medien bereits über die Möglichkeit einer Flüchtlings-Aufnahmestation in seiner Schule sensibilisiert gewesen, sagt er. „Dann ging alles aber doch überraschend schnell.“ Der Unterricht werde aber nicht von der Situation beeinflusst, sagt er.

Die Probst-Grüber-Schule ist eine auslaufende Hauptschule. Derzeit werden noch 60 Schüler unterrichtet. „Es ist schon günstig, dass die Nachricht noch in den Sommerferien kam“, sagt Jansen. Die ergriffenen Maßnahmen für die Flüchtlingsunterbringung, würden keine Einschränkung des regulären Unterrichts für die Schüler mit sich bringen.

Gastfreundschaft und Toleranz

Auch wenn am Montag sicherlich ein sehr aufregender erster Schultag der Probst-Grüber-Schüler sein wird. Räumlich lässt das Schulgebäude eine Trennung des Flüchtlingsbereichs und der Schüler zu. „Kontakte wird es aber dennoch geben“, sagt Jansen, auch wenn es sogar unabhängige Eingänge zu den Gebäudeteilen gebe. „Der Bereich zur vorübergehenden Unterbringung der Flüchtlinge ist auch nicht eingezäunt“, betont der Bürgermeister, „sie sollen wissen — und auch das auch fühlen —, dass sie frei sind.“

Im Vorfeld habe man mit der Nachbarschaft und der naheliegenden Kindertagesstätte gesprochen. „Es wird auf jeden Fall zu Kontakten kommen“, sagt Grüttemeier, und das sei auch so gewollt. Stolberg soll damit ein Zeichen der Gastfreundschaft, Toleranz und Integration setzen.

Jansen ist davon überzeugt, dass die Erfahrung für seine Schüler eine lehrreiche und auch gute Erfahrung sein wird. „Sie werden dieses Engagement und Mitgefühl sehen“, sagt er, „und auf der anderen Seite vielleicht auch die Verunsicherung der Menschen in der Stadt erfahren. „Insgesamt ist die Resonanz sehr positiv“, betont Hildegard Nießen. Seit die Stadt die Ankunft der Flüchtlinge bekannt gegeben hat, bringen Menschen aus allen Stadtteilen Spenden vorbei. Spielzeug und Oberbekleidung wird am meisten abgegeben.

Die meisten der Flüchtlinge seien männlich, sagt der Bürgermeister. Viele jünger als 40 Jahre und eine Familie mit einem siebenjährigen und einem dreijährigen Kind. Bisher kommen die neuen Bewohner der Probst-Grüber-Schule aus Algerien, Syrien, Georgien, Albanien, Serbien und Eritrea.

„Einige der Flüchtlinge mussten leider schon einige Wochen in Notunterkünften leben“, sagt Grüttemeier. Manche wurden sogar in Aachen aufgegriffen, nach Dortmund geschickt und jetzt wieder zurück in die Region gesandt. Andere sind erst seit wenigen Tagen in Deutschland. Dann wurde oft noch keine medizinische Erstuntersuchung durchgeführt. Die Kupferstadt scheint aber auf so ziemlich alles vorbereitet. Um 23.15 Uhr sei am Mittwoch der letzte Flüchtling des Tages aus der zentralen Aufnahmestelle in Dortmund angekommen, sagt Dovern.

Nachdem die Stadt am Dienstag über die Ankunft der 150 Stolberger Gäste informiert wurde, war die Aufregung erst einmal groß.

Extra für solche Fälle habe man aber einen Krisenstab in Stolberg eingerichtet, der kurze Kommunikationswege und schnelles Handeln zulasse, sagt Grüttemeier. Innerhalb von 24 Stunden konnte der Bezirksregierung gemeldet werden, dass das Gelände bezugsbereit sei. Mit allem was dazu gehört: Die Duschen der Schule können genutzt werden. Es wurden extra noch Sanitäranlagen aufgestellt, Feuerlöscher und Rauchmelder installiert, es gibt Hunderte von bereits gelagerten Windeln.

Selbst Aushänge mit den Hausregeln und allgemeinen Informationen waren bereits in verschieden Sprachen vorgedruckt und mussten nur noch ausgehängt werden. „Die mussten wir nur noch aus der Schublade holen“, sagt Dovern.

Der Schulhof muss auch nachts taghell erleuchtet sein, damit jene, die erst bei Dunkelheit eintreffen sich auf dem Hof auch zurecht finden. „Ankömmlinge werden hier nach ihrer Muttersprache in Gruppen geteilt“, sagt Dovern, „ein Übersetzer erklärt ihnen dann Schritt für Schritt die Personalienaufnahme, die kurze medizinische Kontrolle und wo sie sich ihr erstes Versorgungspaket abholen können.“ Darin ist alles was die Flüchtlinge in den ersten 24 Stunden benötigen: ein Kissen, eine Decke, ein Handtuch und Hygiene-Artikel. Die Duschen der Turnhalle können dafür genutzt werden.

20 Stolberger Dolmetscher

20 Stolberger mit verschiedenen Sprachkenntnissen hatten sich freiwillig gemeldet, um Feuerwehr, DRK, das Technische Hilfswerk (THW) und die Stadt bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Auch Stolberger Ärzte haben sich angeboten, bei der Erstankunft der Flüchtlinge zu helfen. Bis um zwei Uhr nachts hätten zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern freiwillig Dienst getan, sagt Heike Eisenmenger, Sprecherin des Bethlehem Krankenhauses, am frühen Mittwochabend seien sogar noch mehr hilfsbereite Ärzte vor Ort gewesen.

„In den kommenden Wochen werden die Flüchtlinge, die noch keine komplette medizinische Untersuchung hatten, in kleinen Gruppen im Bethlehem-Krankenhaus untersucht.“ Harperscheidt ist von dem Engagement, den Spenden und der Bereitschaft zu ehrenamtlicher Hilfe beigeistert, „ein gutes Zeichen für Stolberg.“

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