Erfolgskontrolle im Naturschutzgebiet Schlangenberg

Klimawandel trifft auch Galmeiflora : Wo Biologen mit der Lupe auf dem Bauch liegen

Stichproben, Strichlisten, Klimawandel: Auf dem Schlangenberg wird der Erfolg der Entkieferung penibel bewertet. Letztlich geht es bei dem Auftrag um Ökopunkte auf dem städtischen Konto bei der Städteregion.

„Ja, die Vorstellung ist richtig“, lacht Richard Raskin. „Das machen wir auch.“ Der promovierte Biologe liegt auf dem Boden, zupft einen Grashalm aus, schaut ihn mit der Lupe ganz genau an. Kleine Härchen und Blättchen werden studiert und gezählt. „Es ist Festuca Aquisgranensis“, sagt Raskin Das Bestimmungsbuch an seiner Seite hat der 56-Jährige nur sicherheitshalber auf den Schlangenberg mitgenommen. Festuca Aquisgranensis kennt Raskin in- und auswendig. Es ist der Galmei-Schafschwingel. Und zwar der, der ausschließlich im Raum zwischen Stolberg und Kelmis vorkommt.

Vom Schafschwingel gibt es mehr als 20 Arten in der freien Natur – mal ganz abgesehen von den Zierschwingeln die man in Gärtnereien kaufen kann. Diese leicht Blau getönten Grasbüchel in der Landschaft kann man nur anhand von Feinheiten unterscheiden. Es gibt etwa die Gruppe des Gewöhnlichen- und des Echten Schafschwingels, zu dessen Unterarten eben auch der Galmei-Schafschwingel gehört, der Stolberg zu einer Popularität unter den Botanikern verhilft.

Dr. Erwin Patula hat ihn zuerst beschrieben und durfte ihn benennen. Er entschied sich für den lateinischen Beinamen der etwas bekannteren Stadt Aachen.

Es geht bei der Bestimmung um die kleinen, feinen Details. wie Härchen und Blättchen. Da nimmt Dr. Richard Raskin auch die Lupe zur Hand. Foto: Jürgen Lange

Der Aachener Botaniker Prof. Dr. Mathias Schwickerath machte später den Galmei-Schafschwingel mit seinen Partnerpflanzen bekannter: Unter dem Namen „Zinkpflanzengesellschaft“ beschrieb er die Gewächse, die Stolberg im Kreise der Fachleute zu einem Begriff machen und immer mehr Fans unter Besuchern und Spaziergänger finden: Galmei-Veilchen, -Leimkraut, -Frühlingsmiere, -Täschelkraut, -Grasnelke und eben Galmei-Schafschwingel. Quasi die „big five“ des Schlangenbergs, die kleinen Gewächse, die eine so große Bedeutung haben, weil sie stetig vom Aussterben bedroht sind.

Das ist letztlich der Grund, warum Richard Raskin an diesem sonnigen Sommertag auf dem Schlangenberg liegt und in einem Raster von rund zwei mal zwei Meter die Blümchen sorgsam zählt, während seine Kollegin Verena Niedeck penibel die vorbereitete Strichliste führt – und sie gelegentlich um eine unerwartete Art ergänzt. Der Inhaber der Aachener Raskin Umweltplanung und Umweltberatung zieht Bilanz im Auftrag der Kupferstadt: Wie ist die Entkieferung des Schlangenberges heute ökologisch zu bewerten?

Die Feldhamster-Story

Schon auf dem Weg zum Abitur am Stolberger Goethe-Gymnasium hatte Raskin die Biologie als Steckenpferd entdeckt. Nach Studium und Promotion sowie unterschiedlichen Tätigkeiten im Bereich Landschaftsplanung und Naturschutz wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit zunächst als Teilhaber eines Büros: seit 1999 ist er geschäftsführender Gesellschafter. Raskins Abhandlungen über die „fachlichen und artenschutzrechtichen Anforderungen an Genehmigungsverfahren bei einer Betroffenheit des Feldhamsters im deutsch-niederländische Gewerbegebiet Avantis bei Aachen und beim Braunkohlekraftwerk Neurath bei Neuss“ sorgten für Reputation. Aber den Besonderheiten der Natur in seiner Stolberger Heimat ist er immer treu geblieben. Die Galmeiflora hat seinen beruflichen Weg stets begleitet.

Auch auf dem Schlangenberg. Bereits vor einem Jahrzehnt, als Förster Theo Preckel erste Bereiche roden ließ, um zu sehen, ob und in welchem Maße die Galmeiflora zurückkehrt, war Raskin als Fachmann mit von der Partie. 2011 erarbeitete er die Grundlagen für die großflächige Entkieferung der 4,5 Hektar in dem Fauna-Flora-Habitat, einem von neun Naturschutzgebieten mit europäischer Bedeutung in Stolberg. Das entspricht einem besonders bedeutendem Qualitätssiegel für seltene und wertvolle Natur, die erhalten werden muss.

Das Problem des Schlangenbergs ist weithin bekannt. Die in der Preußenzeit angesiedelten Kiefern machten sich immer mehr breit. Damit rauben sie der seltenen Flora, die nur auf den schwermetallbelasteten Böden vorkommen kann, Luft und Sonne zum Überleben. Das Überleben dieser Pflanzenspezialisten war ernsthaft in Gefahr. Es war dringend an der Zeit zu handeln.

Verena Niedek führt penibel die vorbereitete Strichliste. Einige unerwartet entdeckte Arten werden per Hand nachgetragen. Foto: Jürgen Lange

Ein Luftbild aus dem Jahre 1951, das den Schlangenberg noch weitestgehend baumlos dokumentiert, galt als Blaupause bei der Planung der Entkieferung. Bevor Harvester und Forstwirte mit Kettensägen anrückten, dokumentierte Richard Raskin mit seinem Team 2011 sorgfältig den Bestand der vorhandenen Pflanzengesellschaften.

Letztlich geht es bei seinem Auftrag um Ökopunkte auf dem städtischen Konto bei der Städteregion. Sie sind eine Art virtuelle Währung mit der die Stadt Eingriffe in die Natur etwa bei Baumaßnahmen ausgleichen kann. Für eine Aufwertung der Natur gibt es dagegen Einzahlungen auf der Guthabenseite.

So ist auch die Entkieferung des Schlangenbergs sorgfältig kalkuliert und berechnet worden. Bereits 2011 hat die Untere Naturschutzbehörde der Stadt rund 970.000 Ökopunkte gut geschrieben für die Maßnahme. Nun geht es um einen Betrag in der gleichen Größenordnung, abhängig vom eingetretenen Erfolg der Renaturierung. Den muss Raskin nun quantifizieren. Zunächst durch Begutachtung und Zählen vor Ort, dann durch Auswertung, Analyse und Berechnung im Büro. Im Herbst werden seine Ergebnisse vorliegen. Anhand seiner Daten und Karten durchstreift er mit seiner Mitarbeiterin den Schlangenberg, der sich in eine Savannenlandschaft zurückentwickelt hat. „In Sachen Galmeiflora hätten eigentlich noch mehr Bäume gefällt werden müssen“; zwinkert Raskin. Aber der Förster habe es nicht übers Herz gebracht, einzelne schöne Bäume doch noch zu erhalten. Aber es gibt nicht nur seltene Pflanzen wie die Galmeiflora und Orchideen auf dem Schlangenberg, die wiederum spezielle Insektenarten anziehen, sondern auch bedrohte Vogelarten.

Galmeiflora im Klimawandel: Juli-Hitze und anhaltende Trockenheit bereiten auch den Spezialisten für Schwermetallböden den Garaus. Foto: Jürgen Lange

Beispielsweise Heidelerche, Schwarzkehlchen, Spechte, Hohltauben und Neuntöter sowie Fledermäuse sind dort Zuhause. Naturschutz bedeute auch Kompromisse einzugehen. Macht man das nicht, verschwindet die Vielfalt.

Das ist auf dem Schlangenberg Gelbbauchunken, Kreuzkröten & Co. so ergangen. In den 80er Jahren war das Areal noch ein Truppenübungsplatz, den die Bundeswehr mit schwerem Gerät befuhr. Das hinterließ tiefe Fahrspuren, die sich mit Wasser füllten und den speziell angepassten Amphibien als Lebensraum dienten. Nachdem die Bundeswehr mit ihren Manövern nicht mehr für diese Biotope sorgte, starben Unken und Kröten in dem Habitat aus.

Ganz offensichtlich ist, dass es den Zinkrasenpflanzengesellschaften heute anders ergeht. Sie gedeihen schon auf den ersten Blick ganz prächtig und breiten sich aus. Doch auch an diesem heißen Exkursionstag im Juli lassen sich die Veränderungen in unserer Umwelt erkennen.

Kaum Galmeiveilchen zu sehen

„Der Klimawandel macht vor dem Galmeiveilchen nicht Halt“, sagt Richard Raskin. Kaum ein einziges der Gelb blühenden Exemplare ist zu entdecken. Das liegt nicht daran, dass das Violetum Calaminariae Rhenanicum, also die nur hier vorkommende Art des Galmeiveilchens, das Dank einer Symbiose mit Pilzen sich auf seinem giftigen Boden ernähren und gedeihen kann, sich an seinen einzigartigen Standorten in Stolberg und dem niederländischen Epen nicht mehr wohl fühlen würde.

„Es ist zu heiß und zu trocken“, sagt Verena Niedek. „Die Natur scheint schon einen Monat weiter zu sein“, wertet die angehende Feldbiotanikerin. Ihren Master in angewandter Geographie mit dem Schwerpunkt Biologie hat die 32-Jährige längst in der Tasche. Aber „mittlerweile zu kurz kommt im Studium die praktische im Felde“, sagt Raskin. Pflanzenbestimmung, Kartiertechniken, Zusammenhänge zwischen Vegetation und Standort, die Interpretation von Geländebefunden und Artenkenntnisse muss man sich selbstständig aneignen. Mit solchen Themen befasst sich Verena Niedek intensiv in einer mehrjährigen Fortbildung der staatlichen Natur- und Umweltschutz-Akademie NRW – und natürlich in ihrer täglichen Arbeit im Büro Raskin und aktuell auf dem Stolberger Schlangenberg.

Und in der Tat finden dort die beiden Experten Flecken, auf denen der beispielsweise Galmei-Schafschwingel nur noch in so vertrockneten Büschen auf dem Boden liegt, als hätte man ihn im Backofen stundenlang gegart. Der Klimawandel ist greifber. Die Fachleute werden den Schlangenberg mit seiner seltenen Fauna und Flora weiter im Auge behalten (müssen).

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