Stolberg: Erlebnisse und Gefühle in Worte kleiden

Stolberg: Erlebnisse und Gefühle in Worte kleiden

Sich Geschichten vorlesen lassen und in die Märchenwelt abtauchen, im großen Kinderchor lustige Lieder singen und natürlich ganz viel plappern mit anderen Kindern und dabei ständig neues Lernen - das sind die Dinge, von denen die Zeit im Kindergarten bestimmt ist, an die man sich auch später noch gerne zurückerinnert.

Doch es gibt auch immer mehr Kinder, die sich nicht mit einem Lächeln an den Kindergarten zurückerinnern werden - weil sie nicht in die Märchenwelt abtauchen können, nicht mit den anderen Kindern singen und wild drauflos plappern können - zumindest nicht auf deutsch. Auch die zweijährige Hania gehört zu diesen Kindern. Denn wie von so vielen anderen Stolberger Kindern ist Hanias Muttersprache nicht deutsch.

Gleiche Chancen

Dass auch Hania und alle anderen Kinder mit Migrationshintergrund irgendwann die deutsche Sprache genauso gut beherrschen wie ihre Muttersprache, dass sie dadurch die gleichen Chancen auf Bildung haben, dafür kämpft Christa Haupts, die Leiterin des Integrativen Familienzentrums Franziskusstraße, gemeinsam mit der Pädagogin Marieluise Bergrath in ihrer Einrichtung.

Die beiden Frauen haben sich ein großes Ziel gesetzt, immerhin beträgt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund in manchen Gruppen des Kindergartens bis zu 80 Prozent. „Auch wenn der Weg dorthin nicht ganz einfach ist: Wir möchten, dass sich alle Kinder in ihrer Muttersprache, aber auch auf deutsch richtig ausdrücken können.

Denn die Sprache bedeutet für ein Kind, seine Beobachtungen und Erlebnisse, seine Gefühle und Gedanken auszudrücken und mit anderen zu teilen. Das ist ein wichtiger Teil der Entwicklung”, sagt Christa Haupts.

Unterstützung bei diesem Sprach-Einsatz erhalten die beiden Frauen durch das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen der „Offensive Frühe Chancen: Schwerpunkt-Kitas Sprache und Integration”. Durch die Initiative des Bundes sollen in rund 4000 Kitas in der Bundesrepublik - durch zusätzliche Finanzmittel in Höhe von 25000 Euro pro Jahr für die Dauer von drei Jahren - Halbtagsstellen für Fachkräfte zur Sprachförderung geschaffen werden.

In Stolberg wird so die Arbeit von Marieluise Bergrath finanziert. Sie begleitet und unterstützt die Kinder bei ihrer sprachlichen Entwicklung und setzt dabei schon bei den ganz Kleinen an: den 12 U-3 Kindern, die im Familienzentrum betreut werden. Zwei Drittel dieser Kinder haben ihre Wurzeln in anderen Ländern der Erde. „Je früher die Kinder mit der deutschen Sprache in Berührung kommen, umso leichter ist das Erlernen des Deutschen neben der Muttersprache”, sagt Marieluise Bergrath.

Aber es sei trotzdem schon richtig und wichtig, wenn Eltern mit den Kindern die Sprache des Herzens sprechen. „Wenn die Eltern falsches Deutsch sprechen und die Kinder es falsch lernen, ist das auch nicht gut”, so Haupts. Dann lieber richtiges Deutsch in Kindergärten wie dem in der Velau lernen: Gefördert werden die Kinder im Familienzentrum, ohne dass sie es selbst merken. „Wir integrieren die Förderung in den pädagogischen Alltag”, so Bergrath.

Sie geht zu den Kleinen in die jeweiligen Kindergartengruppen und kümmert sich dort intensiv um die Kleinkinder. „Die Kleinen werden während ihres Tagesablaufs unterstützt, beim Anziehen, beim Frühstück, bei Spiel und Bewegung”, sagt Marieluise Bergrath. Dafür nehme sie sich zum einen ganz viel Zeit, zum anderen kleide sie jede Handlung in Worte. Genau diese banalen Dinge seien es, die den Kinder so sehr beim Erlernen der Sprache helfen, so Bergrath.

„Es ist für diese kleinen Kinder, die direkt zwei Sprachen erlernen, schon wichtig zu wissen, dass sie etwas anziehen, das Hose genannt wird und aus einem Gefäß trinken, das auf deutsch „Becher” heißt. Um ihnen das immer wieder zu sagen, bin ich da”, sagt Bergrath.

Natürlich leisteten auch die vielen Erzieherinnen und Erzieher in den Gruppen diese Arbeit innerhalb des Tagesablaufs - doch bei einer Gruppengröße von oft mehr als 20 Kindern bliebe nicht genug Zeit für die Intensivbetreuung einzelner Kinder. Und vor allem bei den Unter-Dreijährigen sei eine Intensivbetreuung nicht nur zum Erlernen der Sprache, sondern auch für die weitere Entwicklung enorm wichtig.

Weil Marieluise Bergrath stets ganz nah an den Kleinen dran ist, ist sie die wichtigste Vertrauensperson der Kids. So knüpft man auch leichter Bande zu den Eltern. „Marieluise hat im Rahmen des Sprachförderprogramms die Möglichkeiten, den Kontakt zu den Eltern der U-3-Kinder intensiv zu pflegen. Das ist wichtig, denn: Kindergartenarbeit ohne Eltern funktioniert nicht”, sagt Einrichtungsleiterin Christa Haupts.

Der Weg, den das Stolberger Familienzentrum derzeit beschreitet, scheint zum Erfolg zu führen. Die Rückmeldung aus den Kindergartengruppen und von den Eltern ist sehr positiv. Dass sie diesen Weg gehen können, ist nicht selbstverständlich, betont Haupts. „Es ist ein echter Luxus, eine Sprachförderung dort ansetzen zu lassen, wo Sprache erworben wird - also im Alltag.”

Der normale Kindergartenalltag gebe das nicht mehr her, umso dankbarer sei man deswegen über die finanzielle Unterstützung im Rahmen der Bundesinitiative.