Ein Ründchen durch die Stadt

Wenig Fluktuation, wenig Leerstand : Entlang der Rathausstraße lebt Stolberg

So konträr sich bislang die Fußgängerzone Steinweg und die Mühle auch präsentierten, aber in der Stadtmitte besitzt Stolberg noch am meisten das, was eine Innenstadt ausmacht: Einzelhandel, Passanten, Banken, Ärzte, Anwälte, Apotheken und Gastronomie.

Die Rathausstraße erinnert zwischen Bastinsweiher und Kaiserplatz noch am meisten an das „alte Stolberg“, wenn auch die Veränderungen an der einstigen „Wall Street“ nicht spurlos vorbeigegangen sind. Von den einst sieben sind noch vier Geldinstitute am Platz.

Aber an der Rathausstraße findet man noch die meisten der alteingesessenen Namen. Apotheke Kleis, Ofen Fuchs, Heimtextilien Leufgens, Café Urlichs, Uhren Steffens, Optik Stockhausen und Sporthaus Flink blicken auf eine große Geschichte. Aber auch eine ganze Reihe von jüngeren Geschäften hat an der Einkaufsstraße bereits Tradition, beispielsweise die Parfümerie Becker, die Artho-Klinik von Dr. Manfred Fleck in der einstigen Landeszentralbank, das Friseurteam Andrea, das Restaurant Boccaccio am Bastinsweiher und das Artemis im Frankentaler Hof, Reinigung Braun, die Physiotherapie Driessen in der ehemaligen Metzgerei Heich, Brillen Kaulard, Foto Wolters, die Kupferhof- und die Rathaus-Apotheke sind nur einige Beispiele.

In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Insgesamt 61 Geschäfte sind entlang der Rathausstraße vorhanden. Umnutzungen gab es zwei Mal – darunter das Familienbüro und das Gesundheitsamt. Zudem ist dort die Ditib-Moschee beheimatet. Zwei ehemalige Ladenlokale wurden mittlerweile in Wohnraum umgewandelt. Der Leerstand ist relativ gering – zumindest im Vergleich zum angrenzenden Steinweg. In der Rathausstraße gibt es gerade einmal 16 ungenutzte Lokale.

Viele Geschäfte blicken auf ein langjähriges Engagement. An der Rathausstraße ist die Fluktuation gering. Da fällt es mittlerweile schwer sich zu erinnern, was früher einmal in dem Laden war.

Belebt: Über die Rathausstraße rollt der Verkehr noch ungehindert, sieht man einmal ab von Baustellen. Foto: Jürgen Lange

Was war denn früher da?

Leer steht an der Ecke zur Frankentalstraße die frühere Malteser-Apotheke. Bis vor kurzem war dort die Herrenlinie, die jüngst neben das Muttergeschäft von Brautmode Divatilli gezogen ist. Nebenan, im früheren Geschenkeladen, ist ein Modegeschäft. Schon lange ist Discounter Kik, wo einst der Kontra-Markt von Theo Reinartz war. Wo dessen Fleischabteilung an der Ellermühlenstraße lag, ist heute das Sozialkaufhaus Wabe mit Ableger in der ehemaligen Bankfiliale. Bei der Neugestaltung des Bastinsweihers wollte sich eine Bäckerei mit Café dort engagieren, kam aber nicht zum Zug.

Gegenüber ist die einstige Park- und spätere Engel-Apotheke, die heute in Atsch ist, in eine Wohnung umgebaut, die leer steht. Nebenan bieten eine Schneiderin und ein Schuster ihre Dienste an sowie ein marokkanisches Fisch- und Frischegeschäft stets zum Wochenende. Moss ist eine gefragte Adresse. Bei Lotto & Tabak Intrau gibt es auch unsere Zeitung zu kaufen, und eine Versicherung residiert hier. Aber wer erinnert sich noch daran, dass in diesen Ladenzeilen früher ein Plus-Markt, eine Weinhandlung, ein Pralinen- und ein Hutgeschäft, eine Blumenhandlung und eine Boutique ansässig waren?

So waren einst gegenüber in der Ecke an der Talbahnstraße ein Zigarrenladen und die Boutique Marie Lou zu finden, wo seit mehr als zehn Jahren das Stolberger Bestattungshaus ist. Neuer Nachbar ist ein Kosmetikangebot aus der Mongolei, während neben dem Ofenhaus weder ein Asiate noch ein Italiener Fuß fassen konnten, und sich vor drei Jahren das Schuhhaus Back an der Ecke zur Stadthalle verabschiedet hat.

Nicht überall funktioniert die Pflege des Stadtbildes. Foto: Jürgen Lange

Alles mit Rang und Namen

Das ist ein Gebäude, das die Stolberger über alte Zeiten schwärmen lässt, als die Halle städtisch war und ein Blumenmeer den Vorplatz des Saales schmückte, während in Restaurant und Bistro gepflegte Speisen und Getränke serviert wurden. Später gab es noch einen Brunnen aus riesigen Kieselsteinen, der selten sprudelte und meistens voller Müll lag – ein erstes Zeichen des Niedergangs.

Beate Fleck, die seit vielen Jahren das Hotel betreibt, hat sie miterlebt. Im zur Passage umgebauten Restauranttrakt fand man vor neun Jahren noch Theo Reinartz’ neuen Rewe-Markt, Bäckerei und weitere Ladenlokale. Geblieben davon ist das Eiscafé und im Obergeschoss das Seniorenheim, das mittlerweile um betreute Wohnangebote erweitert ist. Alles, was in der Musikszene Rang und Namen hat, gastierte in Stolberg – zumindest bis es in Aachen den Eurogress gab. Heute nutzen bis auf ganz wenige Ausnahmen fast nur Hochzeitsgesellschaften den Festsaal. Andere Hochzeiten wählen als Location den benachbarten Kupferhof von Monika Lück, die das Denkmal vor dem Verfall bewahrt hat. In den Werkshöfen residieren weiterhin Mediziner.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Rosentals bieten Klinik, Apotheke und Arztpraxen einen medizinischen Schwerpunkt. Den Schlüsseldienst gibt’s schon ewig, die Targo-Bank startete im Nebengebäude in den 80er Jahren noch als Kundenkreditbank. Wer erinnert sich noch an Coop und Tengelmann, Juwelier Uttermann, Schuhe Deichmann, Strauss und Musikhaus Götz in der Nachbarschaft? Schon lange Jahre sind dort Tedi und Kodi, ein Sonnenstudio und ein Kiosk mit Reisebüro ansässig. Im schmalen Gebäude nebenan kümmerten sich die Eheleute Rothkranz um die Zahngesundheit. Später trug dort der Nikolaus-Grill zur kulinarischen Versorgung bei; nun verspricht ein Plakat eine Pizzeria.

Die gute alte Schauburg anno 1924 mag man gar nicht mehr ansehen, so traurig ist der Anblick. Im Grabe umdrehen würde sich Marlene Dietrich, die in den Nachkriegstagen in dem Lichtspielhaus mit 800 Sitzplätzen auftrat. 1985 war Schluss. Nahezu nahtlos folgte eine Videothek – bis der technische Fortschritt erneut zuschlug. Die Nachfrage ließ nach. Seit 2014 steht das Gebäude leer. Der Eingang dient nur noch dem wilden Müll.

Winkekatzen und Sojasprossen

Gleich nebenan erzählt ein halbherzig verhangenes Schaufenster eine ähnlich traurige Geschichte. Im gemütlichen „Le Poca“ von Aldo Linardi, später eine Filiale von Egidio Panciera und Ermes Rovere, traf man sich Ewigkeiten auf einen Espresso oder auf ein Eis – bis die Konkurrenz aus Portugal in die Stadthallen-Passage zog. Vor neun Jahren noch versuchte sich im kleinen Ladenlokal eine asiatische Importfirma – Winkekatzen und Säcke voller Sojasprossen inbegriffen.

Nebenan schlug 2015 die letzte Stunde der Buch- und Schreibwarenhandlung Leufgens. Während Bärbel Leufgens den Laden schloss, und der Zeitungsverlag mit Redaktionen und Anzeigenabteilung nach Eschweiler verzog, erblüht neues Leben. Gestern wurde die aus Eschweiler nach Stolberg zurückgekehrte Nebenstelle des Gesundheitsamtes der Städteregion offiziell eröffnet.

Grandsigneur der Gastronomie

Hinter Bettenhaus Leufgens und Physiotherapie Driessen folgte früher das Modehaus von Fritz Hopp. „Die Dicken zu Hopp“ war sein Slogan, der weiterhin in den Köpfen ist. Heute findet man hier eine der größten Shisha-Bars der Städteregion. Und gleich nebenan betreibt das frühere „Altertümchen“ ein Grandsigneur der Stolberger Gastronomie. „Check Point“ hat Gerd Bougé seine kulinarische Kontrollstelle an der Mitte der Rathausstraße genannt, vor ihr und im Vichtbachgarten eine Außengastronomie und das Nachbarlokal als Dart-Arena eingerichtet. Dort waren einst die Boutiquen von Udo Redding und Ute Stutzkowski sowie Inneneinrichtung Truwe.

1948 gegründet, führen Jutta und Helmut Steckmann das Café Urlichs in dritter Familiengeneration. Vorübergehend, wegen der Straßenbaustelle, sind sie ins Café Steinfeld ausgewichen, dass von der Konditorei Rongen eröffnet worden war, um die Salmstraße zu verlassen. Zwischen Kupferhof-Apotheke und Villa Lynen stehen die letzten Geschäftsräume der Deutchen Bank und der Barmer leer.

Medizin in Kaiserlicher Post

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind Optiker, Versicherungsagentur und Immobilienmakler die Nachbarn von VR- und Commerzbank sowie traditionell der Unfallchirurg. Aber wo heute die Stadt ihr Familienbüro aufgeschlagen hat, fand man früher Möbel Rössler, Sanitätshaus Schnur, CD’s, Kodi und zuletzt Blumen.

Auf der östlichen Seite weiter in Richtung Süden ist das Fotostudio Wolters eine Bastion, während man über das „Haus Rosental“ nur noch Anekdoten erzählen kann. 1889 erbaut als Metzgerei, später Kneipe mit Saal und Kegelbahn mit legendären Wirten wie „Mottesch Män“ und zuletzt „Chico“. Zukünftig soll eine Großtagespflege betrieben werden.

Geschichten erzählen könnten auch die Vorgänger der aktuellen Ladenlokale: Reisetreff, Hörakustik und Telekommunikation sind noch bis Uhren Steffens – seit 1859 in Stolberg – anzutreffen. Berühmtester Nachbar waren Lederwaren und Parfümerie Moll.

Mit Café Urlichs im Steinfeld, einem Leerstand im früheren Reisebüro und der Suche nach einem neuen Nutzer der Postbank, die Ende September schließt, geht’s Richtung Kaiserplatz. Seit 2008 nutzen Rechtsanwaltskanzleien die 1923 erbaute Deutsche Bank. Tradition hat der Sitz der LBS neben der Apotheke am Kaiserplatz, wo die einst Kaiserliche Post heute ein Medizinisches Versorgungszentrum ist und Ali Yüce seinen Kupferpavillon nach dem Küchenbrand wieder eröffnet hat.

Als es Opel im Zentrum gab

Nördlich des Rathauses (in den 70ern noch mit dem Büdchen von „Kannens Hein“) ist die Sparkasse ein Angelpunkt, und die Boutique von Sema Devranli besteht auch schon zwei Jahre. Optik Stockhausen (früher Jäger, Plum und zusätzlich mit Modelleisenbahn-Sortiment) ist alteingesessen wie Juwelier Emunds. Was vor Parfümerie Becker war, ist nicht erinnerlich. Der Tatoo-Laden war ein Schuhhaus. Im Tapetenfachgeschäft Engelen sind ein Pfandhaus und ein Tabakwarengeschäft, das Reisebüro steht nach einem Umzug leer. Sport Flink ist ein Begriff. Ein vietnamesisches Restaurant nutzt schon einige Zeit das traditionsreiche Fotohaus. Wo heute Bestattungen angeboten werden, saß einst die Redaktion der Nachrichten. Wo heute Friseur und DRK-Kleiderladen sind, war Haushaltswaren Dahmen, der Backshop war ein Zoohaus, das Nagelstudio ein Tabakwarengeschäft. Einst Rundfunkgeräte, dann Sonnenbank und nun kosovarische Brautmoden sind an der Ecke zum Schellerweg zu finden. Sie wurde früher wie nebenan die Werbeagentur, das Stoffhaus (zuvor Allkauf) und die Reinigung (zuvor Taxi Bougé und Weinhandel) von Opel Hülsen genutzt. Auf der anderen Seite sind ein Computerladen und schon lange ein Zahntechniker und Friseur Carduck zu finden.

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